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Wie Super-Recognizer die Köln-Täter jagen

t-online, Denis Mohr

Aktualisiert am 19.04.2016Lesedauer: 5 Min.
In der Silvesternacht 2015 waren am Kölner Hauptbahnhof Frauen sexuell belästigt und augeraubt worden.
In der Silvesternacht 2015 waren am Kölner Hauptbahnhof Frauen sexuell belästigt und augeraubt worden. (Quelle: dpa)
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Sie vergessen niemals ein Gesicht und erkennen Menschen auch unter widrigsten Umst√§nden wieder. F√ľr die Londoner Polizei identifizieren Super-Recognizer T√§ter auf Videoaufnahmen und Fotos. In Deutschland sollen sie helfen, die T√§ter der Silvesternacht von K√∂ln dingfest zu machen.

Super-Recognizer - der Begriff klingt wie der Titel einer neuen Crime-Serie aus den USA. Diese Vorstellung ist auch nicht abwegig, denn Super-Recognizer verf√ľgen √ľber eine bemerkenswerte Fertigkeit, die sie f√ľr die Verbrechensbek√§mpfung pr√§destiniert: Sie sind extrem begabt darin, andere Menschen wiederzuerkennen. Sie vergessen niemals ein Gesicht, auch wenn sie den Betreffenden nur ein einziges Mal gesehen haben und ihm erst viele Jahre sp√§ter erneut begegnen.


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Das funktioniert auch dann, wenn das Gegen√ľber sich mittlerweile v√∂llig ver√§ndert hat, stark gealtert ist, eine andere Frisur oder einen Bart tr√§gt oder sein Gesicht von einer herunter gezogenen Kapuze verschattet oder hinter einer Sonnenbrille verborgen wird.

Auch undeutliche Darstellungen sind f√ľr Super-Recognizer kein Hindernis. Sie erkennen eine Person auf stark verpixelten oder verschwommenen Bildern wieder, selbst dann, wenn sie Teil einer un√ľberschaubaren Menschenmenge ist. Damit ist es ihnen m√∂glich, auch stark verwackelte Video- und Handyaufnahmen abzugleichen, die in turbulenten Situationen entstanden sind.

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Ihre F√§higkeit zur Wiedererkennung √ľbertrifft moderne Gesichtserkennungsprogramme dabei bei Weitem. Diese Begabung macht die Recognizer f√ľr die Polizeiarbeit √ľberaus wertvoll. Allerdings ist ihre Zahl eher klein: Lediglich ein Prozent der Bev√∂lkerung verf√ľgt √ľber ein derart ausgepr√§gtes Personenged√§chtnis.

Erster Auftritt in London

Ihren ersten gro√üen Auftritt hatten die Super-Recognizer in London. Dort kam es im August 2011 zu Stra√üenkrawallen mit gewaltt√§tigen Ausschreitungen, Brandanschl√§gen und Pl√ľnderungen. Von den rund 5.000 Beteiligten wurden knapp 4.000 anhand von √úberwachungsaufnahmen sowie Handy- und Social-Media-Bildern identifiziert. Fast ein Drittel davon wurden durch Super-Recognizer erkannt, die als Polizeibeamte dem Metropolitan Police Service (MPS) in London angeh√∂rten.

Einer von ihnen, Contable Gary Collins, identifizierte alleine 180 Randalierer. Zum Vergleich: Das Gesichtserkennungsprogramm des MPS erkannte lediglich einen Verd√§chtigen - eine direkte Folge von schlechter Bildqualit√§t der √ľblicherweise sehr hoch platzierten √úberwachungskameras sowie der n√§chtlichen Sichtverh√§ltnisse.

Seit den Londoner Krawallen hat der MPS √ľber 100 Super-Recognizer bei verschiedenen Operationen eingesetzt - mit beachtlichem Erfolg. Vor 2011 wurden etwa 50 Verd√§chtige pro Woche identifiziert. 2015 nahm der MPS pro Woche rund 500 Bilder von Verd√§chtigen unter die Lupe, davon wurden knapp 250 identifiziert ‚Äď rund die H√§lfte davon von Super-Recognizern.

