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Kolumne: Tottenham Hotspur auf der Überholspur


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"St. Totteringham´s Day" war gestern

Von t-online
24.02.2012Lesedauer: 4 Min.
Gareth Bale (li.) und Emmanuel Adebayor, zwei Tor-Garanten bei Tottenham Hotspur.
Gareth Bale (li.) und Emmanuel Adebayor, zwei Tor-Garanten bei Tottenham Hotspur. (Quelle: imago-images-bilder)
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Eine Kolumne von Jonny Giovanni

Wenigstens für die englischen Zeitungen hat das ganze Schlamassel seine positiven Aspekte: Es lässt sich wunderbar im Paket verkaufen. Zwei epochale Krisen bei zwei großen Klubs in der Premier League, noch dazu aus derselben Stadt – fertig ist die Doppelseite. Links die rote Krise. Rechts die blaue Krise. Wahlweise natürlich auch umgekehrt. Jedenfalls aber dieselbe brisante Frage: Wie tief werden sie noch fallen?


Foto-Show: Ex-Nationalspieler und ehemalige BuLi-Stars im Ausland

Robert Huth, Stoke City: Dank des früheren deutschen Nationalspielers hat der englische Premier-League-Klub im Januar 2012 die vierte Runde des FA-Cups erreicht. Huth erzielte beim 3:1 (2:1) des Vorjahresfinalisten bei Viertligist Gillingham das vorentscheidende dritte Tor für seinen Klub. Auch in der Liga erzielt der Innenverteidiger in 18 Partien bislang einen Treffer und legte ein Tor auf.
Roberto Hilbert, Besiktas Istanbul: Der Ex-Stuttgarter wechselte im Sommer 2010 an den Bosporus und traf in der laufenden Saison in 14 Partien als rechter Verteidiger einmal. Zudem bereitete er einen Treffer vor. Derzeit laboriert der ehemalige deutsche Nationalspieler allerdings an einem Muskelfaserriss und fällt bis Mitte Februar aus.
+16

Der FC Arsenal und der FC Chelsea, zwei Schwergewichte nicht nur des englischen Fußballs, taumeln derzeit von einem Fiasko zum nächsten. Deftige Champions-League-Pleiten in Italien, Blamagen im FA-Cup, Horrorserien von einem Sieg aus den letzten sieben Spielen (Arsenal) beziehungsweise zwei aus den letzten zehn (Chelsea) in der Liga: Allenfalls für einen wird es noch zu Platz vier und damit zur Chance auf die Königsklasse reichen. Und während im Stadtteil Islington das Werk von Gunners-Trainer Arsene Wenger verwelkt, sind es an der Stamford Bridge die Karrieren so erprobter Haudegen wie Frank Lampard, Didier Drogba, John Terry oder Ashley Cole.

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Spurs auf der Überholspur

In London geht gerade nicht nur eine Ära zu Ende. Jedenfalls in dem London, an das man gemeinhin dachte, wenn in den letzten Jahren von der Fußball-Hauptstadt Europas die Rede war. Anderswo in der Metropole herrscht dagegen eher Aufbruchstimmung – bei Tottenham Hotspur, wo Mitte August das erste Saisonspiel noch wegen der Jugendrandale im Viertel verschoben werden musste, danach aber nicht mehr allzu viel falsch lief. Die Spurs liegen komfortabel auf Platz drei, mit Kontakt zu den beiden Manchester-Klubs vor ihnen, aber bereits zehn Punkte vor Chelsea und Arsenal. Geschieht kein Wunder mehr, werden sie erstmals seit 1995 eine Saison als Londoner Nummer Eins beenden.

Als solche reisen sie am kommenden Sonntag die viereinhalb Meilen zum Nord-Londoner Derby bei Arsenal. Die Genugtuung über den eigenen Höhenflug wird durch die Zustände beim Nachbarn natürlich noch gesteigert. Endlich einmal wird es dieses Jahr keinen "St. Totteringham´s Day" geben – den feierten die Arsenal-Fans jedes Jahr an dem Tag, an dem sie mathematisch nicht mehr von den Spurs überholt werden können.

