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Reis: FĂŒr 75 Millionen "spielen wir drei Jahre Bundesliga"

Von dpa
13.05.2022Lesedauer: 8 Min.
Seit September 2019 Cheftrainer des VfL Bochum: Thomas Reis.
Seit September 2019 Cheftrainer des VfL Bochum: Thomas Reis. (Quelle: Tom Weller/dpa./dpa)
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Bochum (dpa) - Thomas Reis hat mit dem VfL Bochum ĂŒberraschend souverĂ€n den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga geschafft.

Nach einer intensiven Saison mit Siegen gegen den FC Bayern MĂŒnchen (4:2) und beim BVB (4:3), spektakulĂ€ren Toren von Milos Pantovic und Gerrit Holtmann sowie einen Spielabbruch freut er sich auf einen Traumurlaub. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht Reis ĂŒber die Kaderplanung, ein schwieriges zweites Bundesligajahr und Millionen-Transfers wie von Erling Haaland.

Wenn Ihnen jemand vor der Saison gesagt hÀtte, dass Sie den Klassenerhalt schon nach dem 32. Spieltag sicher haben, was hÀtten Sie dann gesagt?

Thomas Reis: Dass es ein Wunder wÀre! Wir wollten unsere minimale Chance nutzen und ich denke, dass wir sie eindrucksvoll genutzt haben.

Wie sehr freuen Sie sich nach der intensiven Saison auf einen Urlaub?

Reis: Man merkt schon, dass die Saison sehr an den KrĂ€ften gezehrt hat - gerade vom Kopf her. Irgendwann merkt man auch, dass der Akku ziemlich leer wird. Deswegen werde ich die freie Zeit genießen. Aber trotzdem ist das Handy an, weil wir ja auch wieder eine neue Mannschaft ins Rennen schicken mĂŒssen. Ich habe den Drang, immer erreichbar zu sein. Da muss ich auch noch lernen. Wenn ich mit meiner Frau im Urlaub bin, werde ich aber vielleicht mal nur zweimal am Tag drauf schauen.

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Wo geht es denn hin?

Reis: Wir wollen dieses Jahr auf die Seychellen. Das war immer ein Traum. Das werde ich 14 Tage genießen und vielleicht die letzten zwei Jahre auch mal Revue passieren lassen, um alles ein bisschen zu verarbeiten. Das war ja schon extrem - im positiven Sinne.

Der VfL hat in dieser Saison viele Fußballfans mit spektakulĂ€ren Spielen und Toren begeistert. Zur Saison gehört aber natĂŒrlich auch der Becherwurf und der Abbruch der Partie gegen Borussia Mönchengladbach. Glauben Sie, dass der Becherwurf dem Image des Vereins nachhaltig geschadet hat?

Reis: Nein, das glaube ich nicht. Man kann das nicht entschuldigen, aber es sind auch schon vorher Becher geflogen und danach, nicht nur in unserem Stadion. Auch bei anderen Vereinen. Der Verein hat eine Strafe erhalten, diese auch wie angekĂŒndigt sofort akzeptiert und danach haben sich die Fans gut verhalten. Es sind Einzelne, die so etwas tun. Wir haben tolle Fans, die auch auswĂ€rts riesig Stimmung machen. Ich denke auch, wir haben mit unserer Leistung dazu beigetragen, dass der VfL in Deutschland absolut positiv gesehen wird. Die Liga kann sich freuen, dass der VfL noch mindestens ein weiteres Jahr dabei ist.

Durch die Pandemie mussten die Vereine lange in dieser Saison ohne Zuschauer oder nur mit wenigen Fans im Stadion auskommen. Trifft so etwas den VfL besonders?

Reis: Finanziell trifft es jeden Verein. Wir können mit Zuschauern erfolgreich sein, aber auch ohne. Das hat man direkt nach dem Lockdown gespĂŒrt. Zu dem Zeitpunkt mussten wir noch um den Klassenerhalt in der zweiten Liga kĂ€mpfen und Unzufriedenheit von den RĂ€ngen kann dann sehr hemmend wirken. Die Ruhe hat der Mannschaft in dieser Situation offenbar gutgetan. Es ist schade, dass unsere Fans in der Aufstiegssaison nicht dabei sein konnten. Alle waren dann stolz darauf, in die Bundesliga zurĂŒckgekehrt zu sein. Diesen Stolz hat man vom ersten Moment an gespĂŒrt. Das hat uns getragen. Es war ja ein echter Hexenkessel bei uns. Als wir wieder mit Zuschauern gespielt haben, war das fĂŒr uns Gold wert. Die Fans haben uns richtig geholfen. Ohne Zuschauer wĂ€re es wesentlich schwerer geworden.

FĂŒhlt sich der Fußball fĂŒr Sie wieder an wie vor der Pandemie, was die Stimmung und die Fans angeht?

