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Zeuge im Fall Aiwanger: "Jeder im Ort hat von dem Flugblatt gewusst"


Zeuge vor Ort in Aiwangers Heimat
"Vor Jahren wurde der Vorfall im ganzen Dorf bekannt"


Aktualisiert am 30.08.2023Lesedauer: 4 Min.
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Hubert Aiwanger bei einer Veranstaltung am Münchner Nockherberg (Archivbild): Markus Söders Stellvertreter treffen schwere Vorwürfe.Vergrößern des Bildes
Hubert Aiwanger bei einer Veranstaltung am Münchner Nockherberg (Archivbild): Markus Söders Stellvertreter treffen schwere Vorwürfe. (Quelle: IMAGO/Stephan Goerlich)

Schon seit Tagen steht das Örtchen Mallersdorf-Pfaffenberg wegen des Aiwanger-Skandals im Fokus der Öffentlichkeit. Nun verrät ein Einheimischer: Von dem Flugblatt wusste man seit Jahren.

Ein regelrechter Aufschrei ging am vergangenen Freitag durch die Politik, als die "Süddeutsche Zeitung" eine brisante Recherche über Hubert Aiwanger veröffentlichte. Bayerns Vize-Ministerpräsident soll als 17-Jähriger ein menschenfeindliches Flugblatt an seiner Schule in Mallersdorf-Pfaffenberg publiziert haben. Hubert Aiwanger bestritt dies zunächst zur Gänze, gab dann jedoch zu, im Besitz eines Exemplars gewesen zu sein. Verfasser sei sein Bruder, Helmut Aiwanger.

In dem niederbayerischen Örtchen Mallersdorf-Pfaffenberg, in dem sich der Vorfall vor rund 35 Jahren ereignet haben soll, schmunzeln die Anwohner obgleich der Aufregung nur. Viele haben schon seit vielen Jahren von dem Flugblatt gewusst. Verfasst haben soll es Hubert Aiwanger und nicht sein Bruder.

Schulleitung hätte Vorfall unter "Verschluss halten wollen"

Rund 6.500 Menschen wohnen in Mallersdorf-Pfaffenberg. In diesem Ort steht auch das Burkhart-Gymnasium, in dem sich der Vorfall ereignet haben soll. Schüler waren dort in den 80er-Jahren nicht nur die Brüder Aiwanger, sondern auch Dr. Johann Kirchinger. Der ehemalige Bürgermeisterkandidat der Freien Wähler war einige Klassen unter den Geschwistern.

"Aus Schulzeiten habe ich keine Erinnerung an die ganze Geschichte", berichtet Kirchinger t-online. "Aber vor einigen Jahren wurde der Vorfall im ganzen Dorf bekannt, weil ein ehemaliger Lehrer eines der Flugblätter sicherstellen konnte", führt er aus. Eigentlich hatte die damalige Schulleitung laut dem 46-Jährigen alle Exemplare vernichten und das Geschehene unter Verschluss halten wollen. Das hätte der Lehrer (Name ist der Redaktion bekannt) aber verhindern wollen.

Lehrer soll mit Flugblatt "hausieren" gegangen sein

Der ehemalige Deutsch- und Lateinlehrer des örtlichen Gymnasiums sei seit Jahrzehnten in Besitz des besagten Flugblatts. "Schon seit Jahren prahlt er im Dorf damit, dass er das einzige Exemplar hat", berichtet Kirchinger. "Mit der Geschichte ist er hier überall hausieren gegangen. Er hat es wirklich jedem erzählt, ob der es wissen wollte – oder eben nicht."

Allerdings liegt auch im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau eine Kopie des Pamphlets, wie die "Welt" am Dienstag berichtete: Es ist Teil eines Wettbewerbsbeitrags eines Elftklässlers beim Schülerwettbewerb "Deutsche Geschichte" des Bundespräsidenten aus dem Schuljahr 1988/89. Der preisgekrönte Beitrag eines Schülers im Jahrgang unter Aiwanger beleuchtete die Geschichte des Judenfriedhofs bei Mallersdorf-Pfaffenberg, griff aber auch auf, dass Antisemitismus immer noch verbreitet ist. Als Beleg abgebildet: das Aiwanger-Pamphlet.

