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Kriminalität im Görlitzer Park: "Der Ort, an dem alles Böse passiert"?


Besuch im "Görli": "Man muss der Schlange den Kopf abschlagen"


Aktualisiert am 03.08.2023Lesedauer: 6 Min.
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So schlimm wie sein Ruf? Anwohner und ein Sozialarbeiter erzählen, wie es im "Görli" wirklich zugeht. (Quelle: t-online)

Der "Görli" ist der wohl berühmteste und berüchtigtste Park Deutschlands. Ist er wirklich so schlimm wie sein Ruf? Ein Ortsbesuch.

Spritzen, Kanülen und verkokelte Alufolie im Gebüsch: Der Görlitzer Park ist nicht wie jeder andere in Berlin. Zwar ist der Park selbst gepflegt. An versteckteren Plätzen jedoch riecht es nach Kot und Urin. Wer den "Görli" nur aus den Nachrichten kennt, den wundert nichts mehr. Gewalt, Drogenhandel und Razzien bestimmen die Schlagzeilen. Zuletzt ist es im Skandalpark wohl zu einer brutalen Gruppenvergewaltigung gekommen. Doch ist der "Görli" wirklich so schlimm wie sein Ruf? Und was muss sich im Park ändern? t-online hat mit einem Experten gesprochen.

Juri Schaffranek ist mehrmals die Woche im Görlitzer Park. Der 64-Jährige arbeitet seit vielen Jahren als fachbegleitender Straßensozialarbeiter für den Verein "Gangway" im "Görli". In seinem Job spricht er mit Anwohnern, Geflüchteten, Dealern. Und er kennt den Park wohl wie kein Zweiter.

"Hier im Kiez erlebe ich ein unglaublich starkes, solidarisches Miteinander, trotz aller Kritik", so der Streetworker. In den vergangenen zehn Jahren habe sich der Fokus der Öffentlichkeit allerdings zu sehr auf den Görlitzer Park konzentriert. "Davor galt der Alex als der Ort, an dem alles Böse stattfand. Jetzt ist es eben der Görlitzer Park." Hat der "Görli" also nur ein Imageproblem?

Eine solche Schlussfolgerung würde vermutlich zu kurz greifen. Im Park werden immer wieder zahlreiche Straftaten registriert. Allein im ersten Halbjahr 2023 verzeichnete die Polizei 733 Drogendelikte. Dass der Görlitzer Park als Drogenumschlagplatz gilt, ist auch über Berlin hinaus kein Geheimnis. Schaffranek kann das nur bestätigen: "Es gibt eine Art Drogentourismus. Jeder weiß, dass man hier Drogen kriegen kann."

Görlitzer Park: "Wo Drogenhandel ist, gibt es Gewalt und Raub"

Diese Situation führt zu einer Reihe weiterer Probleme. "Wo Drogenhandel ist, gibt es Gewalt und Raub – die klassischen Begleitstraftaten eben." Das sieht auch der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei, Benjamin Jendro, so: "Der Görlitzer Park ist ja seit Jahrzehnten Kriminalitäts-Hotspot und da werden Straftaten begangen. Das heißt Raub, Straftaten, das heißt Körperverletzungen oder eben Sexualdelikte." Dennoch gebe es keine No-Go-Areas in Berlin, auch nicht im Wrangelkiez. "Das ist nicht Sodom und Gomorra auf unseren Straßen", so Jendro. Anders sieht das Bürgermeister Kai Wegner (CDU). "Die Lage im Görlitzer Park ist inakzeptabel, so wie die Situation dort ist, darf es nicht bleiben", sagte er dem "Tagesspiegel".