Reis: Mein Eindruck war, dass die Stimmung am Anfang irgendwie anders, mitunter sehr aggressiv war. Man hat gemerkt, dass den Leuten was gefehlt hat. Ich weiß nicht, ob man es mit der Pandemie allein begrĂŒnden kann - ob es bei uns der Becherwurf war, anderswo sind wir auch beworfen worden oder es wurden auch mal die gegnerischen TrainerbĂ€nke beleidigt. AuswĂ€rts haben wir auch so ein bisschen mehr das Negative erfahren. Das war anfangs alles extremer. Mittlerweile hat es sich so gewandelt, dass die Leute einfach wieder froh sind, ihre Vereine zu unterstĂŒtzen. Zuschauer gehören einfach dazu. Da gehört es auch dazu, dass man emotional mal ein bisschen dagegenhalten muss. Das macht einfach wieder Spaß.

FĂŒr viele Fans ist der VfL ein Verein, der an die gute alte Zeit erinnert. Mit weniger Kommerz und viel Tradition. Sehen Sie das auch so?

Reis: NatĂŒrlich ist mit dem VfL Tradition zurĂŒckgekehrt - mit dem alten Stadion mitten in der Stadt, mit dem alten Flair. Auf der anderen Seite ist das natĂŒrlich auch nicht mehr zeitgemĂ€ĂŸ. Wir haben keine Logen wie an anderen Standorten. Da stecken finanzielle Möglichkeiten drin, von denen wir weit weg sind. Viele verbinden den VfL Bochum mit dem tollen Vonovia Ruhrstadion. Aber fĂŒr die Zukunft ist es natĂŒrlich schwer, da auch mitzuhalten. Einige sagen natĂŒrlich nach dieser Saison, dass es auch so geht. Die Frage ist nur: Wie lange geht das so?

Ist das eine zentrale Aufgabe des VfL: Da die richtige Mischung zu finden? Auf der einen Seite das zu behalten, was ihn ausmacht, sich aber auch weiterzuentwickeln?

Reis: Der VfL wird in den nĂ€chsten Jahren immer versuchen mĂŒssen, die Liga zu halten. Das wird wahnsinnig schwer. In jedem Jahr, in dem du die Liga hĂ€ltst, kannst du natĂŒrlich etwas aufbauen - auch infrastrukturell. Trotzdem hat jeder Verein seine IdentitĂ€t und die musst du dir bewahren. Wir haben unsere Werte wie "unbeugsam". Und solange ich Trainer bin, werde ich immer versuchen, dass die Mannschaft diese Werte auf den Platz bringt.

Viele Fans sehen Bochum auch ein bisschen als Gegenentwurf zu Vereinen wie RB Leipzig oder TSG 1899 Hoffenheim, wo ein großer Konzern bzw. ein MĂ€zen dahintersteht. Wie stehen Sie zum Thema Investoren?

Reis: Das wird hĂ€ufig negativ gesehen. Wenn man zum Beispiel auf Dietmar Hopp in Hoffenheim schaut: Ich finde, dieser Mann hat viel fĂŒr den Sport in Deutschland getan - auch, was ArbeitsplĂ€tze angeht. Er macht ja nicht nur Fußball, sondern auch Eishockey und Handball. Wenn ein Mensch so etwas aufbaut, finde ich das gut. Es gab schon immer Vereine, die von Konzernen unterstĂŒtzt werden wie von VW in Wolfsburg oder von Bayer in Leverkusen. Damit muss du halt klarkommen. Aus Trainersicht wĂŒrde ich mir natĂŒrlich auch wĂŒnschen, dass ich mehr Möglichkeiten bekomme, um eine Mannschaft besser aufzubauen. Ich wĂŒrde mich nicht dagegen wehren, wenn man jemanden passend zum Verein und zur Region findet. Der Verein hat da seine Vorstellung, was er sucht und wenn da jemand kommen wĂŒrde: Als Trainer wĂŒrde ich Ja sagen.

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Sie haben noch Vertrag bis 2023. WĂ€re nach dieser Saison nicht ein super Zeitpunkt, um mit dem Verein ĂŒber eine VertragsverlĂ€ngerung zu sprechen?

Reis: Das mĂŒssen die handelnden Personen im Verein entscheiden. Ich denke, dass ich hier bisher sehr gute Arbeit geleistet habe und mich fĂŒr meine erste Profistation sehr gut entwickelt habe. Alles andere wird man sehen. Wenn der Verein irgendwann GesprĂ€che ĂŒber eine Zusammenarbeit ĂŒber 2023 hinaus fĂŒhren möchte, bin ich gesprĂ€chsbereit. Ich habe noch ein Jahr Vertrag und denke schon, dass ich mir einen Namen gemacht habe. Mein letzter Vertrag wurde auch erst in dem Halbjahr verlĂ€ngert, in dem er ausgelaufen ist. Deshalb bin ich entspannt.

Der VfL hat vor dem Spiel gegen Bielefeld elf Spieler verabschiedet. Unter anderem die Leihen von Elvis Rexhbecaj und Konstantinos Stafylidis laufen aus. Wie groß ist Ihr Wunsch und die Hoffnung, dass von den beiden auch in der kommenden Saison noch jemand fĂŒr den VfL spielt?

