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Stefan Effenberg: Vier BVB-Stars spielen ab sofort auf Bewährung

Schuld an der Krise?  

Vier BVB-Stars spielen ab sofort auf Bewährung

Eine Kolumne von Stefan Effenberg

22.01.2021, 10:24 Uhr
Stefan Effenberg: Vier BVB-Stars spielen ab sofort auf Bewährung. Mats Hummels streift Marco Reus die Kapitänsbinde über. Die beiden sind absolute Führungsspieler beim BVB – und stehen derzeit in der Kritik. (Quelle: imago images/Team2)

Mats Hummels streift Marco Reus die Kapitänsbinde über. Die beiden sind absolute Führungsspieler beim BVB – und stehen derzeit in der Kritik. (Quelle: Team2/imago images)

Die Dortmunder dachten, mit Trainer Lucien Favre den Verantwortlichen für die Krise gefunden und entlassen zu haben. Das war ein Fehler.

Bei den Worten von Dortmunds Torwart Roman Bürki vergangene Woche haben sich mir die Nackenhaare aufgestellt. "Jetzt ist wieder Leben drin", stellte er fest. Die Mannschaft habe "Fortschritte gemacht, was das System und das Positionsspiel angeht. Wir haben eine ganz klare Aufgabe auf dem Platz, und jeder weiß, was er zu tun hat".

Was Bürki offenbar sagen wollte: Unter dem neuen Trainer Edin Terzic ist vieles besser als unter Vorgänger Lucien Favre. Und es ist eindeutig rauszuhören, dass Bürki Favre damit auch ein Stück weit Planlosigkeit vorwirft.

Als Fan von Borussia Dortmund würde ich mir verarscht vorkommen. Ich höre von einem wichtigen Spieler, dass alles besser ist, schalte den Fernseher ein und stelle fest: nichts ist besser. Dortmund verliert gegen Bayer Leverkusen und Union Berlin, spielt gegen Mainz nur unentschieden, steht bei Borussia Mönchengladbach heute (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei t-online) massiv unter Druck und hat mit der Meisterschaft nichts zu tun. 17 Spiele, 6 Niederlagen – Wie willst du so Meister werden?

Um es deutlich zu sagen: Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass der BVB mehr Punkte auf dem Konto hätte, hätte er an Favre festgehalten. War es ein Fehler, ihn zu entlassen? Ja – Aus meiner Sicht war es das. Das Problem war nicht der Trainer. Wie sich spätestens jetzt herausstellt, ist es die Mannschaft.

Und da sind wir wieder bei Bürki. Ihn zähle ich, in Abwesenheit des verletzten Axel Witsel, neben Marco Reus, Mats Hummels und auch Thomas Delaney, zu den Spielern, von denen ich grundsätzlich viel halte, die nun aber für die sportliche Misere verantwortlich sind. Das sind die Führungsspieler, die selbst mit Top-Leistung und -Mentalität vorangehen und dabei die Jüngeren mitnehmen müssen, dies aber nicht immer tun. Das Entscheidende: Führungsspieler sind die Spieler, die da sein müssen, wenn es gerade nicht läuft.

Es mag sein, dass die Top-Talente Jadon Sancho, Erling Haaland oder Jude Bellingham schon den nächsten Karriereschritt im Kopf haben – eingesungen vom Umfeld oder dem Berater. Aber dann ist es eben an Bürki, Reus, Hummels oder Delaney, sie in die Realität zurückzuholen und ihnen zu verklickern: Jetzt bist du hier beim BVB, mein Freund – und in der Pflicht, dich darauf zu konzentrieren, deine beste Leistung abzurufen und wenn möglich Titel zu gewinnen.

Favre hat im Schnitt zwei Punkte geholt und ist damit der viertbeste Trainer der Klubhistorie, klammert man Interimstrainer aus. Vor Jürgen Klopp und vor Ottmar Hitzfeld. Und Favre soll planlos gewesen sein? Im Gegenteil! Favre war der Mann mit dem Plan. Ich kann es mir nur so erklären, dass ihm seine Art, die ihm immer wieder als unterkühlt ausgelegt wurde, zum Verhängnis geworden ist – Und dann frage ich mich schon, ob das der Sport ist, den ich lange und gern ausgeübt habe. Wenn Favre unterkühlt sein soll, dann war das Ottmar Hitzfeld auch. Der ist auch nicht emotional geworden oder ausgeflippt. Nie. Und trotzdem ist er zurecht über jeden Zweifel erhaben.