In den Kernpunkten stimmt Schaffranek dem Gewerkschaftssprecher Jendro zu. Kriminalität sei per se kein Problem des Görlitzer Parks, so der Sozialarbeiter. "Natürlich spielt das Thema Drogen eine Rolle, keine Frage. Leider Gottes verbreiten die Medien ein ganz falsches Bild vom Park." Das beziehe sich auch auf die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung im Juni. "Eine Vergewaltigung bleibt eine Vergewaltigung und gehört absolut hart bestraft, keine Frage." Doch der Sozialarbeiter hält die massive Berichterstattung und die Thematisierung der Ethnie der mutmaßlichen Täter für falsch – fast schon rassistisch. "Zur gleichen Zeit fanden am Schlachtensee mehrere Vergewaltigungen durch junge Männer statt. Wo ist da eine äquivalente Berichterstattung?"

Viel wichtiger sei es seiner Meinung nach, über die Ursachen von sexualisierter Gewalt zu sprechen. "Wir haben in unserer Gesellschaft ein Problem mit Männlichkeit und der Vorstellung vom Umgang mit Frauen. Das hat mit Kulturen nichts zu tun. Wenn wir so tun, als wären deutsche Männer nicht an Vergewaltigungen beteiligt, dann lügen wir uns in die eigene Tasche", so Schaffranek.

Das habe auch nichts mit dem Görlitzer Park zu tun. "Hier ist es nicht schlimmer als an anderen Kriminalitätshotspots. In einem urbanen Setting findet auch Kriminalität statt. Die Frage ist, wie gehen wir damit um?"

Polizei war Tausende Stunden im "Görli" im Einsatz

Von dem Ansatz, der aktuell im Görlitzer Park verfolgt wird, hält der Streetworker wenig: massive Polizeipräsenz, "Repression der Dealer", wie er sagt. Inzwischen gibt es im Park beinahe täglich polizeiliche Maßnahmen. Das bestätigen auch die Zahlen. Von Januar bis Mai 2023 wurden hier insgesamt 6.848 Einsatzstunden der Polizei geleistet. "Die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass die gewalttätige Zerschlagung von Drogenszenen dazu führt, dass sie in die Anwohnerbereiche gedrängt werden. Es setzt sich langsam durch, dass zehn, 15 Jahre Repression hier im Park nicht zur wirklichen Entspannung der Situation beigetragen haben."

Auch die Berichterstattung über die Dealer hält der Sozialarbeiter für falsch. Denn zum größten Teil seien sie selbst Opfer. "Das Problem ist, dass viele Geflüchtete keine Arbeitserlaubnis haben und sich eigentlich nichts dringender wünschen, als arbeiten zu können", so Schaffranek. Ohne Arbeitserlaubnis müssten sie versuchen, irgendwie ihre Existenz zu sichern. Da würde es nahe liegen, sich mit Drogen über Wasser zu halten. "Dadurch treiben wir sie den Großdealern in die Arme, sie sind ihnen schutzlos ausgeliefert. Das finde ich so fatal an der ganzen Geschichte. Der Großteil kommt nicht hierher, weil sie sagen, 'Ich wollte schon immer mal Dealer werden.' Und diese Männer werden dann auch noch in der Öffentlichkeit als die eigentlichen Täter und Verursacher allen Elends hier im Kiez vorgeführt."

Drogenhandel: "Man muss der Schlange den Kopf abschlagen"

Viel wichtiger sei es daher, an die Hinterleute zu kommen, statt die Dealer im Park zu verhaften. An die komme die Polizei jedoch schwieriger ran. "Aber es ist eben öffentlichkeitswirksam, wenn die Polizei eine Horde von vermeintlich bösen Dealern vor sich her treibt und sie dann in Handschellen abführt." Die verhafteten Dealer seien jedoch für die organisierte Kriminalität beliebig austauschbar, so der Streetworker. Werde einer verhaftet, stehe morgen der Nächste an seiner Stelle. "Man muss der Schlange den Kopf abschlagen."

