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Ex-Nationalspieler Amin Younes: "Uns Fußballern wird geholfen, dumm zu bleiben"

INTERVIEWEx-Nationalspieler  

"Uns Fußballern wird geholfen, dumm zu bleiben"

08.05.2020, 12:23 Uhr
Ex-Nationalspieler Amin Younes: "Uns Fußballern wird geholfen, dumm zu bleiben". Spielt aktuell in Italien Fußball: Neapel-Profi Amin Younes.  (Quelle: imago images/Insidefoto)

Spielt aktuell in Italien Fußball: Neapel-Profi Amin Younes. (Quelle: Insidefoto/imago images)

Er stand einst im Euro-League-Finale mit Ajax Amsterdam und lief für die deutsche Nationalmannschaft auf. Heute spielt Amin Younes in Italien – und erklärt im Interview, was ihn am modernen Fußball stört.

Er wurde in Mönchengladbach zum Profi und später über die Station Ajax Amsterdam zum gestandenen Fußballer. Heute spielt der fünffache deutsche Nationalspieler Amin Younes für den SSC Neapel in Italien.

Doch auch in der Serie A wird aufgrund der Corona-Pandemie aktuell kein Fußball gespielt. Im Interview mit t-online.de spricht der 26-jährige Offensivspieler die Probleme seines Sports an und nennt einen Lösungsansatz, um Talenten im "Haifischbecken Profifußball" zu helfen. 

t-online.de: Herr Younes, wenn Sie eine Sache am Fußball ändern dürften, welche wäre das?

Amin Younes (26): Junge Spieler sollten in bestimmten Bereichen besser betreut werden. Denn Jungprofis können toll Fußball spielen, doch nur die wenigsten wissen, was ein Sparkonto ist oder wie man sich auf ein Leben ohne Sport vorbereitet. Man sollte junge Fußballer nicht nur aufgrund ihres Talents wie eine Zitrone ausquetschen, sondern ihnen auf allen Ebenen helfen: sportlich, menschlich und finanziell.

Weshalb kommen Sie gerade auf dieses Thema?

Viele Profifußballer kommen aus ärmeren Verhältnissen und werden auf einmal zu Stars. Den richtigen Umgang mit Geld hat man deshalb aber noch lange nicht gelernt. Auch ich komme aus solch einer Familie, hatte aber Glück, dass mein Vater sich zunächst um mein Geld gekümmert hat. Und ein weiterer Vorteil war, dass ich in Gladbach Profi wurde, denn dieser Verein ist eine Ausnahme. Dort macht man sehr viel richtig. Doch dieses Glück hat längst nicht jeder.

Seine erste Profistation: Amin Younes wurde im Jahr 2012 zu den Profis von Borussia Mönchengladbach befördert.  (Quelle: imago images/Schwörer Pressefoto)Seine erste Profistation: Amin Younes wurde im Jahr 2012 zu den Profis von Borussia Mönchengladbach befördert. (Quelle: Schwörer Pressefoto/imago images)

Wie könnte man jungen Spielern gut helfen?

Nur eine Idee: Man könnte einführen, dass man als junger Spieler bis zu einem bestimmten Alter nur einen Teil des Gehalts ausgezahlt bekommt und der Verein den Rest auf ein anderes Konto einzahlt, auf welches der Profi erst nach der Karriere zugreifen kann. Denn es gibt genug Spieler, die nur ein, zwei Jahre Profi sind und alles ausgeben. Dann wird es danach schwierig.


Spannender Ansatz.

Wir Fußballer verdienen viel und leben fernab der normalen Welt. Und trotzdem gibt es Spieler, die nach der Karriere ohne Geld dastehen. Mit meinem Ansatz könnte man ihnen das ersparen.

Haben Sie persönlich Fußballer erlebt, die Ihre Finanzen schlecht verwalten?

Natürlich bekomme ich mit, wenn ein Fußballer fünf Autos besitzt. Aktuell ist es einfach so, dass man entweder Glück oder Pech mit seinen Förderern hat. Ich hatte meinen Vater und zudem beim DFB Horst Hrubesch als Trainer, der uns junge Spieler direkt gefragt hat: „Warum braucht ihr mehrere Autos? Ihr könnt doch eh immer nur mit einem davon fahren.“ Doch du bist jung und verdienst so viel Geld. Wenn dir keiner erklärt, dass es Quatsch ist, dann holst du dir eben fünf Autos – einfach, weil du es kannst.


