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Nazi-Folterstätten mitten in der Stadt: "Anwohner beschwerten sich über Schreie"


"Sei still, sonst kommst du nach Dachau!"

  • Marc von Lüpke-Schwarz
Von Marc von Lüpke

Aktualisiert am 23.01.2022Lesedauer: 4 Min.
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Konzentrationslager Oranienburg 1933: Einlieferung von Häftlingen, darunter mit dem Sozialdemokraten Ernst Heilmann (6. v. r.) einer der prominentesten Nazi-Gegner.
Konzentrationslager Oranienburg 1933: Einlieferung von Häftlingen, darunter mit dem Sozialdemokraten Ernst Heilmann (6. v. r.) einer der prominentesten Nazi-Gegner. (Quelle: bpk / Deutsches Historisches Museum / Scherl Bilderdienst)
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Dachau war ein gefürchtetes Konzentrationslager. Weniger bekannt ist: Auch inmitten der Städte errichteten die Nazis KZs und Folterkeller. Eine ARD-Dokumentation klärt über den Schrecken auf.

Widerspruch konnte Adolf Hitler nicht gut ertragen. Dafür war der "Führer" aber überaus rachsüchtig. "Am 30. Januar sind in Deutschland die Würfel gefallen", stellte Hitler in einer Rede im Juli 1933 nochmals klar. Um dann drohend zu verkünden: "Ich glaube nicht, dass die Gegner, die damals noch gelacht haben, heute auch noch lachen."

Damit hatte Hitler sicher recht. Denn seit er an besagtem 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war, demontierte er Demokratie und Rechtsstaat der Weimarer Republik. Eifrig unterstützt von seinen Kumpanen, die Gegner der Nationalsozialisten bedrohten, misshandelten und in Folterkeller sowie frühe Konzentrationslager verschleppten.

Die "Schule der Gewalt"

"Sei still, sonst kommst du nach Dachau!", flüsterten sich manche Deutschen bald warnend zu, wenn jemand leise Kritik am Nationalsozialismus äußerte. Aber nicht nur im KZ Dachau vor den Toren Münchens, das später auch als "Schule der Gewalt" bezeichnet werden sollte, wurde gefoltert. Die überaus sehenswerte ARD-Dokumentation "1933 – Folterkeller im Wohnquartier" von Susanne Brahms und Rainer Krause widmet sich diesem weniger bekannten Kapitel nationalsozialistischer Diktatur.

Sendehinweis: "1933 – Folterkeller im Wohnquartier (Geschichte im Ersten)" wird am Montag, 24. Januar 2022, 23.30 Uhr, in der ARD ausgestrahlt. Zudem ist die Sendung bereits in der ARD-Mediathek im Internet verfügbar.

Denn im ganzen Deutschen Reich entstanden schnell nach der Machtübernahme der Nazis frühe Konzentrationslager und Folterkeller, zahlreiche der letzteren allein in der Hauptstadt Berlin. Mitten in der Stadt? Ja, denn die Gegner der Nazis, oder solche, die es werden konnten, sollten wissen, was ihnen drohte. "Das war auch Teil der damaligen Strategie und Taktik, dass der frühe nationalsozialistische Terror vor allen Augen stattfinden sollte“, sagt die Forscherin Irene von Götz in der Dokumentation.

Besonders perfide gingen die Nationalsozialisten bei der Auswahl ihrer Terrorstätten vor. Sie missbrauchten oft Orte als Schauplätze ihrer Gewaltorgien, die vormals von einem ganz anderen als dem braunen Geist durchströmt worden waren. So Gewerkschaftshäuser wie Parteizentralen ihrer politischen Gegner. Oder die Hegelschule in Bochum.

Mord im Schulkeller

Dorthin verschleppten braune Schergen im Juli 1933 den jüdischen Kaufmann Albert Ortheiler. Die Beschuldigung: Er habe auch Kommunisten bedient. SA-Männer brachten ihn im Keller um. Wie in der Bochumer Hegelschule fand der Terror auch in Berlin mitten in der Stadt statt. Etwa am Wasserturm Prenzlauer Berg, wo die SA im Maschinenhaus ein KZ betrieb.

