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Schalke 04 in der Krise: Deshalb steckt Königsblau im Abstiegsstrudel fest

Königsblau in der Krise  

Deshalb steckt Schalke im Abstiegsstrudel fest

17.12.2020, 16:46 Uhr
Schalke 04 in der Krise: Deshalb steckt Königsblau im Abstiegsstrudel fest. Rabbi Matondo und Amine Harit (v.l.): Zwei Gesichter der Schalker Krise. (Quelle: imago images/Poolfoto/RHR-Foto)

Rabbi Matondo und Amine Harit (v.l.): Zwei Gesichter der Schalker Krise. (Quelle: Poolfoto/RHR-Foto/imago images)

28 Bundesliga-Spiele ohne Sieg, Tabellenplatz 18: Der FC Schalke 04 stürzt dem vierten Abstieg der Klubhistorie entgegen – das Ergebnis einer fatalen Fehlentwicklung in allen Bereichen des Vereins.

Die Frage, wie Jochen Schneiders Gesichtsausdruck hinter der Maske wohl aussehen mag, stellen sich Schalke-Fans bereits seit Monaten nicht mehr. Schließlich kennen sie die Antwort ohnehin schon.

Unter der königsblauen Anhängerschaft ist das regungslose Gesicht des Sportvorstands längst zum Ausdruck der Krise geworden, mit der sich der FC Schalke 04 nun seit fast einem Jahr herumschlägt, drückt es doch die drei Vokabeln aus, die diese Horror-Serie von 28 sieglosen Bundesliga-Partien am besten umschreiben: Entsetzen, Lethargie, Müdigkeit.

Vergangene Woche schrieb der Vorstand um Schneider den Schalker Mitgliedern und Fans einen offenen Brief. Eine bemerkenswerte, historische Geste. Doch der Inhalt stieß vielen Anhängern der Knappen bitter auf: Schneider und seine Kollegen zeigten zwar Verständnis für den Unmut der Fans und den Unmut darüber, dass man seinen Ärger aktuell weder im Stadion noch während der eigentlich auf Schalke so heiligen öffentlichen Trainingseinheiten kundtun kann; bezichtigten die Anhänger jedoch nicht sonderlich subtil die Hauptschuldigen für die miserable Stimmung im Verein zu sein.

Vorstand schiebt notwendige Mitgliederversammlung auf

"Es ist eine Grenze überschritten, wenn Einzelne namentlich zum Buhmann ausgerufen oder zum Alleinschuldigen erklärt werden", oder auch, "Keine Einzelperson und keine Gruppierung stehen über dem Wohl des Vereins", hieß es im Schreiben des Vorstands. Gerade diese zwei Sätze entbehren nicht einer gewissen humoristischen Note, sieht man doch aktuell, wie auf Schalke eben jene "Einzelne", die durch den Brief zurückkeilen, viel dafür tun, ihre eigene Haut zu retten.


Ganz konkret geht es dabei um eine wichtige Veranstaltung, die ebenfalls in dem offenen Brief angesprochen wurde: die außerordentliche Mitgliederversammlung. Diese ist nach dem Rücktritt von Ex-Aufsichtsratboss Clemens Tönnies vereinsrechtlich dringend notwendig, wird vom Vorstand jedoch mit der Ausrede der unmöglichen Präsenz aufgrund der Corona-Pandemie aufgeschoben. Nicht wenige Schalke-Fans fragen sich: Wenn mit der CDU Deutschlands größte Partei einen rechtlich validen digitalen Parteitag auf die Beine gestellt bekommt, warum kriegt das dann Deutschlands nach Mitgliedern zweitstärkster Fußballklub nicht hin?

Nun mag man sagen, eine hitzige, kontroverse Mitgliederversammlung könnte für noch mehr Unruhe in diesen für den Verein existenzbedrohenden Zeiten sorgen. Andererseits könnte genau diese lebendige Aussprache und die Neubesetzung wichtiger Gremien die Adrenalinspritze sein, die Schalke zurück ins Leben holt.

Denn klar ist: sowohl der Vorstand um den sportlichen Leiter Jochen Schneider als auch der Aufsichtsrat um Interimsboss Dr. Jens Buchta gibt ein miserables Bild ab. Und zwar, weil beide Gremien nicht durchgreifen.