Kirchinger zufolge hat der Lehrer erzählt, dass es Hubert Aiwanger war, der das Flugblatt verfasst habe. "Es ging in seiner Schilderung immer nur um Hubert", bekräftigt der promovierte Historiker. So habe man bei dem Schüler Hubert damals ein Exemplar der antisemitischen Schrift im Schulranzen gefunden. Inzwischen hat der Bruder Helmut erklärt, Verfasser gewesen zu sein.

Ob der Lehrer selbst der Finder war oder eine andere Lehrkraft, weiß Kirchinger nicht. Als Konsequenz hätte es einen Disziplinarausschuss gegeben. Die Strafe sei ein Referat über "Das Dritte Reich" gewesen.

An die Öffentlichkeit gehen wollte der Lehrer all die Jahre zunächst nicht. "Das sei einfach nicht seine Art, hat er damals zu mir gesagt", berichtet Kirchinger über eine Unterredung mit dem Mann. Die Meinung des Lehrers hätte sich allerdings geändert, nachdem Aiwanger seine berühmte "Erdinger Rede" gehalten hätte. Politisch sei diese der inzwischen pensionierten Lehrkraft aufgestoßen. Kirchinger vermutet, dass das Flugblatt deshalb nun doch an die Presse gelangt ist.

Selbst will der besagte Lehrer – der den Stein ins Rollen brachte – jetzt nicht mehr mit der Presse sprechen. Seine Frau wies t-online mit den Worten, "Tut mir leid, wir sagen gar nix mehr", an der Tür vehement ab.

Alle wussten von dem Vorfall – auch die Politik

Laut Johann Kirchinger sei die Causa Aiwanger nicht nur einfacher "Dorfklatsch" gewesen – der Lehrer hätte das Flugblatt und die Geschichte dahinter auch an die örtliche Politik herangetragen. So hätte laut dem 46-Jährigen unter anderem auch Bürgermeister Christian Dobmeier (CSU) von der Sache gewusst. Nur reagiert hätte keiner.

"Auf der politischen Wichtigkeitsskala steht das Ganze hier im Ort nicht so weit oben, wie in den Medien", erklärt Kirchinger. "Der Vorfall sei schließlich auch schon eine 'Geschicht' von vor 35 Jahren", von der die meisten Einheimischen schon sehr lange gewusst hätten.

Deswegen vermutet der ehemalige Bürgermeisterkandidat, dass sich die örtlichen Wähler nicht von Hubert Aiwanger abwenden werden. Auch Ministerpräsident Söder wird weiter an Aiwanger festhalten, glaubt Kirchinger.

Johann Kirchinger ist selbst politisch bei den Freien Wählern aktiv und Teil des örtlichen Gemeinderats. Hauptberuflich ist der habilitierte Historiker derzeit allerdings als Landwirt aktiv.

Aiwanger soll 25 Fragen schriftlich beantworten

Ministerpräsident Markus Söder hält trotz des antisemitischen Flugblatts bislang an Aiwanger fest. Allerdings erhöhte er nach einer Sondersitzung des Koalitionsausschusses den Druck auf Aiwanger und forderte ihn auf, 25 Fragen schriftlich zu beantworten.

Aiwanger hatte am Samstagabend schriftlich zurückgewiesen, zu Schulzeiten in den 1980er-Jahren ein antisemitisches Flugblatt geschrieben zu haben, über das die "Süddeutsche Zeitung" zuerst berichtet hatte. Gleichzeitig räumte er aber ein, es seien "ein oder wenige Exemplare" in seiner Schultasche gefunden worden.

Kurz darauf behauptete Aiwangers älterer Bruder, das Pamphlet geschrieben zu haben. Später sagte er, er glaube, dass sein Bruder Hubert die Flugblätter wieder habe einsammeln wollen.

In Bayern wird am 8. Oktober ein neuer Landtag gewählt. Die CSU hatte bislang stets erklärt, die Koalition mit den Freien Wählern nach der Wahl fortsetzen zu wollen.

Verwendete Quellen
  • Interview vor Ort
  • welt.de: Das Aiwanger-Pamphlet, das seit Jahrzehnten kursiert
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