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Papst Benedikt und Missbrauch: "Sexualität war für ihn etwas Unheimliches"


"Das ist das Hauptversagen"


Aktualisiert am 31.12.2022Lesedauer: 5 Min.
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Benedikt XVI. ist tot: Diese bewegenden Bilder bleiben für immer in Erinnerung. (Quelle: t-online)

Nach seiner Amtszeit war Papst Benedikt XVI. in diverse Missbrauchsskandale verstrickt. Und doch hat er das Problem nie verstanden, sagt ein Kirchenexperte.

Als erster Deutscher seit 500 Jahren, als Figur, die selbstlos vom Papstamt zurücktrat: Für vieles wurde Benedikt XVI. bejubelt. Doch nach dem Ende seiner von 2005 bis 2013 andauernden Amtszeit begann sich die öffentliche Wahrnehmung zu drehen. In den restlichen Jahren seines Lebens rückte eine andere Facette in den Fokus: die Missbrauchsskandale. Nun ist Papst Benedikt im Alter von 95 Jahren gestorben. Doch es bleiben viele Fragen offen.

Bevor aus Kardinal Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI. wurde, ereigneten sich unter seiner Führung etwa im Erzbistum München und Freising mehrere Missbrauchsskandale. Benedikt leugnete zunächst, davon gewusst zu haben, räumte später aber Fehler ein – nach Ansicht vieler Beobachter aber bei Weitem nicht in dem Maße, wie dies hätte passieren müssen. Auch Kirchenexperte Matthias Drobinski sieht das so, wie er im Gespräch mit t-online erklärt. Er ist Chefredakteur des "Publik-Forums", einer Zeitschrift mit Schwerpunkt auf religiösen Themen, und berichtet seit vielen Jahren über die Kirche.

Mit dem Tod Benedikts ist klar, dass er sich nicht mehr daran beteiligen wird, den Missbrauch in der Kirche aufzuklären. Aber was hätte er überhaupt noch sagen können und wollen?

Matthias Drobinski: Nicht mehr viel: Benedikt hatte alles gesagt, was aus seiner Sicht zu sagen war. Es war für ihn so, dass er früh angefangen hat, sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt zu beschäftigen. Das hat ihn schon erschüttert, Sexualität hatte für ihn immer etwas Unheimliches. Und die Fälle fand er immer schrecklich, das muss man ihm zugestehen. Benedikt hat Menschen getroffen, die ihm von Missbrauchsfällen erzählt haben. Das hat ihn sehr berührt.

Für ihn ist aber der Glaubensverlust an den Fällen schuld, die 68er und damit einhergehend ein Verlust an Moral und Bewusstsein dafür, was sich gehört und was nicht. Das hat für ihn dazu geführt, dass Priester Minderjährige und Untergebene missbrauchen. Aus seiner Sicht hat er dagegen das getan, was getan werden musste. Ich würde aber sagen, dass das sehr unvollständig war und er die Wurzel dieses Skandals nicht begriffen hat.

Gerade die 68er-Bewegung ist doch ganz weit von kirchlichen Strukturen entfernt. Wie konnte Benedikt das denn vor sich selbst argumentieren, dass Missbrauch in der Kirche damit zu erklären sein soll?

Drobinski: Aus seiner Sicht drang die Bewegung in die Kirche ein. Für ihn waren das schreckliche Erlebnisse: dass etwa Studenten in Tübingen seine Vorlesungen stürmten, ihn unter Druck setzten, zu erpressen versuchten, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Das empfand er als richtigen Bruch: Auf einmal wollten Priesterseminaristen mit Frauen zu Mittag essen, solche Dinge waren für ihn Zeichen des Niedergangs.

Und wenn man das Argument aufgreift, dann stimmt es ja auch, dass es im Kontext der 68er-Bewegung Missbrauchsfälle gab, die sich aus einer falsch verstandenen Liberalität heraus erklärten, und dass sich Aktivisten für die Entkriminalisierung von Pädophilie eingesetzt haben. Auch die totale Enttabuisierung von Sexualität kann zu Missbrauch führen.

Aber Benedikt hat überhaupt nicht begriffen, dass in der katholischen Kirche gerade eher das Tabu eine Rolle spielt: etwa, dass Homosexualität nicht sein darf – wenn man auf die Betroffenen in der katholischen Kirche schaut, sind das überwiegend Jungen, also auch verdrängte Homosexualität spielt da eine große Rolle. Und wenn man von der Kirche das Bild hat, dass sie anders als andere Organisationen keine Abgründe haben darf, ist auch die Versuchung groß, zu sagen: Na ja, das ist alles nicht so schlimm, wir halten das unter der Decke.

In der Kirche wurden Strukturen geschaffen, in denen Missbrauch verdeckt und somit ermöglicht wurde: War er da treibende Kraft oder Mitläufer?

Drobinski: Er ist sicher niemand, der aktiv gesagt hätte, das Thema hat uns nicht zu interessieren. Aber es war immer so, dass bei ihm die Erkenntnis stand: Die katholische Kirche ist heilig und rein, und sie muss es bleiben. Der Schutz der Institution war für ihn immer wichtiger als die Frage, was mit den Betroffenen passiert. Das ist das Hauptversagen, dass dem alles unterzuordnen war und die Frage nach den Betroffenen nicht im Mittelpunkt stand.

