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Boykott auf Frankfurter Buchmesse: Wer ist der rechte "Jungeuropa"-Verlag?

Boykott auf Frankfurter Buchmesse  

Wer verbirgt sich hinter dem rechten "Jungeuropa"-Verlag?

Von Matti Hartmann und Nils Heidemann

21.10.2021, 12:58 Uhr
Boykott auf Frankfurter Buchmesse: Wer ist der rechte "Jungeuropa"-Verlag?. Torben Braga (l), damaliger Sprecher der Deutschen Burschenschaft, und Philip Stein (Archivbild): Stein leitet den "Jungeuropa"-Verlag. (Quelle: dpa/Michael Reichel)

Torben Braga (l), damaliger Sprecher der Deutschen Burschenschaft, und Philip Stein (Archivbild): Stein leitet den "Jungeuropa"-Verlag. (Quelle: Michael Reichel/dpa)

Die Frankfurter Buchmesse muss sich erneut mit Extremismus-Anschuldigungen beschäftigen, mehrere Autorinnen haben ihre Teilnahme abgesagt. Aber: Wer ist eigentlich dieser Philip Stein vom "Jungeuropa"-Verlag, der Anlass für die Kontroverse ist?

Mit einer großen Debatte über die Grenzen der Meinungsfreiheit hat die Frankfurter Buchmesse begonnen. Nachdem die Autorin Jasmina Kuhnke ihren Auftritt abgesagt hatte, zogen weitere Autorinnen nach. Grund dafür ist die Anwesenheit des rechten "Jungeuropa"-Verlags.

Während die Buchmesse auf die Meinungsfreiheit verweist, sieht Kuhnke sich selbst in Gefahr. Auch ihr Verlag Rowohlt sagt: Das Recht auf Meinungsfreiheit "stoße an seine Grenzen, wenn die Sicherheit und die Grundrechte anderer bedroht werden".

Boykott auf Frankfurter Buchmesse: Was ist dieser "Jungeuropa"-Verlag?

In führender Position beim "Jungeuropa"-Verlag ist Philip Stein. Er kann mit Fug und Recht als Rechtsradikaler bezeichnet werden. Er selbst würde das auch tun, wie er der "Zeit" sagte, als diese ihn 2017 nach seiner politischen Ausrichtung fragte. Der Begriff sei zwar "so vorbelastet", formulierte Stein damals, weil man sofort an Skinheads denken würde. Aber: "Faktisch sind das ja radikale rechte Positionen, die wir einnehmen."

Der Verfassungsschutz sieht das ähnlich. Im aktuellen Bericht des Bundesamtes wird der Verein "Ein Prozent", dem Stein neben seiner Verlegertätigkeit vorsteht, als Verdachtsfall aufgeführt. Unter anderem, weil er Migranten in seinen Kampagnen pauschal herabwürdige. Recherchen von t-online belegten auch Spuren zum Netzwerk im Fall der bundesweiten Plakatkampagne gegen die Grünen.

Verbindungen zur "Identitären Bewegung Deutschland"

"Ein Prozent" heißt die Organisation, weil sie davon ausgeht, dass die Unterstützung eben dieses Anteils der Deutschen ausreiche, um eine grundsätzliche "patriotische Wende" im Land herbeizuführen.

Mitgegründet wurde "Ein Prozent" von Götz Kubitschek und Jürgen Elsässer: der eine Chefredakteur der Querfront-Zeitschrift "Compact", der andere Lenker der neurechten Denkfabrik "Institut für Staatspolitik" – und beide ebenfalls als Verdachtsfälle vom Verfassungsschutz aufgelistet.

Stein forderte Abschiebung von Autorin

Enge Verbindungen hat Stein zudem zur "Identitären Bewegung Deutschland", bei der der Verfassungsschutz keine Zweifel mehr habe, dass sie rechtsextrem ist. Für die Organisation mit "elitärem Selbstverständnis" sei die ethnische Herkunft eines Menschen "allein maßgeblich für die Zugehörigkeit zum deutschen Volk und letztlich für den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit", heißt es im Verfassungsschutzbericht 2020. Ein Biologismus, der dem Grundgesetz zuwiderlaufe – und der "gegen den Kern des Demokratieprinzips" verstoße.