Haben Sie rückblickend Fehler gemacht, über die Sie sich heute ärgern?

Ehrlich gesagt: nein. Und das lag daran, dass mein Vater alles verwaltet hat und immer ein Auge auf mich und meine Finanzen hatte. Ich hatte gar keine Möglichkeit mit meinem Geld zu machen, was ich wollte.

Im Kreise der Nationalmannschaft: Bundestrainer Joachim Löw nominierte Amin Younes (l.) für den Confed Cup 2017 in Russland. Am Ende gewann das DFB-Team das Turnier.  (Quelle: imago images/Hartenfelser)Im Kreise der Nationalmannschaft: Bundestrainer Joachim Löw nominierte Amin Younes (l.) für den Confed Cup 2017 in Russland. Am Ende gewann das DFB-Team das Turnier. (Quelle: Hartenfelser/imago images)

Was würden Sie jungen Spielern noch mitgeben wollen?

Es ist wichtig, dass man sich charakterlich nicht verbiegen lässt und dass man sich selbst ein Stück weit treu bleibt. Hilfestellungen bei Themen wie Finanzen, ja – aber dennoch ein eigener Charakter bleiben mit Ecken und Kanten.

Nicht nur die Entwicklung der Spielergehälter ist in den letzten Jahren rasant gestiegen. Vieles hat sich verändert. Stellen Sie sich doch einmal vor, Sie wären 1970 Fußballprofi geworden. Was hätte Ihnen daran wohl besonders gut gefallen?

Es ging früher mehr um den puren Fußball. Das behaupte ich jetzt einfach mal, ohne, dass ich dabei gewesen bin. Aber die Erzählungen vom Fußball, wie er früher mal war, gefallen mir gut. Vieles hat sich seitdem sehr verändert, auch die Medienlandschaft, und der Zusammenhalt in einer Mannschaft ist heute anders. Damals war alles ein bisschen normaler.

Wir haben heute Zeitungen, Onlineportale, Social Media. Fast jedes Spiel wird im Fernsehen gezeigt. Fans erkennen Sie auf der Straße. Fühlen Sie sich als Fußballer manchmal dadurch unter Druck gesetzt?

Die enorme Präsenz des Fußballs baut auf mich keinen Druck auf, ich kann sie allerdings nicht nachvollziehen.

Traum geplatzt: Amin Younes stand im Jahr 2017 mit Ajax Amsterdam im Finale der Europa League. Man verlor gegen Manchester United.  (Quelle: imago images/Jan Huebner)Traum geplatzt: Amin Younes stand im Jahr 2017 mit Ajax Amsterdam im Finale der Europa League. Man verlor gegen Manchester United. (Quelle: Jan Huebner/imago images)

Wie meinen Sie das?

Ich wünsche mir mehr Normalität im Fußball. Ich bin ein Typ, der es nicht besonders gerne mag, viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich glaube zum Beispiel, dass ich heute kein Fußballfan wäre, wenn ich nicht selbst Profifußball spielen würde. Bitte nicht falsch verstehen: Mir macht es riesigen Spaß mit dem Ball zu spielen und mich sportlich weiterzuentwickeln. Aber den Rummel, der um den Fußball herrscht, kann ich nicht nachvollziehen.

Warum nicht?

Ich mache das, was mir Spaß macht. Doch viele Menschen machen das, was ihnen Spaß macht. Doch denen juble ich nicht zu.

Heutzutage wird ein Fußballprofi schnell als Star bezeichnet und in den Himmel gelobt.

