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FC Liverpool: Wie Star-Trainer Jürgen Klopp zum König von der Stadt wurde

Meister nach 30 Jahren  

Das Mysterium Klopp: Vom Grußonkel zum König von Liverpool

Von Alexander Kohne

26.06.2020, 18:42 Uhr
FC Liverpool: Klopp spricht von "ganz speziellem" Meistertitel

Jürgen Klopp hat mit dem FC Liverpool den englischen Meistertitel geholt. Der Erfolgstrainer ordnet den Titel ein. (Quelle: Omnisport)

"Ganz speziell": Hier spricht Jürgen Klopp über den Meistertitel mit dem FC Liverpool. (Quelle: Omnisport)


Nach dem Titel mit Liverpool ist Jürgen Klopp endgültig auf dem Trainer-Olymp angekommen. Entscheidend war dabei sein Umgang mit Menschen. Doch was macht diesen so besonders?

Wenn Christian Heidel an den Februar 2001 zurückdenkt, wirkt er noch immer etwas ratlos: "Ich habe ihm gesagt: 'Ich hab‘ jetzt ‘ne Idee, wir machen das ohne Trainer! Aber ich brauche einen, der sich auf die Bank setzt und ein bisschen was erzählt. Was hältst Du davon, wenn Du das machst?'"

Heute mutet es seltsam an, dass diese Sätze den Auftakt zur Karriere des aktuell wohl besten Fußballtrainers der Welt bildeten – denn diese Sätze sagte Heidel zu Jürgen Klopp. Zu dem Mann, der 2020 den FC Liverpool erstmals nach 30 Jahren wieder zum englischen Meister gemacht hat. Zu dem Mann, der aktuell in der Arbeitermetropole wohl so sehr geliebt wird wie sonst nur die bekanntesten Söhne der Stadt: die Beatles.

Die Transformation des FC Liverpool

Klopp hat den Klub transformiert, den LFC zu einer Art "Klopp FC" gemacht. Aus einem fragmentierten Team, das die Last der großen Tradition immer wieder zu überwältigen schien, hat Klopp eine Mannschaft geformt, deren Siegermentalität europaweit ihresgleichen sucht. Mittlerweile gilt als unbestritten, dass dieses Kunststück wohl keinem anderen gelungen wäre.

"Jürgen hat den Verein in fantastischer Weise verändert", sagt Verteidiger Trent Alexander-Arnold im Klubmagazin. "Er hat uns eine Mentalität eingeimpft, mit der wir in der Lage sind, jeden nur denkbaren Umstand im Spiel zu überstehen." Und im Vorjahr auch die Champions League zu gewinnen.

Jürgen Klopp (r.) war von 2001 bis 2008 Trainer von Mainz 05. Gemeinsam mit Manager Christian Heidel führte er den Klub von den Abstiegsrängen der 2. Liga in die Bundesliga. (Quelle: imago images/Dünhölter SportPresseFoto)Jürgen Klopp (r.) war von 2001 bis 2008 Trainer von Mainz 05. Gemeinsam mit Manager Christian Heidel führte er den Klub von den Abstiegsrängen der 2. Liga in die Bundesliga. (Quelle: Dünhölter SportPresseFoto/imago images)

Klopp, der Motivator

Doch wie konnte es soweit kommen? Warum ist aus einem alternden Zweitligaprofi, der ursprünglich nur als besserer Grußonkel auf der Bank gedacht war, der beste Fußballtrainer weltweit geworden? Klopp selbst bringt das auf eine einfache Formel: "Ich möchte der Trainer sein, den ich gerne gehabt hätte", sagte der 53-Jährige in der ZDF-Sportreportage.

Aber ist es wirklich so simpel? Um wirklich zu verstehen, was hinter dem Phänomen Klopp steckt, lohnt ein Blick in seine Mainzer Zeit. "Er hat so eine Überzeugungskraft, der verkauft dem Papst ein Doppelbett", sagte 05-Kultstadionsprecher Klaus Haffner gegenüber dem "Kicker". Dies unterstreichen zahlreiche ehemalige Spieler. "Hätte er gesagt, dass wir jetzt durch einen brennenden Wald laufen, dann wären wir hinterhergelaufen", so der Ex-Mainzer Christof Babatz, mit dem Klopp gemeinsam in die Bundesliga aufstieg. "Er hat dich so in den Bann gezogen, dass du eigentlich direkt aus dem Hotel aufs Spielfeld hättest gehen können, weil du so heiß, so motiviert warst."

Als Mainz-Trainer stieg Jürgen Klopp (l.) 2004 mit Christof Babatz in die Bundesliga auf. (Quelle: imago images/Sven Simon)Als Mainz-Trainer stieg Jürgen Klopp (l.) 2004 mit Christof Babatz in die Bundesliga auf. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Klopp, der Freund der Spieler

Doch Klopp nur auf die Rolle des Motivators zu reduzieren, greift zu kurz. Sonst hätte er nicht über zwei Jahrzehnte Erfolg im Trainergeschäft gehabt. "Er ist auch ein Trainer, mit dem man über alles reden und ganz viel Blödsinn machen kann. Aber wenn es drauf ankommt, dann trifft er knallharte Entscheidungen. Er kann die Spieler aber auch in den Arm nehmen", verdeutlicht Babatz.