Bürki, Reus, Hummels und Delaney – diese Spieler spielen jetzt auf Bewährung bis zum Saisonende. Sportdirektor Michael Zorc und Lizenzspieler-Chef Sebastian Kehl müssen sich ganz genau anschauen, ob das die richtigen Führungsspieler für die nächsten zwei, drei Jahre sind – oder eben nicht.

Einer wäre ziemlich sicher der richtige Führungsspieler gewesen, aber den hat Dortmund verpennt – beziehungsweise eigentlich die ganze Bundesliga. Mario Mandzukic spielt nun beim AC Mailand an der Seite von Zlatan Ibrahimovic. Zusammen sind sie 73 Jahre alt und ein großer Gewinn für den Klub. Milan ist nicht umsonst Tabellenführer. Diesen Spielern brauchst du als Trainer nichts mehr erzählen. Die wissen, worauf es ankommt. Für mich ist es unverständlich, dass da kein Bundesligist zugeschlagen hat. Weil er ein schwieriger Typ ist? Das ist für mich kein Argument. Er ist sportlich top, torgefährlich, eklig als Gegenspieler und insbesondere mit der Mentalität ausgestattet, die Dortmund offenbar an der ein oder anderen Stelle fehlt.

Mentalität? Genau.

Auch wenn sie in Dortmund schon lange allergisch auf die Mentalitätsdebatte reagieren, müssen sie da durch. Denn am Ende geht es um die Mentalität. Um Leidenschaft. Um Einstellung. Gewinne ich Spiele gegen Augsburg, Freiburg oder Mainz, so wie es der FC Bayern tut? Oder verliere ich 6 von 17 Bundesliga-Spielen? Es braucht niemand in Dortmund darüber jammern, wenn die Debatte neu entfacht wird. Wer immer wieder Riesenmöglichkeiten auslässt, einen Titel zu holen, bei dem ist es eine Sache des Kopfes – und damit eben der Mentalität.

Um es kurz zu machen: In der Bundesliga spricht nun wirklich alles für den FC Bayern. Aktuell sehen wir, dass 80 bis 85 Prozent Leistungsfähigkeit ausreichen, um die Liga zu dominieren und 4 Punkte Vorsprung auf den 2. Platz zu haben. Wenn Bayern im Laufe der Saison noch mal in Richtung 100 Prozent kommt, werden es am Ende wieder 15 Punkte Vorsprung.

So klar der FC Bayern die Liga dominiert, so deutlich ist auch die fehlende Wettbewerbsfähigkeit von Schalke 04 am anderen Ende der Tabelle.

Die Niederlage gegen den 1. FC Köln war die schlimmste der Saison und damit schlimmer als die gegen Arminia Bielefeld kurz vor Weihnachten. Schalke hat gegen den nächsten direkten Konkurrenten im Abstiegskampf verloren und nun bereits acht Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Mir ist ziemlich klar: Schalke ist nicht mehr zu helfen.

Auch nicht von Klaas-Jan Huntelaar übrigens, der mit 37 Jahren noch mal das warme Nest bei Ajax Amsterdam verlassen hat, um sich dem rauen Abstiegskampf mit Schalke zu stellen. Ich frage mich: Warum tut er sich das an?

Das Huntelaar-Comeback auf Schalke ist einer der letzten Strohhalme, an die sie sich klammern. Ein Transfer für Fußball-Romantiker. Sportlich nachvollziehbar ist er nicht.

Das bedeutet: Der Tag X rückt näher, an dem Schalke aus der Bundesliga absteigt. Wer mir wirklich leidtut, sind dabei die Fans, die mit Herzblut ihren Verein verfolgen. Die werden womöglich vergessen, wenn sie ohnehin nicht im Stadion sind. Doch das, was ein Michael Reschke als ehemaliger Kaderplaner oder nun Jochen Schneider als Sportvorstand zu verantworten haben, tut nicht nur den Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle weh, sondern hunderttausenden Menschen, die sich mit Schalke identifizieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass Schneider nicht erst seit einem halben Jahr da ist, sondern seit März 2019. Zählt man die aktuelle mit, hatte er seitdem vier Transferperioden, um den Kader zu verstärken. Offensichtlich nicht mit Erfolg.

Deshalb muss ich als Verantwortlicher auch irgendwann die Hand heben und zugeben: Ich habe es verbockt und ziehe die Konsequenzen, indem ich gehe. Stattdessen sitzen die Verantwortlichen oftmals auf ihren Verträgen und schaden dem Verein und den zahlreichen Fans einfach weiter.

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