Genau. Und da wird meiner Meinung nach das Ziel verfehlt. Die schönste Zeit im Fußball waren die Jugendjahre. Die Zeit, in der man Werte vermittelt bekommen hat. Die Zeit, als man die Fußballschuhe noch selbst mit nach Hause genommen hat, um sie zu putzen. Heute wirst du als Profi eingebettet und belagert. Das ist nicht schlimm. So ist der Lauf der Dinge. Doch ich persönlich muss es deshalb ja nicht schön finden. Um es aber noch einmal klarzustellen: Einem jungen Fußballer sollte vor allem bei den wirklich wichtigen Dingen geholfen werden. Schuhe putzen schafft jeder Spieler alleine. Sich um seine Finanzen zu kümmern nicht. Es sollte besser überlegt werden, wobei man den Spielern hilft.

Was würden Sie sich im Detail wünschen für den Profifußball?

Das häufiger Werte wie Respekt, Akzeptanz und Toleranz vermittelt werden. Und dass man lernt, dass Fußball nicht das allerwichtigste ist. Neben dem Platz sollte auch ein vernünftiges Gespräch stattfinden können.

Kann das aktuell nicht stattfinden?

Wir sind allgemein in einer Zeit angekommen, in der du mit vielen kein vernünftiges Gespräch mehr führen kannst. Da sitzt du am Tisch mit 20 Leuten und 18 davon schauen auf ihr Handy. In diesen Situationen frag ich mich schon: Muss das sein?

Sie haben es gerade selbst angeschnitten: Fühlen Sie sich als Fußballer manchmal zu unselbstständig?

Man muss einen Punkt vorab festhalten: Viele Dinge gehen heute einfach aufgrund der Entwicklungen nicht mehr so, wie es früher mal war. Der Rummel um den Fußball ist heute zu groß, die Spieler müssen auch ein wenig beschützt werden. Das ist nicht zu verhindern. Ich vertrete trotzdem die Meinung, dass uns Fußballern geholfen wird, dumm zu bleiben. Alles wird für uns gemacht. Es wird uns fast alles abgenommen. Doch dadurch schaut man als Spieler gar nicht mehr nach links und rechts.

Inzwischen in Italien aktiv: Younes wechselte im Sommer 2018 von Amsterdam nach Neapel, konnte sich dort allerdings noch nicht vollends durchsetzen. (Quelle: imago images/Insidefoto)Inzwischen in Italien aktiv: Younes wechselte im Sommer 2018 von Amsterdam nach Neapel, konnte sich dort allerdings noch nicht vollends durchsetzen. (Quelle: Insidefoto/imago images)

Stichwort Rummel. Gibt es Situationen im Privatleben, in denen Sie sich als Mensch des öffentlichen Lebens unwohl fühlen?

Stellen Sie sich die Situation doch einmal vor: Sie gehen als Fußballprofi mit der eigenen Familie im Restaurant essen und jeder schaut dir auf den Teller, weil alle denken, der Fußballprofi muss doch ganz gesund essen. Hoffentlich geht der Younes jetzt an der Fleischtheke vorbei. Man hat als Spieler das Gefühl, dass man beobachtet wird und man deshalb aufpassen muss, was man macht und wie man sich verhält.

Ist das ein großes Problem für Sie?

Nein. Ich versuche es mit Humor zu lösen. Ich rede sehr gerne mit Menschen. Aber wenn ich mit Leuten rede, versuche ich ihnen klarzumachen, dass sie davon wegkommen müssen, dass wir Fußballer etwas Besonderes sind.

Außenstehende denken häufig, Fußballer ernähren sich ausschließlich gesund. Klären Sie uns doch mal auf.

Ich bin ganz ehrlich: Wenn ich von Italien zurück nach Deutschland komme, hole ich mir immer gleich als erstes einen ordentlichen Kebap (lacht). Aber ich habe das Pech, dass ich schnell zunehme, wenn ich ungesund esse. Deshalb muss ich schon sehr aufpassen und esse meist tatsächlich gesund.


Heißt: Sie achten auf gesunde Ernährung, übertreiben es aber nicht.

Noch ein Beispiel: Als Spieler von Ajax Amsterdam habe ich vor Partien immer Pancakes gegessen, weil die mich extrem glücklich gemacht haben. Und so konnte ich gut Fußball spielen. Die Stimmung vor einem Spiel ist für einen Sportler sehr wichtig. Mir ging es immer gut in Amsterdam. Und die Pancakes haben mich ins Europa-League-Finale gebracht (lacht).  

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