Seit 2001 mussten im Vatikan diese Fälle zwar gemeldet werden, doch es passierte letztlich sehr wenig und es wurde nie jemand bestraft, der einen Fall nicht meldete. Oder in den Missbrauchsfällen von Marcial Maciel, dem Gründer der "Legionäre Christi": Ratzinger wollte schon, dass er aus seinem Amt entfernt wird, dass der damalige Papst Johannes Paul II. ihn sanktioniert. Johannes Paul war aber dagegen, weil er Maciel politisch brauchte, und dann hat Ratzinger nichts gemacht. Er hat das einfach hingenommen, weil Gehorsam gegenüber dem Papst ihm wichtiger war.

Wird Benedikts Tod die Ermittlungen und Aufarbeitung der Skandale verändern?

Drobinski: Wenig. Juristisch ist das wohl alles jenseits der Strafbarkeit. Aber er konnte nicht begreifen, was da geschehen war. Das war auch ein geistliches Problem: Ein gläubiger Kirchenmensch – das war Benedikt unzweifelhaft – verstand nicht, dass es da eine Gewissenserforschung und eine Reue hätte geben müssen.

Der Journalist Matthias Drobinski bei einer Rede in Braunschweig (Archivbild): Für ihn hat Papst Benedikt nie begriffen, wie es zu den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche kam.
Der Journalist Matthias Drobinski bei einer Rede in Braunschweig (Archivbild): Für ihn hat Papst Benedikt nie begriffen, wie es zu den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche kam. (Quelle: Susanne Hübner / Imago Images)

Zur Person

Matthias Drobinski wurde 1964 geboren und war schon als Jugendlicher der Kirche verbunden. Er studierte unter anderem Theologie, bevor er an der Henri-Nannen-Schule zum Journalisten ausgebildet wurde. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtete er rund zwei Jahrzehnte über Kirchenthemen, inzwischen ist er Chefredakteur des "Publik-Forums", einer Zeitschrift mit Schwerpunkt auf religiösen Themen.

Statt sich, als ein Gutachten ihm Fehlverhalten in seiner Zeit als Münchner Erzbischof vorwarf, die Frage zu stellen, was er falsch gemacht hat, legte er als Reaktion auf ein Gutachten eine 100-seitige kleinteilige und kleinliche Schrift vor, in der es immer hieß: "Ich habe recht, ich kann mich nicht erinnern, ich will mich nicht erinnern." Im Grunde ist das alles ein Wegschieben von persönlicher Verantwortung. Juristisch ist das nicht mehr aufzuarbeiten, aber kirchenhistorisch noch einiges zu sammeln.

Was kann man über die Strukturen sagen, die in seinem Wirkbereich geschehen sind, in Bayern oder dem Vatikan?

Drobinski: Da gibt es immer wieder viele Ähnlichkeiten, etwa dass die Institution geschützt werden müsse, egal wie tragisch die Einzelfälle auch sein mögen. Und es ist zum Zweiten so, dass auch die Nähe zum Priester sehr wichtig war. Das ist ein Bund von Menschen, die alle die gleiche Lebensentscheidung getroffen haben, die sich der Kirche auch verbunden fühlen. Für Ratzinger war das lange wichtiger war als das Leid der Betroffenen. Man muss fairerweise sagen, er hat über 400 Priester entfernt, aber auch etwa einen im Amt gelassen, "weil der Skandal nicht zu befürchten sei".

War unter seiner Führung wenigstens eine Weiterentwicklung der katholischen Kirche und ihrer Strukturen zu sehen? Hat er Probleme im System beseitigt, um zumindest mehr gegen Missbrauch zu tun als seine Vorgänger?

Drobinski: Da stand so vieles nebeneinander. Es war erkennbar, wie die Glaubenskongregation Priester bestrafte, die auffällig oder Täter wurden, aber es gab gleichzeitig auch das Andere: dass Ratzinger in München etwa zustimmte, dass ein polizeibekannter Priester in eine Pfarrei kam. Der Wille, Taten nicht einfach stehenzulassen und zugleich die Unfähigkeit zur Erkenntnis der tieferen Gründe waren beide erkennbar.

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Was man ihm positiv anrechnen muss, ist, dass er nicht wollte, dass Prozesse unter der Decke gehalten werden. Da war er anders als Johannes Paul II., für den das eine sehr politische Sache war und der in Polen erlebt hatte, wie Prozesse inszeniert wurden, um der Kirche zu schaden.

Ganz knapp: Was wird denn von Benedikt bleiben, wenn man sein gesamtes Wirken betrachtet?

Drobinski: Er wird als Denker und Gelehrter in Erinnerung bleiben, der aus einer berechtigten konservativen Position heraus gefragt hat: Was sind die Wunden der Moderne? Was verlieren wir, wenn wir Wurzeln verlieren, was geben wir auf, wenn wir gar nicht mehr wagen, nach der Wahrheit zu fragen?

Das sind Themen, denen sich eine moderne Gesellschaft immer wieder stellen muss, auch wenn sie sicher zu anderen Ergebnissen kommt als Papst Benedikt.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Matthias Drobinski
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