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Meinung
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Ich kann die Kritik an meinem Karriereende verstehen

Eine Kolumne von Benedikt Höwedes

Aktualisiert am 11.08.2020Lesedauer: 4 Min.
Auf dem Gipfel des Erfolgs: Benedikt Höwedes feiert mit der Nationalmannschaft in Berlin den Gewinn der Weltmeisterschaft 2014.
Auf dem Gipfel des Erfolgs: Benedikt Höwedes feiert mit der Nationalmannschaft in Berlin den Gewinn der Weltmeisterschaft 2014. (Quelle: Future Image/imago-images-bilder)
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Zu hoher Druck, die Familie oder fehlender Ansporn: Die Gründe für einen frühen Rücktritt als Profifußballer können vielfältig sein – und stoßen am Ende selten bei allen Fans auf Anerkennung.

Vor knapp einer Woche habe ich, Benedikt Höwedes, mein Karriereende als Profifußballer bekanntgegeben.


Karriereende aus dem Nichts – überraschende Rücktritte im Sport

Mit der Bekanntgabe seines Karriereendes überraschte Martin Hinteregger die gesamte Fußballwelt. "Den Sieg in der Europa League habe ich deswegen so ausgiebig genossen, weil ich wusste, dass es meine letzte große Siegesfeier sein würde", sagte der Profi. Er absolvierte 136 Partien für Eintracht Frankfurt – fiel aber zuletzt besonders neben dem Platz auf. Der gerade mal 29-Jährige verpasste die Verabschiedung seiner Kollegen und hatte Kontakt zu einem Rechtsextremisten.
"Ich brauche keinen Beifall mehr", mit diesen Worten beendete der nur 29 Jahre alte Andre Schürrle seine Karriere. Unvergessen seine Vorlage zum entscheidenden Tor der deutschen Nationalmannschaft im WM-Finale 2014 gegen Argentinien. Danach ging es für den Flügelspieler allerdings stetig bergab: Nach mittelprächtigen Jahren in der Bundesliga wurde er seit 2018 erst nach England, dann nach Moskau ausgeliehen. Nun löste er seinen Vertrag auf.
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Ich dachte, dass es mir einfach fällt, diesen Schlussstrich zu ziehen. Immerhin hatte ich selbst im Kopf längst mit meinem Leben als Fußballprofi abgeschlossen. Doch ich muss zugeben: Die unzähligen Nachrichten nach der Bekanntgabe von so vielen verschiedenen Menschen haben mich überwältigt. Und nicht nur das. Schon zuvor, je näher der Moment des Abschieds rückte, steigerte sich bei mir die innere Anspannung – ein Gefühl, wie ich es sonst nur vor wichtigen Fußballspielen empfand.

Diese Möglichkeit ist ein Privileg

Von vielen wurde ich für diesen endgültigen Schritt gelobt. Auch wenn einige Schalker sich wünschten, dass ich noch mal ein oder vielleicht zwei Jahre für den Verein aufgelaufen wäre. Und dann gab es noch die, die meine Entscheidung hinterfragten. Hinterfragten, dass ich so früh zurücktrat und gleichzeitig den Profifußball bei meinem Abgang kritisierte, obwohl ich doch jahrelang von dem System profitierte. Und ich kann sie verstehen – so, wie ich auch viele andere Meinungen zu meinem Rücktritt nachvollziehen kann.

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Im Jahr 2011: Benedikt Höwedes (r.) reckt mithilfe seines Schalker Teamkollegen Raúl den DFB-Pokal in die Höhe.
Im Jahr 2011: Benedikt Höwedes (r.) reckt mithilfe seines Schalker Teamkollegen Raúl den DFB-Pokal in die Höhe. (Quelle: ActionPictures/imago-images-bilder)

Denn für viele Fußballfans, die täglich acht Stunden und mehr hart arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist es schwer nachzuvollziehen, dass ich bereits mit 32 Jahren aufgehört habe – obwohl ich vielleicht noch zwei oder sogar drei Jahre auf hohem Niveau für viel Geld hätte Fußball spielen können, im In- oder Ausland.

Ich weiß: Es ist ein Privileg, diese Möglichkeit zu haben.

Gibt es den perfekten Moment?

Und natürlich habe ich die anschließenden Diskussionen sehr genau verfolgt: Warum hören mit Schürrle, Wagner und Höwedes gleich drei Deutsche so früh auf?