Der Erfolg der Erkennungsk√ľnstler sprach sich bald herum: Im Mai 2015 wurde bei Scotland Yard die Einheit der "Proactive Super-Recogniser" gegr√ľndet, um sich mit alten und neuen F√§llen zu befassen. Im Oktober 2015 waren dort bereits 152 der professionellen Wiedererkenner im Einsatz. Diese Einheit hat die Identifikationsraten bei Verd√§chtigen weiter verbessert. Im November 2015 waren vier Super Recognizer f√ľr ein Viertel aller Identifikationen verantwortlich.

Josh Davis forscht an der Univerity of Greenwich zum Thema Gesichtswiedererkennung und entwickelt Verfahren, um die Aussagen von Augenzeugen zuverl√§ssiger zu machen. Davis arbeitet seit einigen Jahren eng mit dem MPS zusammen, um Super-Recognizer f√ľr die Polizeiarbeit zu finden und zu rekrutieren.

Hierf√ľr hat er den so genannten Greenwich-Test entwickelt - einer Kurzversion davon kann sich jeder im Internet unterziehen. Davis ist vom Nutzen der Super-Recognizer f√ľr die moderne Polizeiarbeit √ľberzeugt: "Sie tragen dazu bei, viele Verbrechen aufzukl√§ren, die andernfalls nicht aufgekl√§rt w√ľrden ‚Äď in London werden √úberwachungsvideos als kriminaltechnische Methode Seite an Seite mit DNA-Analysen und Fingerabdrucksicherung verwendet, um F√§lle m√∂glichst schnell aufzukl√§ren. Super-Recognizern ist es gelungen, aktuelle Verbrechen mit bereits abgeschlossenen F√§llen in Verbindung zu bringen, indem sie Angreifer erkannten, obwohl sie sie nie zuvor pers√∂nlich getroffen hatten."

Einsatz in Köln

Auch in Deutschland sind mittlerweile Super-Recognizer im Einsatz. Als Teil der Einsatzgruppe "Neujahr" der K√∂lner Polizei sollen sie helfen, Licht in die Vorf√§lle der K√∂lner Silvesternacht zu bringen. Damals machten rund tausend Jugendliche den Vorplatz des K√∂lner Hauptbahnhofs unsicher, es kam zu zahlreichen sexuellen √úbergriffen und Diebst√§hlen. Um die T√§ter zu √ľberf√ľhren wertet die EG "Neujahr" 313 Videos und Bilder mit einem Datenvolumen von 272 GB aus.

Beteiligt an den Fahndungen sind Eliot Porrit und Andy Eyles von Scotland-Yard. Die beiden erfahrenen britischen Super-Recognizer arbeiten mit drei Kölner Polizisten mit ähnlichen Fertigkeiten zusammen und bringen ihnen bei, ihr Talent gewinnbringend einzusetzen.

Laut Angaben der K√∂lner Polizei waren die Begabungen der drei deutschen Super-Recognizer bei ihren Vorgesetzten bereits zuvor bekannt, weshalb sie gezielt f√ľr die Arbeit in der EG eingesetzt wurden. Die Aufgabe der drei besteht in der intensiven und t√§glichen Auswertung des vorhandenen Videomaterials. Hierf√ľr werden die einzelnen Strafanzeigen gesichtet und unter Ber√ľcksichtigung der geschilderten Tatherg√§nge mit dem Videomaterial abgeglichen.

Anschließend folgt eine "opferbasierte Videoauswertung". Dabei vergleichen die Beamten Fotos von Geschädigten und möglichen Tatverdächtigen mit dem vorhandenen Videomaterial. Bei neu erkannten Tathandlungen und den daran beteiligten Personen findet parallel ein Abgleich mit bereits bekannten Tatverdächtigen statt.