Schneider agiert seit Amtsbeginn inkonsequent

Schneiders Amtszeit auf Schalke begann im Frühjahr 2019 mit einem Knall: Direkt als erste Amtshandlung feuerte der von RB Leipzig abgeworbene Funktionär den bemühten, aber in dieser Saison glücklosen Vizemeistertrainer Domenico Tedesco – nur um wenige Tage später bei seiner öffentlichen Vorstellung bekanntzugeben, eine "Hire and Fire"-Kultur wie bisher werde es unter ihm auf Schalke nicht mehr geben. 

Jochen Schneider: Bei seiner offiziellen Vorstellung im März 2019 strahlte der Sportvorstand noch Aufbruchstimmung aus. (Quelle: imago images/Revierfoto)Jochen Schneider: Bei seiner offiziellen Vorstellung im März 2019 strahlte der Sportvorstand noch Aufbruchstimmung aus. (Quelle: Revierfoto/imago images)

Für die folgenden gut 20 Monate holte Schneider David Wagner als Trainer: Der frühere US-amerikanische Nationalspieler hatte als Ergänzungsspieler mit dem S04 1997 den Uefa-Pokal gewonnen. Dass er als Trainer den Traditionsklub Huddersfield Town zwar mit Überfallfußball (und viel viel Glück) in die Premier League brachte, dem Klub in den darauffolgenden Monaten trotz eines nur haarscharfen Klassenerhalts keine taktische Variabilität einimpfte und folgerichtig im Laufe der zweiten Premier-League-Saison als Tabellenletzter gefeuert wurde, schien Schneider nicht ins Grübeln zu bringen. Vielmehr wurde Wagner als Deckel zum Topf Schalke angepriesen, "weil er den Klub kennt und Fußball emotional lebt". 

Und das tat Wagner auch, zumindest eine Zeit lang. Denn nach einer furiosen Hinrunde brach das Team historisch ein: die immer noch laufende Sieglos-Serie begann. Wagner indes wurde immer leiser, immer introvertierter, seine fußballerischen Entscheidungen immer haarsträubender. Statt der sicher geglaubten Qualifikation für den Europapokal wurde es am Ende der Saison nur Platz 12 für Schalke. An eine Entlassung des ratlosen Trainers dachte Schneider dennoch nicht: Er wollte für Konstanz stehen.  

Dabei hat Schneider trotz aller Sorgen um seine Stelle recht wenig mit seiner Macht angestellt: Zwar trennte er sich nach dem zweiten Spieltag der aktuellen Saison dann doch vom "Deckel" Wagner. Seiner eigentlichen Kernkompetenz, dem Verpflichten und Verkaufen von Spielern und Zusammenstellen eines funktionierenden Kaders, ist er jedoch kaum nachgekommen. Unter seiner Ägide kamen mit Ozan Kabak und Benito Raman nur zwei Spieler fest zum FC Schalke 04, die aktuell zum Stammpersonal zählen. Der eine, Kabak, wurde vom in der Zwischenzeit entlassenen Kaderplaner Michael Reschke höchstpersönlich aus Stuttgart mitgebracht, der andere, Raman, wurde bereits vor Schneiders Amtsbeginn im Winter 2018/2019 verpflichtet. 

Schalke blickt auf eine miserable Transferbilanz

So kann Schneider fast nur unglückliche Leihgeschäfte für sich verbuchen. Seien es die gescheiterten Juan Miranda und Michael Gregoritsch, oder Fanliebling und Stammspieler Jonjoe Kenny, den man aufgrund einer fehlenden Kaufoption – trotz des Wunsches des Spielers – nicht langfristig an Schalke binden konnte.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass er sich mit Altlasten seines Vorgängers Christian Heidel, wie Nabil Bentaleb, Hamza Mendyl und Sebastian Rudy, die zusammen weit über 40 Millionen Euro Ablöse gekostet haben, herumschlagen muss. Dazu gehört auch, dass die Corona-Krise den ohnehin schmalen Spielraum für Verstärkungen vollkommen aufgefressen hat. Dennoch muss sich Schneider Entscheidungen, wie die horrende Vertragsverlängerung des in der Zwischenzeit zum FC St. Pauli abgewanderten Guido Burgstaller, und das kostenlose Ziehenlassen von Leistungsträger und Co-Kapitän Daniel Caligiuri höchstpersönlich ankreiden lassen. 

