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Ärzte: Nawalny leidet an Stoffwechselstörung

Berlin  

Ärzte: Nawalny leidet an Stoffwechselstörung

21.08.2020, 12:02 Uhr | dpa

Ärzte: Nawalny leidet an Stoffwechselstörung. Michael Müller (SPD)

Michael Müller (SPD), Berlins Regierender Bürgermeister. Foto: Britta Pedersen/dpa/Archivbild (Quelle: dpa)

Unter den Augen der Weltöffentlichkeit ringen Ärzte um das Leben des womöglich vergifteten Kremlkritikers Alexej Nawalny. In Omsk in Sibirien trafen am Freitag deutsche Ärzte ein. Ihre russischen Kollegen lehnten aber einen Transport Nawalnys nach Berlin ab.

Nach Darstellung seiner Ärzte in dem Krankenhaus soll er an einer Stoffwechselstörung leiden. "Das ist die Hauptdiagnose, zu der wir am ehesten neigen", sagte der Chefarzt Alexander Murachowski. Eine Vergiftung schloss er aus. Nawalnys Team bezweifelt das. Seine Ehefrau Julia wandte sich persönlich an Kremlchef Wladimir Putin.

"Stoffwechselstörungen können bei vielen Krankheiten auftreten", schrieb Nawalnys persönliche Ärztin Anastassija Wassiljewa bei Twitter. Ein niedriger Blutzucker und eine Stoffwechselstörung seien keine Diagnose, sondern eine Zustandsbeschreibung. "Sie verkaufen uns wieder einmal für Idioten." Zuvor hatte Nawalnys Team unter Berufung auf einen nicht näher genannten Polizeibeamten davon gesprochen, dass bei dem Blogger ein "tödlicher Stoff" gefunden worden sei.

Das Gift sei demnach nicht nur gefährlich für ihn selbst, sondern auch für die Umgebung, weshalb das Tragen von Schutzanzügen angeordnet worden sei, sagte der Chef von Nawalnys Anti-Korruptions-Fonds, Iwan Schdanow. Um welchen Stoff es sich handeln könnte, blieb zunächst offen. Der Vize-Chefarzt der Klinik in Omsk, Anatoli Kalinitschenko, sagte dagegen, im Blut und im Urin seien weder Gift noch Spuren davon nachgewiesen worden.

Chefarzt Murachowski sagte weiter, die Ärzte hätten einen chemischen Stoff an der Kleidung und der Haut von Nawalny gefunden. Das sei aber ein üblicher chemischer Stoff, der auch bei der Produktion von Plastikbechern eingesetzt werde. "Der wurde nicht im Blut, sondern an Nawalnys Haut und der Kleidung entdeckt", sagte er.

Der Regierungskritiker wird seit Donnerstag im Krankenhaus in Omsk behandelt - rund 4000 Kilometer von Berlin entfernt. Er liegt im Koma und wird künstlich beatmet. Der Jurist wollte nach einer politischen Reise in Sibirien zurück nach Moskau fliegen. Am Flughafen in Tomsk habe er noch einen Tee getrunken, sagte Nawalnys Sprecherin. Während des Flugs habe er sich unwohl gefühlt und noch an Bord das Bewusstsein verloren. Das Flugzeug sei in Omsk gelandet.

Nawalnys Team fordert einen raschen Transport nach Deutschland. Seine Frau Julia schrieb dazu auch einen Brief an Präsident Putin. Eine Sondermaschine aus Deutschland mit Ärzten und Ausrüstung an Bord war in Omsk gelandet. Die deutschen Experten kamen nach Angaben von Nawalnys Sprecherin in der Klinik an und redeten mit den Ärzten.

Die Mediziner in der Klinik lehnten zunächst einen Transport nach Deutschland ab und verwiesen auf den Gesundheitszustand, der noch nicht stabil genug für einen langen Flug sei. Der russische Arzt Alexej Ehrlich sagte dem Radiosender Echo Moskwy, dass in der Welt von heute im Grunde jeder Patient mit entsprechender Ausrüstung transportiert werden könne.

Die Bundesregierung sprach sich für eine bestmögliche medizinische Versorgung des Kremlkritikers aus. "Die wichtigste Priorität ist natürlich, dass das Leben von Herrn Nawalny gerettet werden kann und dass er genesen kann", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller sagte der dpa: "Wenn Herr Nawalny sich in Berlin behandeln lassen möchte und er nach Berlin kommen kann, steht die Charité selbstverständlich bereit."

Der Kreml in Moskau sieht die Entscheidung für einen Transport nach Berlin allein bei den behandelnden Ärzten. "Wahrscheinlich gibt es irgendwelche Formalitäten, die noch notwendig sind. Aber es gibt für niemanden irgendwelche Hindernisse", sagte Sprecher Dmitri Peskow. Der Filmproduzent Jaka Bizilj hatte zuvor erklärt, dass die Berliner Charité einer möglichen Behandlung Nawalnys zugestimmt habe. Peskow betonte, dass er noch immer keine Klarheit über die Ursache gebe.

Nawalny hatte sich in Sibirien aufgehalten, um die Regionalwahlen im September vorzubereiten. Er warb dort für seine Strategie einer so bezeichneten "klugen Abstimmung", die darauf gerichtet ist, jede beliebige Partei zu wählen - nur nicht die Kremlpartei Geeintes Russland. Er will damit deren Dominanz in Russland brechen. Nawalny gilt für den Kreml als Staatsfeind Nummer eins.

Er ist der führende Kopf der liberalen Opposition. Der studierte Jurist wirft der Regierung und Oligarchen regelmäßig Korruption und Machtmissbrauch vor. Auf den prominenten Kämpfer gegen Korruption hatte es in der Vergangenheit mehrfach Anschläge gegeben.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell forderte indes eine "schnelle, unabhängige, transparente" Untersuchung. Falls eine Vergiftung bestätigt werde, müssten die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, sagte eine Sprecherin. Man sei sehr besorgt über die Gesundheit Nawalnys und wünsche ihm vollständige Genesung.

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