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Anstelle der massiven Polizeipräsenz setzt Schaffranek daher auf ein anderes Konzept: die Stärkung der sozialen und kulturellen Angebote im Görlitzer Park. "Was wir brauchen, ist ein stärkeres solidarisches Miteinander. Nach dem Motto: Lasst uns gucken, dass es ein gelungenes Miteinander gibt anstatt nur dieses Haudrauf." Einiges habe sich in dieser Richtung bereits getan. Neben einem regelmäßigen "Community-Dinner" und Sportangeboten wie Fußball, Basketball oder Volleyball gibt es im Görlitzer Park neben einem Kinderbauernhof auch einen Verkehrsübungsplatz, einen Abenteuerspielplatz und sogar einen Zirkus. "Das macht den Park attraktiv." Wichtig sei, Orte zu schaffen, an denen sich Anwohner, Geflüchtete und Parkbesucher begegnen können.

Bis dahin gebe es noch viel zu tun: Es brauche noch mehr Angebote im Park, angefangen mit einer "sozial-kulturellen Offensive gegen Drogen", wie es Schaffranek nennt. Mehr Kultur, mehr Sport, mehr Miteinander – und dadurch auch mehr Besucher. Das würde dann auch die Dealer zurückdrängen, glaubt er. "Je belebter und lebendiger der Park durch verschiedene Gruppen ist, desto weniger sind Drogen ein Problem. Ein Dealer wird, wenn die Massen um ihn herum sind, nicht anfangen, seine Drogen wie olle Kamellen zu verteilen." Dafür müssten auch die Ämter niedrigschwelliger arbeiten. "Wenn man hier ein Event auf einer Wiese beantragen will, wartet man bis zu einem halben Jahr, um überhaupt eine Sondernutzungsgenehmigung zu bekommen. Was für ein Irrsinn", so der Sozialarbeiter.

"Sonst verlagern sich die Probleme in Wohngebiete"

Sollte dieser Ansatz funktionieren, würde das laut Schaffranek auch das Bild vom "Görli" verändern. "Wir müssen raus aus der Repression. Wenn Delikte passieren, muss die Polizei eingreifen – natürlich. Aber bitteschön nicht diese Rund-um-die-Uhr-Überwachung, die gefordert wird, oder eine Schließung des Parks in der Nacht. Was für ein Schwachsinn." Dann würde sich das Problem nur stärker in die Wohngebiete rund um den Görlitzer Park verlagern. "Dann wird im Hausflur konsumiert."

Darüber hinaus hat der Streetworker noch weitere Ideen, wie der Görlitzer Park zu einem schöneren und sichereren Ort für alle werden könnte. Zum einen brauche es Konsumräume, die lange geöffnet sind. So hätten die Abhängigen einen hygienischen Ort, um Drogen zu konsumieren, und wären nicht so stark im Bild des Parks und der umliegenden Straßen vertreten. Außerdem könnten einige Kreuzwege besser beleuchtet werden. "Ansonsten, finde ich, wäre es gut, kontinuierlich Parkläufer hier zu haben. Sie tragen dazu bei, dass die Leute miteinander im Gespräch bleiben, sie können im Fall der Fälle deeskalieren."

Ein weiteres Problem macht sich jedoch aktuell im Görlitzer Park breit: Crack. Der Konsum der gefährlichen und stark abhängig machenden Droge habe hier stark zugenommen, so der Sozialarbeiter. "Das Zeug macht die Leute unberechenbar. Wenn die aggressiv auf uns zulaufen, dann wissen wir gar nicht genau, ob wir die noch erreichen können oder nicht." Die Hoffnung bleibt jedoch, dass Schaffraneks "sozial-kulturelle Offensive" auch dieser Entwicklung Einhalt gebietet.

Verwendete Quellen
  • Anfragen an die Berliner Polizei
  • Schriftliche Anfrage Drucksache 19 / 12 818
  • Schriftliche Anfrage Drucksache 19 / 15 948
  • gangway.de
  • Reporter vor Ort#
  • Anfrage an die Berliner Staatsanwaltschaft
  • t-online.de: Kai Wegner fordert Konsequenzen
  • rtl.de
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