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Sexualität im Kindergarten: "Kinder haben keine Schamgefühle"


Sexualität im Kindergarten
"Sie wissen nicht, wo Grenzen liegen"


25.02.2024Lesedauer: 3 Min.
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Kinder spielen in einer Kindertagesstätte (Symbolbild): Das Thema Sexualität im Kindergarten löst immer wieder hitzige Diskussionen aus.Vergrößern des Bildes
Kinder spielen in einer Kindertagesstätte (Symbolbild): Das Thema Sexualität im Kindergarten löst immer wieder hitzige Diskussionen aus. (Quelle: Jens Büttner/dpa)

Ein vermeintlicher "Masturbationsraum" in einer Kita löst Empörung aus. Dass diese nicht angebracht ist, erklären die Experten.

Sexualität und Kindergarten: Zwei Wörter, die viele wohl nicht miteinander verbinden. Zuletzt löste das Thema im nordrhein-westfälischen Kerpen Aufruhr aus. Ein vermeintlicher "Masturbationsraum" in einer Kindertagesstätte sei geplant gewesen, so der Vorwurf. Nach Angaben der Stadt habe es diesen aber nie gegeben. Auch habe die Kita nicht "einen fragwürdigen oder abzulehnenden Eindruck hinterlassen". Nicht der erste Fall, bei dem Sexualität im Vorschulalter skandalisiert wird. Zu Unrecht, sagt die Beratungsorganisation Pro Familia: "Die kindliche 'Sexualität' ist nicht dasselbe wie erwachsene 'Sexualität'." Das sei aber oftmals nicht bekannt. Die Folge: Missverständnisse und "sehr emotionale Schutzreflexe".

Auch Kerstin Claus, unabhängige Beauftragte für sexuellen Kindesmissbrauch, sieht Unwissen als Grund vieler Missverständnisse. Umso wichtiger sei es, die Eltern von Kitakindern entsprechend zu informieren, etwa durch Elternabende über die psychosexuelle Entwicklung der Kinder. Damit ist die Entwicklung eines Kindes von der Geburt bis zur Pubertät gemeint.

Das empfiehlt auch Pro Familia. Wichtig sei es, den Eltern klarzumachen, dass es Unterschiede zur erwachsenen Sexualität gibt. Während Erwachsene zielgerichtet und vorsätzlich handeln, seien Kinder spielerisch und impulsgesteuert. Sie sind unbefangen und im Gegensatz zu Erwachsenen kennen sie keine Tabus. Es gehe aber nicht nur darum, die Kinder über den eigenen Körper aufzuklären, sondern auch Liebe, Gefühle, Familie und anderes zu thematisieren, teilt Pro Familia mit.

Kinder haben keine Schamgefühle

Doch wie entdecken Kinder Sexualität? Zur kindlichen Sexualität gehöre es, sich selbst zu erkunden, aber auch mit anderen Kindern zu spielen, so Claus. Das könne auch mit Geschwistern und Freundinnen passieren, sagt Pro Familia. "Die kindliche Sexualität ist spontan und zunächst ohne Schamgefühle. Die sind nicht angeboren. Sie dient, anders als erwachsene Sexualität, nicht der gegenseitigen Befriedigung", sagt Claus. Dazu gehören auch "Doktorspiele", die ab drei Jahren stattfinden und ganz normal seien, so der bayerische Erziehungsratgeber auf seiner Homepage.

Wichtig sei, dass vor allem gleich alte und gleich starke Kinder miteinander spielen. Außerdem müsse alles einvernehmlich und auf Augenhöhe ablaufen. Pädagogische Maßnahmen in Fällen von sexuellem Missbrauch sollten entsprechend vorbereitet sein. Eine zentrale Regel gebe es dabei: Es dürfen "kindliche Erkundungsspiele niemals unter Einbezug von Erwachsenen stattfinden".

Verbote helfen nicht weiter

Es bringe dabei wenig, sexuelle Verhaltensweisen bei Kindern und zwischen Kindern zu ignorieren oder sie zu verbieten. "Wer kindliche Sexualität tabuisiert, der verunsichert Kinder", sagt Claus. "Sie wissen nicht, was erlaubt ist, wo Grenzen liegen und was entsprechend verboten ist." Sie lernen im Laufe des Kindergartens, dass Sexualität privat ist, so die Bundesbeauftragte.

Pro Familia empfiehlt mehrere Vorgehensweisen, um mit Kindern über Sexualität zu sprechen:

  • Je jünger das Kind, desto allgemeiner sollte die Erklärung sein
  • Altersgemäße, einfache Worte und Beschreibungen
  • Wahrheitsgemäße Erklärungen
  • Erwünschtes und unerwünschtes Verhalten erklären und nicht nur verneinen
  • Überforderung und Unsicherheit mitteilen
  • Von Kindern eingebrachte Wörter einordnen

Sexualität von Kindern steht auf dem Lehrplan

Was viele offenbar nicht wissen: In den Bundesländern ist Sexualität oftmals Teil des Lehrplans für Kitas. Das inklusionspädagogische Konzept für Kitas in Nordrhein-Westfalen beinhaltet zum Beispiel das Thema sexuelle Bildung, erklärt das Erzbistum Köln. Die katholische Kirche selbst würdige die Sexualität als einen Bereich des menschlichen Lebens: "Gott selbst hat die Geschlechtlichkeit erschaffen, die ein wunderbares Geschenk für seine Geschöpfe ist", so das Erzbistum in einer Präventionsordnung.

Einen speziellen Raum dafür brauche es nicht: "Auch wenn die Einrichtung eines solchen Raumes gut gemeint ist, [...] kann eine solche Maßnahme die Sorge wecken, dass kindliches Erforschen von Sexualität dadurch forciert wird", sagt Kerstin Claus. Kinder, die noch nicht in der Erprobungsphase seien, könnten sich unter Druck gesetzt fühlen. Viel mehr suchen sich Kinder ihre Rückzugsräume selbst, in Form von mit Decken gebauten Lagern, Spielhäuschen, Hochebenen oder Gebüschen.

"Erwachsenen-freie Zonen sind grundsätzlich wichtig und positiv förderlich für die Entwicklung von Kindern", sagt auch Pro Familia. Bei Kindern im Schulalter sei das etwa der Fall, wenn am eigenen Zimmer ein "Bitte nicht stören"-Schild hängt. Diese Räume suchen sich die Kinder aber selbst.

"Masturbationsraum" hat es wohl nie gegeben

Dass der Begriff "Masturbationsraum" den Tatsachen entspreche, glaubt Kerstin Claus nicht: "Es ist uns schwer vorstellbar, dass der Begriff tatsächlich so gewählt wurde." Ohnehin weist das Erzbistum Köln den Vorwurf im Fall der Kita in Kerpen deutlich zurück: "Einen Raum, in den sich Kinder für Körpererfahrungsprozesse zurückziehen können, gibt und gab es in der Kindertageseinrichtung nicht."

Verwendete Quellen
  • E-Mail-Interview mit Kerstin Claus
  • E-Mail-Interview mit Pro Familia
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