Reis: WĂŒnsche darf ich immer haben, ob sie erfĂŒllt werden, ist eine andere Frage. Ich wollte Elvis unbedingt haben, genau wie Stafylidis. Bei Elvis wird es unheimlich schwer, weil er beim VfL Wolfsburg noch ein Jahr Vertrag hat. Selbst wenn Wolfsburg nicht mit ihm plant, werden sie ihn verkaufen wollen. Eine Ablöse in Millionenhöhe werden wir uns definitiv nicht leisten können. Aber wir werden alles versuchen, auch bei Stafylidis.

Wie blicken Sie sonst auf die Aufgaben des Sommers?

Reis: Wir stehen vor einem Umbruch. Es laufen einige VertrĂ€ge aus. Und wenn du eine gute Saison gespielt hast, sind viele Spieler mit VertrĂ€gen natĂŒrlich auch interessant fĂŒr andere Vereine. Da wissen wir von einigen noch nicht, ob sie nĂ€chste Saison noch hier sind. Wir wissen, dass wir im Vergleich zu anderen Vereinen keine Top-GehĂ€lter bezahlen können. Manche Spieler wissen, dass sie bei anderen Vereinen mehr verdienen können - und wir reden hier nicht von ein paar Euro, sondern vielleicht vom Doppelten. Da kann es natĂŒrlich sein, dass ein Spieler einen Wechselwunsch hegt. Da muss man dann drĂŒber reden. Sportlich möchte ich natĂŒrlich keinen Spieler mit gĂŒltigem Vertrag verlieren. Aber ich weiß, bei welchem Verein ich bin und dass wir vielleicht auch eine Art Ausbildungsverein fĂŒr andere sind. Das ist einfach so als VfL Bochum.

Schalke ist aufgestiegen, bei Werder Bremen und beim HSV sieht es gut aus. BefĂŒrchten Sie, dass die Bundesliga in der kommenden Saison noch stĂ€rker wird und die Konkurrenz damit grĂ¶ĂŸer?

Reis: Schalke ist ein Traditionsverein, da kommt eine ganz andere Wucht. Genau wie bei Werder Bremen. Da wird die Liga gefĂŒhlt schon stĂ€rker. Was das Budget angeht, starten wir nĂ€chstes Jahr womöglich von Platz 18. Aber ich freue mich trotzdem, dass das Ruhrgebiet einen weiteren Verein in der Bundesliga dazubekommen hat. Wir haben nĂ€chstes Jahr ein weiteres Derby.

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Man sagt ja oft: Das zweite Jahr ist fĂŒr einen Aufsteiger das schwerste. Sehen Sie das auch so?

Reis: Ja, weil man als Aufsteiger des letzten Jahres den Kader neu strukturieren muss. Außerdem steigt die Erwartungshaltung im Umfeld. Wir können kein anderes Ziel ausgeben als die Mammutaufgabe, auch im nĂ€chsten Jahr wieder die Liga zu halten. Man wird nicht mehr als Aufsteiger gesehen, weil wir ja ein Erstligist sind. Aber vom Finanziellen her sind wir eigentlich ein Zweitligist.

Was macht Ihnen Mut, dass der VfL den Klassenerhalt auch im kommenden Jahr schaffen kann?

Reis: Mut macht, dass wir wissen, dass wir tolle Zuschauer haben und dass wir es schon mal geschafft haben. Dass das zweite Jahr das schwerste ist, ist ja auch wieder eine Motivation - zu zeigen, wir schwimmen gegen den Strom, wir wollen das erreichen. Und wir haben jetzt mehr Erfahrung. Wenn die Grundtugenden da sind, können wir auch im nÀchsten Jahr die Liga halten.

Manchester City verpflichtet Erling Haaland fĂŒr 75 Millionen Euro, Dortmund holt im Gegenzug direkt Karim Adeyemi fĂŒr wohl mehr als 30 Millionen Euro. Was denken Sie, wenn Sie solche Summen lesen - gerade auch direkt nach der Pandemie, wo es ja oft hieß, die Branche werde demĂŒtiger?

Reis: Das ist immer nur eine Momentaufnahme. Bei den Transfers fĂ€ngt ein englischer Verein an, weil er die Kohle hat. Die englischen Clubs leiden vielleicht nicht so sehr unter der finanziellen Entwicklung durch die Pandemie, weil sie im Hintergrund Investoren haben, die ĂŒber entsprechende Finanzmittel verfĂŒgen und die dann auch beisteuern. Und dann greift der Domino-Effekt. Man holt Haaland fĂŒr 75 Millionen. Dadurch werden Gelder fĂŒr Dortmund frei. Die holen Nico Schlotterbeck, dadurch hat Freiburg wieder Geld und so weiter. Das muss jeder selber wissen. Ich kann die Summen sowieso nicht Ă€ndern. FĂŒr 75 Millionen Euro spielen wir drei Jahre Bundesliga. Wir hatten dieses Jahr einen Etat von 24 Millionen Euro.

Zur Person: Thomas Reis wurde am 4. Oktober 1973 im baden-wĂŒrttembergischen Wertheim geboren. Als Fußballprofi war er unter anderem fĂŒr Eintracht Frankfurt, den FC Augsburg und lange fĂŒr den VfL Bochum aktiv. Seit September 2019 betreut Reis den VfL als Chefcoach.

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