Auch Stein ist der Ansicht: Deutscher sei man "nicht seines Passes, sondern seines Blutes wegen", wie es in einem seiner Texte heißt. Zu diesem Geist passt, dass er Anfang 2021 auf Twitter die Abschiebung der in Hagen geborenen Autorin Jasmina Kuhnke forderte, deren Vater Senegalese war.

Die Autorin Jasmina Kuhnke: Philip Stein forderte via Twitter ihre Abschiebung.  (Quelle: Marvin Ruppert)Die Autorin Jasmina Kuhnke: Philip Stein forderte via Twitter ihre Abschiebung. (Quelle: Marvin Ruppert)

Stein nahm an rechtsextremen Märschen in Rom teil

Gegenüber bekennenden Faschisten scheint Stein ebenfalls keine Berührungsängste zu haben: Laut der Rechercheplattform "Sachsen-Anhalt Rechtsaußen" nahm er 2019 an einem Aufmarsch der rechtsextremen Organisation Casa Pound in Rom teil. Videoaufnahmen sollen ihn mit den rechten Aktivisten Jörg Dittus und Volker Zierke zeigen.

Die Veranstaltungsteilnehmer heben in dem Video mehrfach den Arm zum "römischen Gruß". Die Erkennungsgeste der Faschisten ist in Italien verboten, ebenso wie in Deutschland, wo der ausgestreckte rechte Arm als "Hitlergruß" bekannt ist.

Die Mitglieder von Casa Pound bezeichnen sich als "Faschisten des 3. Jahrtausends". Und Steins Besuch bei der Gruppierung war kein einmaliger Ausrutscher: Schon 2017 war er bei einem Kongress der Jugendorganisation von Casa Pound in Rom. Damals saß er für seinen Verlag "Jungeuropa" auf dem Podium des Radikalentreffens. Im Jahr zuvor war er zudem bei einer NPD-nahen Veranstaltung in einem von der Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck mitbegründeten Tagungszentrum aufgetreten.

Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl: "Verlag von Faschisten für Faschisten"

Außerdem wird Stein vorgeworfen, 2017 am Rande des Landeskongresses der Jungen Alternative Hessen bei Angriffen auf Menschen dabei gewesen zu sein, die die von der Burschenschaft Germania Marburg ausgerichtete Veranstaltung fotografierten. Bilder zeigen herbeistürmende Vermummte. Die Angreifer sollen mit Teleskopschlagstock, Knüppel und Pfefferspray ausgestattet gewesen sein und ihre Waffen zumindest teilweise auch eingesetzt haben.

Stein ist auf mehreren Bildern zu sehen. Unter anderem ist dokumentiert, wie er sich mit einem Vermummten abklatscht und sich später, nach einer zweiten Attacke, selbst eine Vermummung vom Kopf zieht.

Die österreichische Politikwissenschaftlerin und Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl untersuchte den Verlag am Mittwochnachmittag in einem Twitter-Thread darüber hinaus mit Blick auf die Veröffentlichungen. Sie kommt zu dem Fazit, dass es ein "Verlag von Faschisten für Faschisten" sei. "Das ist der ganze Daseinszweck", fügt sie hinzu.

Faschismus sei in den Romanen und Sachbüchern des Verlages keine Ausnahme, "sondern das Standardrepertoire." Auch auf die von Kuhnke befürchtete Gewalt gegen sie geht Strobl indirekt ein. "Gewalt ist dem Faschismus inhärent." Die ständige Bedrohung gegen Menschen, die nach faschistischen Grundsätzen "raus" müssten, sei nicht nur durch die Verleger, sondern auch durch das von ihnen angezogene Publikum auf der Buchmesse ein Problem.

Verwendete Quellen:

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