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Berti Vogts zu DFB-Testspiel: "Als Fan würde ich mir verschaukelt vorkommen"

MEINUNGKritik am DFB  

"Als Fan würde ich mir verschaukelt vorkommen"

Eine Kolumne von Berti Vogts

10.10.2020, 10:35 Uhr
Berti Vogts zu DFB-Testspiel: "Als Fan würde ich mir verschaukelt vorkommen". Kapitän Julian Draxler (2.v.l.) jubelt mit seinen Teamkollegen: In Paris saß der Offensivmann zuletzt meist auf der Bank. (Quelle: imago images/Herbert Bucco)

Kapitän Julian Draxler (2.v.l.) jubelt mit seinen Teamkollegen: In Paris saß der Offensivmann zuletzt meist auf der Bank. (Quelle: Herbert Bucco/imago images)

Das Länderspiel gegen die Türkei hatte mehrere Tiefpunkte, aber auch ein paar positive Aspekte. Für die Zuschauer blieben ein paar Fragen offen – und geben Bundestrainer Löw mehrere Aufgaben.

Natürlich habe ich am Mittwochabend den Fernseher eingeschaltet, um das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei zu verfolgen. Allerdings muss ich offen zugeben, dass die Partie bei mir im Wohnzimmer nur so nebenbei lief. Denn wirklich gefesselt hat mich das Gekicke trotz der sechs Tore nicht.

Was mich daran störte? In Köln liefen nicht etwa die besten elf Spieler Deutschlands auf, sondern die, die noch übrig waren. Das entspricht nicht dem, was ich mir unter einem Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft vorstelle. 

Was sollen die Zuschauer denn denken?

Bitte nicht falsch verstehen: Man kann solche Partien gerne weiterhin organisieren, nur sollten diese dann auch klar als DFB-Testspiel deklariert werden. Denn ein offizielles Länderspiel ist für mich etwas anderes. In einem echten Länderspiel treten die besten Akteure gegeneinander an. Ein Reservespieler eines Vereins hat dabei in der DFB-Startformation nichts zu suchen. Was sollen die Zuschauer denn denken? Als Fußballfan würde ich mir beim Blick auf das Türkei-Spiel verschaukelt vorkommen. Wo waren die Stars? Wo der unbedingte Wille? Was ist aus dem besonderen Flair eines Länderspiels geworden?


Früher war solch eine Partie für alle Beteiligten etwas ganz Besonderes. Die Fans freuten sich auf die Duelle gegen England, Italien oder Spanien. Für die Spieler – auch für die Topstars – war es eine riesige Ehre auf dem Platz zu stehen. Und heute? Da bleiben die Bayern-Spieler zu Hause, um sich zu schonen. Hallo? Das hätte man Nationalspielern wie Franz Beckenbauer oder mir damals mal sagen sollen! Hätte uns unser Trainer Helmut Schön schonen wollen, wären wir an die Decke gegangen. Ich hätte ihn sofort am Telefon gefragt, ob er etwas gegen mich hat oder er mit meiner Leistung in der Liga nicht zufrieden ist.

Aber okay. Der Fußball hat sich eben verändert. Und trotzdem glaube ich, dass es uns guttun würde, wenn man ein paar Länderspiele weniger macht, und dafür in den restlichen Partien gegen Topnationen antritt – und zwar immer mit den besten Spielern, die einem zur Verfügung stehen.

DFB-Spieler im Ausland

Doch auch gegen die Türkei war nicht alles schlecht. Schauen wir doch einmal genauer auf den Kader. Auffällig ist, wie viele Spieler der deutschen Auswahl inzwischen im Ausland unter Vertrag stehen. Allein gegen die Türkei waren fünf Akteure in der DFB-Startformation, die nicht in der Bundesliga spielen. Draxler lebt in Paris, Waldschmidt in Lissabon, Rüdiger, Leno und Havertz in London. Obwohl zwei Spieler dieses Quintetts bei ihren Vereinen meist nur auf der Bank sitzen, werden uns die Legionäre des erweiterten DFB-Kaders in den kommenden Jahren helfen. Denn Profis, die Stammspieler in der englischen Premier League – für mich die stärkste Liga der Welt – sind, werden ihre wertvolle Auslandserfahrung auch in die Nationalmannschaft tragen.

Ich erinnere mich gerne zurück. Als ich 1990 Bundestrainer wurde, standen viele meiner Nationalspieler wie Lothar Matthäus oder Jürgen Klinsmann in Italien, der damals besten Liga der Welt, unter Vertrag. Das war ein Riesenvorteil für uns. Sie reiften dort fußballerisch, aber vor allem auch menschlich.

Inter-Trainer Trapattoni (M.) mit Matthäus, Brehme und Klinsmann (v. l.) 1989: Die drei Spieler bildeten das Gerüst der späteren deutschen Weltmeister-Elf. (Quelle: imago images/WEREK)Inter-Trainer Trapattoni (M.) mit Matthäus, Brehme und Klinsmann (v. l.) 1989: Die drei Spieler bildeten das Gerüst der späteren deutschen Weltmeister-Elf. (Quelle: WEREK/imago images)

Den Austausch der Legionäre bei der Nationalmannschaft mit den Bundesliga-Spielern beobachtete ich mit großer Freude. Niemand stand nach dem Frühstück einfach auf und ging auf sein Zimmer. Das Team blieb sitzen. Alle lauschten den Geschichten aus Mailand oder Rom. Sowas schweißt eine Mannschaft zusammen – und deshalb hoffe ich, dass auch das Team von Bundestrainer Jogi Löw davon zukünftig profitieren wird.

Götzes Wechsel nach Eindhoven

Der vielleicht spannendste Auslandswechsel eines Deutschen hat aktuell allerdings wenig mit der deutschen Nationalmannschaft zu tun.


Unser 28-jähriger WM-Held Mario Götze spielt künftig für die PSV Eindhoven. Ein überraschender Transfer. Und trotzdem glaube ich, dass es Mario guttun wird, in einer anderen Liga aufzulaufen. Endlich entflieht er der deutschen Neidkultur und dem Spott, dem er in der Bundesliga zuletzt ausgesetzt war – denn diese Kultur gibt es in Holland nicht.

Ich wünsche ihm, dass er in Eindhoven zurück zu seiner alten Form findet und sich so vielleicht sogar für eine Rückkehr in die Nationalmannschaft empfehlen kann. Denn wenn ich eines als Bundestrainer gelernt habe, dann das: Das Alter eines Fußballers ist nicht wichtig. Es geht nur um Leistung. Und wenn Mario endlich so spielt, wie er es eigentlich kann, kommt er auch für Löw wieder infrage.

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