Klopp selbst sagte dazu im Podcast "Make it Your Path": "Ich bin der Freund meiner Spieler, aber ich kann nicht der beste Freund sein." Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis habe er allerdings einige Fehler gemacht. "Ich habe in meiner ersten Zeit als Trainer immer versucht, allen zu erklären, warum sie beim nächsten Spiel auf dem Platz stehen dürfen – und warum nicht. Das war im Nachhinein keine gute Idee, denn es hat weder jenen auf dem Platz noch jenen auf der Bank genützt."

Jürgen Klopp arbeitete in Mainz und Dortmund mit Neven Subotic zusammen und formte ihn zum Spitzenspieler. (Quelle: imago images/DeFodi)Jürgen Klopp arbeitete in Mainz und Dortmund mit Neven Subotic zusammen und formte ihn zum Spitzenspieler. (Quelle: DeFodi/imago images)

Klopp, der Kümmerer

Wie andere Trainer sortiert auch Klopp Spieler aus, wenn sie ihren Zenit überschritten haben oder nicht zu seinem System passen. Dennoch gibt es kaum Akteure, die sich im Nachgang negativ über den gebürtigen Glattener äußern. "Ich habe dieses Helfersyndrom", sagte er im Interview mit dem englischen "Guardian". "Ich interessiere mich wirklich für die Leute und fühle mich für fast alles verantwortlich."

Das hört sich sehr nach Eigen-PR an, trifft aber wohl doch einen entscheidenden Punkt – zumindest lassen das diverse Anekdoten aus Klopps Karriere vermuten. So soll er in Dortmund persönlich zu einem Autohaus gegangen sein, um einen Wagen abzubestellen, den sich ein Nachwuchsakteur vom ersten Gehalt gekauft hatte – obwohl er sich diesen gar nicht leisten konnte. Neven Subotic, mit dem Klopp bei Borussia Dortmund zwei Meisterschaften feierte, erklärte darüber hinaus bei "t-online.de": "Klopp findet für jeden Spieler den passenden und menschlichen Weg. Und die richtigen Worte."

Klopp, der Psychologe

Ein entscheidendes Mosaiksteinchen dabei ist Vertrauen. Sein Motto sei, "Nicht verändern, entwickeln“, so Klopp im Podcast "Make it Your Path". Und dazu gehört auch die Freiheit, Fehler zu machen. "Wir sind nicht mehr bereit, Vertrauen zu schenken und zu leben. Man muss aber auch vertrauen, wenn jemand nicht funktioniert", erklärte Klopp dort und veranschaulichte: "Ein Fehlpass darf passieren, ohne dass es sich nachhaltig auswirkt." Eine bemerkenswerte Aussage in der modernen, auf Perfektion getrimmten Fußballwelt. Und Klopp geht noch weiter: "Ich will meinen Spielern nicht das Gefühl geben, dass sie jederzeit ersetzbar sind, denn das führt niemanden zu seiner besten Leistung. Druck kann nicht der einzige Antrieb sein."

Der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther ist von Klopps Ansatz regelrecht begeistert und forderte im Gespräch mit "Business Insider", diesen auch auf Unternehmen zu übertragen. "Viele Menschen werden auf der Arbeit, in der Ausbildung oder der Schule zum Objekt gemacht. Zum Objekt der Erwartungen, Bewertungen oder sogar Maßnahmen anderer." In einem Team müssten Bedingungen geschaffen werden, die druckfrei und spielerisch seien.

Klopp, der Entwickler

Wohl auch deshalb gelingt es Klopp immer wieder, aus zuvor unbekannten oder nicht sonderlich hoch eingeschätzten Spielern Top-Leute zu formen. Dabei zählen für den 53-Jährigen neben Talent vor allem eine hohe Lern- und Entwicklungsbereitschaft sowie der Wille, sich voll in den Dienst der Mannschaft zu stellen.

Bei Borussia Dortmund gelang ihm das beispielsweise meisterhaft mit Robert Lewandowski nach einer schwierigen ersten Saison, in der der Neuzugang noch mit Anpassungsproblemen zu kämpfen hatte, was sich auch auf seine Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor auswirkte. Mittlerweile gilt Lewandowski seit Jahren als einer der besten Mittelstürmer Europas.

Auch aktuell hat er diverse Spieler in Leistungssphären geführt, in denen sie die meisten Experten zuvor nicht gesehen hatten – allen voran der vom Mittelklasseklub Hull verpflichtete Andrew Robertson sowie der junge Liverpooler Alexander-Arnold. Spieler, die im Februar 2001 wohl ähnlich draufgängerisch wie der damals 33-jährige Mainzer Jürgen Klopp reagiert hätten: "Der hat drei Sekunden überlegt und gesagt: Das mach‘ ich. Bumm", so Ex-05-Boss Heidel. Der Rest ist Geschichte.

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