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Nach Gutachten: Forderungen nach mehr Kontrolle der Kirche

Von dpa
21.01.2022Lesedauer: 3 Min.
MĂŒnchner Missbrauchsgutachten wird vorgestellt
Stephanie Herrmann hĂ€lt das Gutachten zu FĂ€llen von sexuellem Missbrauch im katholischen Erzbistum MĂŒnchen und Freising in den HĂ€nden. (Quelle: Sven Hoppe/dpa POOL/dpa/dpa-bilder)
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Nach der Veröffentlichung eines aufsehenerregenden Gutachtens zu FĂ€llen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Erzbistum MĂŒnchen und Freising werden Forderungen nach mehr Kontrolle der katholischen Kirche laut. Papst Franziskus pocht derweil auf eine strenge Anwendung des bestehenden Kirchenrechts.

"Nachdem das eine Never-Ending-Story zu sein scheint, sollte der Staat alle KindertagesstĂ€tten und Schulen unter Beobachtung stellen, bei denen es eine TrĂ€gerschaft der katholischen Kirche gibt, oder sogar ĂŒber einen Entzug der TrĂ€gerschaft nachdenken", forderte der Strafrechtsprofessor Holm Putzke. Die Kirchen mĂŒssten von Gesetzes wegen genauso behandelt werden wie jede andere Vereinigung. "FĂŒr irgendeine besondere RĂŒcksichtnahme, man kann es auch als "Beißhemmung" bezeichnen, besteht ĂŒberhaupt kein Anlass", sagte Putzke der Deutschen Presse-Agentur.

Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, forderten mehr politische Einflussnahme. "Ich glaube nicht mehr, dass die Kirche allein die Aufarbeitung schafft", sagte ZdK-PrÀsidentin Irme Stetter-Karp am Freitag im Inforadio des rbb und brachte "einen Ausschuss im Parlament" ins Spiel.

"Die Politik ist, wenn es um Aufarbeitung und Missbrauch im kirchlichen Bereich geht, bisher zu zurĂŒckhaltend gewesen", kritisierte Rörig im rbb. Der 2016 auf der Bundesebene eingerichteten Aufarbeitungskommission mĂŒssten "auch tatsĂ€chlich Kontroll-, Beratungs- und vielleicht auch Untersuchungsrechte eingerĂ€umt werden", forderte er.

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Papst Franziskus forderte eine strenge Anwendung des Kirchenrechts. "Die Kirche treibt mit der Hilfe Gottes die Verpflichtung voran, den Opfern von Missbrauch durch unsere Mitglieder gerecht zu werden, indem mit besonderer Aufmerksamkeit und Strenge die vorgesehene kanonische Gesetzgebung angewandt wird", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche am Freitag. Direkten Bezug auf das MĂŒnchner Gutachten nahm er nicht.

Der Sprecher der Opferinitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, regte an, die Rolle der Justiz in einer Studie nÀher zu beleuchten. Er werde das in der Aufarbeitungskommission vorschlagen. Es sei zum Beispiel auffÀllig, dass Staatsanwaltschaften bisher noch nie eine Durchsuchung etwa in einer Bistumsverwaltung vorgenommen hÀtten, sagte Katsch am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. Selbst wenn der Verdacht einer MittÀterschaft im Raum gestanden habe, sei dies unterblieben. Man könne vermuten, dass die Kirche jahrzehntelang von einem grundsÀtzlichen Wohlwollen katholischer Richter und StaatsanwÀlte profitiert habe.

Das neue Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum MĂŒnchen und Freising hatte am Donnerstag international Aufsehen erregt. Die Justiz prĂŒft nun, ob die Ergebnisse auch strafrechtlich relevant sind. Die Staatsanwaltschaft MĂŒnchen I untersuche derzeit 42 FĂ€lle von mutmaßlichem Fehlverhalten kirchlicher VerantwortungstrĂ€ger, bestĂ€tigte die Sprecherin der Behörde, Anne Leiding, der dpa.

Die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die das Gutachten im Auftrag des Bistums verfasst hat, habe der Staatsanwaltschaft im August 2021 "41 FĂ€lle zur VerfĂŒgung gestellt", sagte Leiding - und einen weiteren Fall im November 2021. "Sie betreffen ausschließlich noch lebende kirchliche VerantwortungstrĂ€ger und wurden stark anonymisiert ĂŒbermittelt", sagte Leiding. "Welche strafrechtlichen Normen verletzt wurden, ist noch Gegenstand der PrĂŒfung."

Das vom Erzbistum MĂŒnchen und Freising selbst in Auftrag gegebene WSW-Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass FĂ€lle von sexuellem Missbrauch in der Diözese ĂŒber Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden und wirft den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkret und persönlich Fehlverhalten in mehreren FĂ€llen vor.

Auch dem aktuellen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird formales Fehlverhalten in zwei FĂ€llen vorgeworfen. Von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen TĂ€tern sprechen die Gutachter, gehen aber von einem deutlich grĂ¶ĂŸeren Dunkelfeld aus.

Strafrechtler Putzke warf der Justiz vor, lange weggeschaut zu haben: "Den Strafverfolgungsbehörden ist der Vorwurf zu machen, kriminelles Verhalten in der katholischen Kirche anders zu behandeln als zum Beispiel KriminalitÀt in Wirtschaftsunternehmen oder in Schulen und Internaten", sagte Putzke. "Jede Schonung ist gesetzeswidrig und lÀsst sich wohl vor allem erklÀren durch eine Scheu vor einer lÀngst ins Gegenteil verkehrten Heiligkeit der Kirche."

Putzke hatte nach der Veröffentlichung der von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Auftrag gegebenen sogenannten MHG-Studie im Jahr 2018 gemeinsam mit einigen Kollegen Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Damit stieß er damals staatsanwaltliche Ermittlungen zu den MissbrauchsfĂ€llen an, die allerdings beinahe alle eingestellt wurden.

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