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Draglesung für Kinder in München: Unnötige Eskalation oder Kinderschutz?


Wo geht es hier um Sex?

Von Io Görz

Aktualisiert am 16.05.2023Lesedauer: 3 Min.
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Eric BigClit: 2021 war er der "Mister Tuntenball".Vergrößern des Bildes
Eric BigClit: Vor allem der Name des Künstlers brachte einige in Wallung. (Quelle: Screenshot/facebook.com/Tuntenball)

In München tobt ein Kulturkampf: Eine Lesung zweier Drag-Künstler und eines trans Mädchens erhitzt die Gemüter. Am Ende sind die Kinder die Leidtragenden.

Im Vorfeld einer Lesung für Kinder am 13. Juni kocht die Stimmung hoch. In der Stadtbibliothek sollen eine Autorin und zwei Drag-Künstler aus Kinderbüchern vorlesen. Das führt zu wütenden Reaktionen vor allem konservativer Politiker. Die CSU München fordert ein Verbot der Veranstaltung. Mittlerweile wollen sogar Rechtsextreme protestieren.

Zuletzt sagte die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) in der "Bild"-Zeitung, Sexualität sei "nichts, was wir Erwachsene von uns aus an Kinder herantragen dürfen!" Diese Rhetorik rückt die Lesestunde in die Nähe von Pädophilie. Teilweise, wie im Fall von Kristina Schröder, wird der Vorwurf auch ganz direkt geäußert.

Eine völlig unnötige Eskalation droht, die mit dem vorgeschobenen Argument, Kinder zu schützen, nichts zu tun hat. Was hier passiert, ist ein Kulturkampf, der auf dem Rücken von Kindern ausgetragen wird.

Das zeigen viele der vorgebrachten Argumente, die einer Überprüfung nicht standhalten. So wird zum Beispiel das Schlagwort "Frühsexualisierung" oft bemüht, wenn es um Kritik an Veranstaltungen wie der Münchner Lesestunde geht. Dahinter steht die berechtigte Sorge, Kinder könnten zu früh durch nicht kindgerechte Inhalte verstört oder negativ beeinflusst werden. Doch ist das hier tatsächlich der Fall?

Geplant ist, so die Veranstalter, eine Lesung, bei der bunt verkleidete Menschen aus Kinderbüchern vorlesen. Es geht nicht um Sex, sondern um Vielfalt, Rollenwechsel und wie Verkleidung dabei hilft – alles Themen, die Kinder ab vier Jahren beschäftigen und für sie wichtig sind.

In der Kritik steht vor allem Dragking "Eric BigClit". Der Name, übersetzt ins Deutsche "Große Klitoris", wirkte für viele offenbar wie ein rotes Tuch, Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) rief sogar nach dem Jugendamt. In Wirklichkeit wird vermutlich kaum ein Kind nach einer Vorlesestunde seine Eltern nach den genauen Bedeutungen von Namen ausfragen. Und wenn doch, so kann ein Körperteil benannt werden, ohne es skandalisieren zu müssen. Was anderes tun Eltern denn, wenn ein Kind zwischen seine Beine zeigt und fragt "Was ist das?" Im besten Falle benennen sie, nüchtern und ohne Scham, das Geschlechtsorgan. Was daran sollte falsch sein?

Niemand muss die Lesestunde besuchen

Die Kleidung von Eric BigClit wird ebenfalls kritisiert. Allerdings wird Alice Moe Möschl – die Person, die hinter Eric BigClit steckt – nicht halbnackt auftreten wie in manchen ihrer Erwachsenen-Shows. Sie hat bereits angekündigt, dass sie eine kindgerechte Märchenverkleidung tragen wird. Wäre es anders, wäre die Kritik durchaus berechtigt. Doch auch hier hätte ein kurzer Faktencheck vor der Erregung gereicht.

Den Kindern werde das Thema aufgezwungen, lautet eine weitere Kritik. Auch das ist nicht wahr: Niemand ist gezwungen, eine Lesestunde wie in München zu besuchen bzw. sein Kind daran teilnehmen zu lassen. Über Veranstaltungen an Schulen und Kindergärten, die zunächst obligatorisch sind, kann man diskutieren. Doch dann müssten Schulgottesdienste und Besuche von Pfarrern in Kindergärten ebenso kritisch hinterfragt werden – auch hier wird ein privater Bereich von Erziehung berührt, nämlich das Verhältnis zur Religion.

Was hinter der Aufregung steckt

Warum wird also kritisiert, was gar nicht passiert? Die Aufregung, die in München zu eskalieren droht, zeigt, worum es eigentlich geht: Hier soll ein Kulturkampf ausgefochten werden, der das Ziel hat, alles unsichtbar zu machen, was von rechtskonservativen Aktivisten als "nicht normal" empfunden wird. Menschen mit nicht heterosexueller Orientierung und anderer Geschlechtsidentität sollen aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwinden und am besten aufhören zu existieren.

Dahinter steckt die Furcht, Kinder könnten beeinflusst werden und später einmal selbst homosexuell oder transgeschlechtlich werden. Dass dies jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt, stört dabei nur den ideologischen Kampf gegen die "Frühsexualisierung".

Stattdessen haben eine frühe und unaufgeregte Aufklärung über die Vielfalt von Leben und persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten einen positiven Effekt – auch das zeigen Studien. Kinder lernen, sich selbst und andere als normal wahrzunehmen und zu akzeptieren – auch wenn sie nicht so aussehen oder sich so fühlen wie das Kind nebenan. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder depressiv werden und im schlimmsten Fall suizidal, wird nachweislich durch Aufklärung gesenkt.

Dass Kinder frei und glücklich aufwachsen, ist – sollte man meinen – das Ziel aller Eltern. Was die selbsternannten Kinderschützer in München jedoch gerade betreiben, ist das Gegenteil: Mangelnde Aufklärung schadet dem Wohl der Kinder mehr als es nützt.

Verwendete Quellen
  • Eigene Gedanken der Autorin
  • Stellungnahme der Stadtbibliothek München
  • Bild.de: "Kristina Schröder: Sexualität nicht an Kinder herantragen"
  • Künstler-Homepage von Alice Moe Möschl: http://alicemoe.art/
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