Das Nonplusultra erreichte er im Jahr 2014: Benedikt Höwedes gewinnt mit dem DFB-Team als Stammspieler die Weltmeisterschaft in Brasilien.
Das Nonplusultra erreichte er im Jahr 2014: Benedikt Höwedes gewinnt mit dem DFB-Team als Stammspieler die Weltmeisterschaft in Brasilien. (Quelle: Laci Perenyi/imago-images-bilder)

Doch glauben Sie mir, ich habe lange darüber nachgedacht, welches der beste Zeitpunkt für mich persönlich ist, um aufzuhören. Die Frage ist: Gibt es dafür überhaupt den perfekten Moment? Sicher. Die Wochen nach dem WM-Erfolg 2014 wären ideal für einen Rücktritt gewesen. Aber ich war dafür einfach zu jung. Und nach einer sportlich erfolgreichen, aber für mich persönlich enttäuschenden Vereinssaison mit Juventus Turin – damals war ich häufig verletzt – entschied ich, dass es so nicht enden soll. Lieber änderte ich noch konsequenter meine Ernährung, wurde zum Veganer und spielte weiter.

Meine Familie musste auf vieles verzichten

Und schon jetzt, nur wenige Tage nach meinem Rücktritt, bin ich mir sicher, dass mich mein Gefühl nicht getäuscht hat: Für mich war es der ideale Moment – während der Corona-Pandemie –, um meine Karriere Revue passieren zu lassen. Und mich selbst zu fragen: Wer möchte ich sein? Was möchte ich mit meinem Leben nach meiner Karriere als Profifußballer anstellen?

Im Jahr 2018: Höwedes spielte für den italienischen Topklub Juventus Turin. Einer seiner Teamkollegen: Torwartlegende Gianluigi Buffon (l.)
Im Jahr 2018: Höwedes spielte für den italienischen Topklub Juventus Turin. Einer seiner Teamkollegen: Torwartlegende Gianluigi Buffon (l.) (Quelle: Insidefoto/imago-images-bilder)

Den Schlussstrich habe ich aber vor allem fĂĽr meine kleine Familie, meine Frau und meinen Sohn, gezogen. Denn sie sind viele Jahre ĂĽberall mit mir hingereist, um mich in Italien und Russland zu unterstĂĽtzen. Leider konnten sie aber nicht immer bei mir sein. Insgesamt musste meine Familie selbst auf vieles verzichten.

Ich will nicht länger aus dem Koffer leben, während mein Sohn das Sprechen lernt. Seine ersten Schritte habe ich nur via Facetime mitverfolgen können.

Ich bin schon immer ein Mensch, der hinterfragt

Für mich ist und bleibt Fußball die schönste Nebensache der Welt, ich freue mich über all die Erinnerungen, Erfolge und die Wertschätzung, die mir entgegengebracht wurde. Doch ich bin schon immer auch ein Mensch, der Dinge hinterfragt. Und je älter und reifer ich wurde, desto ausgeprägter tat ich dies.

Der Fußball hat sich verändert, doch ich bin unfassbar dankbar dafür, dass ich das Glück hatte, aus meinem Hobby einen Beruf zu machen. Einen Beruf, in dem man im besten Alter plötzlich zum Rentner wird. Einen Beruf, der unglaublich viel Spaß macht.

Und so sieht mein neuer Alltag aus

Und nur eine Woche nach meinem Abschied schreibe ich nun diese Kolumne von meinem neuen Arbeitsplatz aus. Es ist nicht mehr der Fußballplatz, sondern ein Schreibtisch. Ich sitze vor meinem Laptop, meine Familie ist ganz in der Nähe, hier, in meiner Heimat Haltern am See. Wir haben heute als Team via Videocall Projekte für den DFB und den DOSB besprochen und möchten uns mit unserer Agentur, für die ich nun arbeite, für gesellschaftliche Kommunikation und Werte im Sport einsetzen. Ich bin also nicht nur in meine Heimat und zu meiner Familie zurückgekehrt, sondern bleibe auch dem Sport treu.

Ebenfalls im Jahr 2018: Höwedes kehrt mit Lok Moskau zu einem Champions-League-Spiel nach Schalke zurück – und verabschiedet sich offiziell.
Ebenfalls im Jahr 2018: Höwedes kehrt mit Lok Moskau zu einem Champions-League-Spiel nach Schalke zurück – und verabschiedet sich offiziell. (Quelle: Revierfoto/imago-images-bilder)

Ich freue mich auf die nächsten Monate, bevor ich im kommenden Jahr mein Studium des Sportmanagements bei der Uefa beginnen möchte.

Vielen Dank für all die Unterstützung in den letzten Jahren. Ich freue mich über alle, die auch zukünftig meine Kolumne auf t-online.de lesen oder die ich nach der Pandemie im Stadion treffe. Vielleicht können wir ja dann gemeinsam als Fans die Jungs auf dem Platz anfeuern.

Euer Benni

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