"Lasagne-Gate" von 2006

Seit 1996 ist es in der Amtszeit Wengers bislang jedes Mal dazu gekommen, und sei es erst am letzten Spieltag. So wie 2006, als Arsenal kurz vor Torschluss noch Platz vier erobern konnte, weil bei Tottenham im finalen Match bei West Ham United die halbe Mannschaft wegen einer Lebensmittelvergiftung fehlte. Der Vorgang ging als "Lasagne-Gate" in die Annalen ein, bis heute ranken sich Verschwörungstheorien um ihn, aber im Ergebnis waren die Rollen wieder gleich zementiert: Arsenal, das Erfolgsteam, Spurs, die ewigen – manchmal charmanten, manchmal einfach nur blamablen – Loser.

Ära Redknapp bringt die Wende

Die Wende kam mit Harry Redknapp, dem womöglich künftigen englischen Nationaltrainer. Er formte aus bereits bei seinem Amtsantritt 2008 vorhandenen Spitzentalenten wie Luka Modric oder Gareth Bale eine funktionierende Mannschaft und behob Jahr für Jahr durch gezielte Zukäufe deren Schwachstellen. Vorigen Sommer etwa angelte sich der begnadete Transfermarktfeilscher kurz vor Frist-Ende noch Scott Parker und Emmanuel Adebayor; ein Sechser und ein Stoßstürmer. Die letzten Puzzlesteine, die noch fehlten, um aus den Spurs eine dominante, verlässliche Kraft zu machen.

Dass der vom Geschäftsmann Daniel Levy solide geführte Verein damit zurzeit vor den Südwestlondonern aus Chelsea steht, dem mit hunderten Millionen Pfund künstlich aufgepäppelten Abramowitsch-Spielzeug, ist nicht weniger als eine Sensation. Und der unmittelbare Nachbar? Tottenham spielte seit 2000 nur ein einziges Mal in der Champions League, Arsenal hingegen jedes Jahr.

Obwohl die Spurs also weder in punkto Einnahmen, noch nach Prestige auf Augenhöhe agieren, haben sie eine qualitativ bessere Mannschaft zusammengebaut. Ihre aktuelle Vormachtstellung ist keine Laune des Zufalls, sondern fundiert, und das schmerzt Arsenal natürlich umso mehr. Schließlich illustriert es damit auch besonders anschaulich die eigenen Versäumnisse.

"Schlechtestes Arsenal, das ich je gesehen habe"

Arsenal und Wenger haben sich zuletzt Jahr für Jahr verschlechtert, weil sie sich kaum hinterfragten, sondern nur ihren Nimbus der moralischen Überlegenheit verwalteten: die beste Jugendarbeit, das schönste Spiel, das modernste Stadion, die gesündesten Finanzen. Erst 2011, nach einem katastrophalen Saisonstart, wurde Wenger mal wieder in größerem Stil auf dem Transfermarkt tätig – mit deutlich weniger Erfolg als Redknapp. Von den vier Last-Minute-Einkäufen Per Mertesacker, Mikel Arteta, André Santos und Yossi Benayoun hat sich keiner als wirklich signifikante Verstärkung erwiesen, sie haben eher eine bereits vorhandene Kategorie aufgefüllt: die der Spieler, die sicherlich ganz gut sind, aber keine wirkliche Hilfe auf dem Weg zu neuen Titeln.

Auf einen solchen wartet Arsenal nun schon seit sieben Jahren – und steht auf einmal selbst als notorischer Verlierer-Klub da. "Das schlechteste Arsenal, das ich je gesehen habe", brandmarkte der alte Gegner Roy Keane kürzlich im TV, "selbst Granden des Fußballs können vom Weg abkommen", urteilte der "Guardian" über Wenger. Der versprach vor ein paar Tagen trotzig, er betrachte nun den vierten Platz in der Meisterschaft als Titel. Kaum ein gutes Omen für Arsenal: Wann immer er in den letzten Jahren eine Trophäe versprach, ging es garantiert schief.

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Von Melanie Muschong
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