"Da laufen keine völlig anderen Prozesse ab"

Was genau sich im Gehirn eines Super-Recognizers abspielt, ist bisher weitgehend unerforscht. Entdeckt und beschrieben wurde das Ph√§nomen erstmals 2009 durch den Harvard-Forscher Richard Russell, der eigentlich zu Gesichtsblindheit forschte. Gesichtsblinde sind nicht in der Lage, Menschen anhand ihrer Gesichter zu erkennen. F√ľr seine Arbeit suchte Russell Probanden, bei denen eben diese F√§higkeit besonders stark ausgepr√§gt ist. Vier Freiwillige meldeten sich und nach mehreren Tests war klar, dass sie tats√§chlich √ľber ein ausnehmend gutes Gesichterged√§chtnis verf√ľgten.

Dirk Wentura ist Professor f√ľr Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Universit√§t des Saarlandes. Er hat eine grobe Idee davon, was genau im Kopf eines Super-Recognizers passiert: "Er baut recht schnell eine innere Repr√§sentation eines Gesichtes auf, die dann mit anderen Bildern abgeglichen werden kann. Bei den Super-Recognizern laufen diese Prozesse offenbar verl√§sslich effizient ab."

Man d√ľrfe sich die Sache allerdings nicht allzu spektakul√§r vorstellen, meint Wentura und zieht einen naheliegenden Vergleich: "Das ist √§hnlich wie mit Hochbegabten: Dabei handelt es sich in der Regel lediglich um die oberen zwei Prozent in der Intelligenzverteilung. Das sind nicht alles Ausnahmeerscheinungen wie Albert Einstein, die etwas Geniehaftes an sich haben. So muss man sich das auch bei Super-Recognizern vorstellen. Das sind lediglich Leute, die bei der Gesichtererkennung verl√§sslich im oberen Bereich abschneiden."

Von einer Mystifizierung dieser Fähigkeit rät Wentura ab: "Das sind einfach Menschen, die in einer bestimmten Eigenschaft, bei der es auch starke Personenunterschiede gibt, besonders gut abschneiden. Ich glaube nicht, dass bei ihnen völlig andere Prozesse ablaufen als bei normalen Menschen. Sie sind darin einfach nur besonders effizient." Dennoch glaubt auch Wentura, dass Super-Recognizer zum Beispiel bei Fällen wie der Kölner Silvesternacht durchaus sinnvoll eingesetzt werden können.

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"Keine diesbez√ľglichen Bestrebungen"

In England gibt es bereits Pl√§ne, den Einsatz von Super-Recognizern noch weiter auszubauen: "Wir planen, gro√üangelegte Testreihen mit einer gro√üen Zahl von Polizisten durchzuf√ľhren, um das eine Prozent derjenigen zu finden, die Super-Recogniser sind", berichtet Davis. "Sie tragen dazu bei, das √∂ffentliche und private Vertrauen in die Effektivit√§t von Video√ľberwachung zu st√§rken. So wird es wahrscheinlicher, dass Verbrechen gemeldet und Bilder an die Polizei weitergegeben werden. Das Wissen um die Effizienz von Video√ľberwachung schreckt Kriminelle auch wahrscheinlicher davon ab, Verbrechen zu begehen."

Auch bei der K√∂lner Polizei ist man offenbar von der N√ľtzlichkeit der Erkennungs-Spezialisten √ľberzeugt: "Die Polizei K√∂ln wird alle M√∂glichkeiten nutzen, um T√§ter zu identifizieren und festzunehmen. Dazu z√§hlt nat√ľrlich aus der Einsatz von Super-Recognizern", hei√üt es in einer Stellungnahme.

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Im gro√üen Stil ist der Einsatz allerdings nicht zu erwarten. Weder eine Spezialeinheit wie bei Scotland Yard noch eine ausgeweitete Suche nach Beamten mit solchen Talenten steht derzeit auf dem Programm. Auf die Frage, ob die Arbeit der K√∂lner Super-Recognizer k√ľnftig weiter ausgebaut werden solle, hei√üt es von Seiten des LKA Nordrhein-Westfalen schlicht: "Hier im Landeskriminalamt NRW gibt es keine diesbez√ľglichen Bestrebungen."

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