Kommunisten und Gewerkschafter, Sozialdemokraten und andere den Nazis Missliebige – so gut wie jeder konnte potenziell in einer Folterstätte landen. Denn wer nicht für die Nazis war, war gegen sie, so die Überzeugung von Hitler und Konsorten. Irene von Götz schildert in "1933 – Folterkeller im Wohnquartier" einen besonders krassen Fall: Mit dem Ausspruch "Ihr Arsch sei schlauer als der Kopf von Hitler" soll eine Frau die mentalen Fähigkeiten des Führers bewertet haben.

Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße in Berlin: In diesen Kellerräumen folterten die Nationalsozialisten.
Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße in Berlin: In diesen Kellerräumen folterten die Nationalsozialisten. (Quelle: Schöning/imago-images-bilder)

Prompt landete sie im SA-Gefängnis Papestraße in Berlin. "Jeden Tag wurden wir mit Fäusten und Lederpeitschen geschlagen", kommt ein unbekanntes Opfer der Papestraße in der Dokumentation zu Wort. Wichtige Grundrechte der Weimarer Verfassung hatten die Nationalsozialisten bereits ausgehebelt.

Die sogenannte Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933, die nach dem Brand des laut Propaganda von Kommunisten angezündeten Reichstagsgebäude erlassen wurde, hatte dafür gesorgt. Die Nazis werteten es als eine Art Freibrief. SS und SA wurden bald zur Hilfspolizei erhoben. Die ihrerseits erprobten, wie weit sie gehen konnten mit ihren Opfern. Und sie konnten es sehr weit treiben.

"Marsch um die Linde"

Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz war zu Zeiten der Weimarer Republik eine Jugendherberge gewesen, die Nazis verwandelten sie in ein KZ. Mehr als 5.000 Menschen litten dort. Etwa beim ewig langen "Marsch um die Linde", den sogenannten "Bärentanz", bei dem die geschundenen Häftlinge immer wieder um einen Baum auf dem Burggelände rennen mussten. Dutzende Menschen überlebten die Haft auf Hohnstein nicht.

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"1933 – Folterkeller im Wohnquartier" schildert viele dieser Geschichten. Sie sind schwer auszuhalten, aber es ist wichtig, daran zu erinnern. So auch im Fall des KZ Mißler in einem dicht bewohnten Gebiet Bremens. "Bald schon beschwerten sich die Anwohner über die Schreie der Misshandelten", erzählt die Dokumentation.

Oder die Geschichte des frühen KZ Oberer Kuhberg in Ulm, eingerichtet in einer alten Festungsanlage. Über ein Zusammentreffen mit dem Kommandanten Karl Buck berichtete der frühere Häftling Fritz Herr: "Und dann ging ich rein, guten Tag! Dann bekam ich einen in die Fresse vom Buck."

Legal waren brutale Misshandlung oder gar Ermordung von Häftlingen selbst im NS-Staat nicht. Wenige Terrorknechte störte das. Musste es auch nicht, denn Strafen hatten sie selten zu fürchten. Der Fall des Osnabrücker Staatsanwalts Walter Pfeifer, der 1934 einen SS-Führer wegen Misshandlungen im KZ Esterwegen vor Gericht brachte, ist eine Ausnahme.

Der Anfang vom Ende der Demokratie

Leider waren es zu wenige, um die Menschen in den Lagern vor weiterem Terror zu schützen. Im Gegenteil, die Nazis sollten in der Zukunft ihr Lagersystem noch weiter ausbauen. Namen wie Bergen-Belsen und Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verursachen bis heute Unbehagen.

Um zu verstehen, wie verletzlich Demokratie und Rechtsstaat, aber auch Anstand und Menschlichkeit sind, hilft der Blick auf die Anfänge des "Dritten Reichs". Und das Ansehen der Dokumentation "1933 – Folterkeller im Wohnquartier". Denn wie Bertolt Brecht einst in seinem Theaterstück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" schrieb: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch".

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Verwendete Quellen
  • ARD-Dokumentation: 1933 – Folterkeller im Wohnquartier (Geschichte im Ersten), Ausstrahlung am Montag, 24. Januar 2022, 23.30 Uhr. Zudem in der ARD-Mediathek enthalten
  • Harald Sandner: Hitler. Das Itinerar. Aufenthaltsorte und Reisen von 1889 bis 1945, Berlin 2016
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Von Marc von Lüpke
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