Christian Heidel (li.) verpflichtete Sebastian Rudy 2018 für 16 Millionen Euro, stattete den Ex-Nationalspieler mit sechs Millionen Euro Jahresgehalt aus. (Quelle: imago images/RHR-Foto)Christian Heidel (li.) verpflichtete Sebastian Rudy 2018 für 16 Millionen Euro, stattete den Ex-Nationalspieler mit sechs Millionen Euro Jahresgehalt aus. (Quelle: RHR-Foto/imago images)

So ist es zu einem großen Teil Schneiders Werk, dass Manuel Baum zum dritten Spieltag der laufenden Saison das Himmelfahrtskommando übernahm, von dem Bundesliga-Fans auch am vergangenen, 12. Spieltag Zeuge wurden: eine individuell immer noch hochveranlagte, aber bis auf die Knochen verunsicherte Schalker Mannschaft quälte sich gegen einen schwachen SC Freiburg 90 Minuten lang mit dem Fußballspielen – und zwar mit den rudimentärsten Bestandteilen des Sports –, nur um dann eine hochverdiente 0:2-Heimniederlage zu kassieren. Bezeichnend die Szene, in der Abwehr-Toptalent Ozan Kabak nach einem Stellungsfehler wegrutschte und seinen Kopf im Rasen der Veltins-Arena vergrub. Es war das definitive Zeichen der Aufgabe, das Schwenken der weißen Fahne. Die Spieler wirken ausgelaugt. Und an diesem Zustand wird auch der bemühte und ambitionierte Pädagoge Manuel Baum so schnell nichts ändern können.

Eine Emotion ist Schalkes Funken Hoffnung

Doch: Gibt es bei all dem Totentanz denn auch noch einen Funken Hoffnung für den S04? Durchaus.

Zum einen wäre da die aktuelle Tabellensituation: Zwar ist Schalke nach zwölf Spielen mit nur vier Punkten Tabellenletzter, Köln auf dem rettenden 15. Platz hat aber auch nur sechs Punkte mehr. Zwei Siege bei zwei möglichen Niederlagen der Domstädter – und Schalke wäre wieder nah am Ufer. Gerade, weil die Konkurrenz vom FC, aus Mainz und Bielefeld auf ähnlichem Niveau wie Schalke punktet, könnte sich auf der Strecke der noch ausstehenden 22 Partien ein Schneckenrennen um den Klassenerhalt entwickeln. Nicht vorzustellen, wie schnell Schalke an den anderen Abstiegskandidaten vorbeiziehen könnte, wenn sie auch nur eine kleine Erfolgsserie starten würden. Doch dafür benötigt es etwas anderes, was Hoffnung macht: Und zwar Frust.

Gelingt es Mark Uth (vorne) seinen Frust zu kanalisieren und seine Mitspieler mitzureißen, könnte Schalke gestärkt aus der kurzen Winterpause zurückkehren. (Quelle: imago images/Poolfoto)Gelingt es Mark Uth (vorne) seinen Frust zu kanalisieren und seine Mitspieler mitzureißen, könnte Schalke gestärkt aus der kurzen Winterpause zurückkehren. (Quelle: Poolfoto/imago images)

Schalke wird in den kommenden Wochen mehr Spieler wie den aktuell mit einer Gehirnerschütterung ausfallenden Mark Uth benötigen. Spieler, die nicht um den heißen Brei herumreden, sondern die poltern und den Finger in die Wunde legen. Die ihren Mitspielern klar machen: Hier geht es auch um unser aller Karrieren. 

Die am 1. Januar startende Transferperiode wird eine entscheidende Weiche für den S04 sein: Wird Schneider es trotz geringer finanzieller Mittel schaffen, kreative Lösungen zu finden, die dem Verein auf der Stelle weiterhelfen werden? Wird es Baum gelingen, Neuverpflichtungen schnell und gezielt ins Team zu integrieren? Findet Schalke Abnehmer für Spieler wie Bentaleb und Mendyl? 

Erst, wenn diese Fragen geklärt sind, und Schalke in der Zwischenzeit auch mal dreifach gepunktet hat, sollte in Gelsenkirchen wieder mit dem Träumen begonnen werden. Vom Klassenerhalt – und eventuell sogar von einem neuen Trainer mit einer klaren taktischen Grundauslegung und einem unbändigen Herz für den FC Schalke 04: Domenico Tedesco. Der Vizemeister-Coach wird seinen bis Sommer 2021 laufenden Vertrag bei Spartak Moskau auslaufen lassen –  und hat bereits in den vergangenen Monaten mit einer Rückkehr nach Gelsenkirchen öffentlich geliebäugelt. Schließlich weiß man im Nachhinein, was man am anderen hatte. 

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