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"Es ist an der Zeit, dass die Sportschau jetzt eSport zeigt"

  • T-Online
Von Alexander Kohne

Aktualisiert am 04.04.2020Lesedauer: 5 Min.
Erfolgreicher eSport-Trainer: Matthias "Stylo" Hietsch (r.) betreute Mohammed "MoAuba" Harkous auf dem Weg zum WM-Titel. Seit einigen Wochen coacht er auch die "eNationalmannschaft".
Erfolgreicher eSport-Trainer: Matthias "Stylo" Hietsch (r.) betreute Mohammed "MoAuba" Harkous auf dem Weg zum WM-Titel. Seit einigen Wochen coacht er auch die "eNationalmannschaft". (Quelle: FOKUS CLAN/t-online.de/Springstrow/imago-images-bilder)
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Durch die Corona-Krise ist die Sportwelt zum Erliegen gekommen. Die Ausnahme: der eSport. Das Zocken an PC und Konsole hat aktuell Hochkonjunktur. "eBundestrainer" Matthias Hietsch sieht darin eine Chance fĂŒr seine Sportart – und stellt Forderungen an TV-Sender.

WĂ€hrend Fußball oder Basketball aufgrund der Corona-Krise pausieren, geht der Betrieb im professionellen eSport grĂ¶ĂŸtenteils online weiter. Wichtige Ligen und VerbĂ€nde wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB), die Deutsche Fußball Liga (DFL) oder die Formel 1 haben das erkannt und bieten online Alternativwettbewerbe an. Am Samstag startet beispielsweise der zweite Spieltag der "Bundesliga Home Challenge", bei der sich Teams aus Fußballern und eSportlern in der Fußball-Simulation FIFA 20 messen. Matthias "Stylo" Hietsch ist Experte auf dem Gebiet. Er ist nicht nur Profi beim renommierten "Fokus Clan", sondern coacht auch die neue "eFootball"-Nationalmannschaft des DFB.

t-online.de: Herr Hietsch, wie sind Sie Bundestrainer geworden?

Matthias "Stylo" Hietsch: Das war ein langer Weg. Ich spiele seit 1998 FIFA (damit ist im Folgenden die Fußball-Simulation und nicht der Verband gemeint, Anm. d. Red.) und bereits beim Zocken mit meinen Freunden auf der Couch hat sich herauskristallisiert, dass ich ganz gut bin (lacht). Dann habe ich immer mehr den Wettbewerb gesucht, an Online-Turnieren teilgenommen und gemerkt, dass ich Potenzial fĂŒr mehr habe. Als irgendwann das Angebot des "Fokus Clan" kam und ich das Ganze hauptberuflich machen konnte, musste ich nicht lange ĂŒberlegen. Mittlerweile bin ich mit 28 Jahren auch im Coachingbereich angekommen und habe im letzten Jahr unter anderem Mo (Mohammed "MoAuba" Harkous, Anm. d. Red.) auf seinem Weg zum WM-Titel betreut. Vor ein paar Wochen kam dann ein Anruf vom DFB und es ging alles ganz schnell.

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Mittlerweile unterhalten fast alle Bundesligisten eSport-Teams. Auch der DFB hat mit der "eNationalmannschaft" ein virtuelles Pendant zur A-Nationalelf gestartet.
Mittlerweile unterhalten fast alle Bundesligisten eSport-Teams. Auch der DFB hat mit der "eNationalmannschaft" ein virtuelles Pendant zur A-Nationalelf gestartet. (Quelle: /imago-images-bilder)

Was machen Sie genau?

Vorweg: Das Ganze ist nicht vergleichbar mit einem Fußballtrainer. Da gibt es schon einen deutlichen Unterschied. Beim Fußball hat ein Coach oftmals eine gewisse Philosophie und versucht, diese dem Team beizubringen. Bei FIFA ist das nicht der Fall. Man ist eher Ansprechperson des Spielers und nimmt ein bisschen die Rolle eines Mentaltrainers ein. In der Regel können die Jungs alle super FIFA spielen. Es ist aber extrem wichtig, zum richtigen Zeitpunkt die genau richtige Aktion zu machen. Denn – auch wenn einem auf den virtuellen Rasen elf Akteure zur VerfĂŒgung stehen – wird Eins-gegen-eins gespielt. Wenn man da einen Fehler macht, ist es vorbei. Es gibt nicht noch zehn weitere menschliche Spieler, die diesen ausbĂŒgeln können. Davon abgesehen analysiere ich natĂŒrlich die Gegner, schaue mir taktische Vorlieben, StĂ€rken und SchwĂ€chen an.

Wie sieht das Coaching im Spiel aus?

Es ist alles unheimlich schnell – wesentlich schneller als im realen Fußball. Ein Spiel dauert bei uns 15 Minuten, da gibt es nicht wirklich viel Zeit, große taktische Umstellungen vorzunehmen. Ich interveniere nur, wenn mir etwas besonders Krasses auffĂ€llt. Ansonsten liegt mein Augenmerk darauf, dass der Spieler zu 100 Prozent den Fokus behĂ€lt.

In der vergangenen Woche haben Sie sich mit der Nationalmannschaft zurĂŒckgezogen. Was haben Sie gemacht?

Wir haben uns in einem sogenannten Bootcamp, einem Trainingslager, auf den "eNations Cup" vorbereitet. Das ist in der virtuellen Welt quasi die Team-Weltmeisterschaft. Aktuell besteht unser Kader aus zehn Spielern – jeweils fĂŒnf an xBox und Playstation. Daraus werden am Ende zwei nominiert. Eigentlich wollten wir uns in Frankfurt treffen, doch aufgrund der Corona-Pandemie musste das Ganze online gemacht werden, was natĂŒrlich im eSport keinen großen Mehraufwand mit sich bringt.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf den eSport aus?

Im FIFA-eSport ist gerade alles grĂ¶ĂŸtenteils auf Eis gelegt. Fast alle Turniere wurden erstmal verschoben – darunter auch der "eNations Cup". Wir wissen, dass EA Sports (Hersteller der FIFA-Spielreihe, Anm. d. Red.) sich gerade intensiv um Lösungen bemĂŒht und die Gelegenheit nutzen möchte. Denn: Jetzt, wo jeder zu Hause ist, gibt es eine große Möglichkeit, den eSport einer breiten Masse nĂ€herzubringen.

Was wĂŒrden Sie konkret von EA erwarten?

Viele Haushalte in Deutschland besitzen eine Spielekonsole und aktuell sitzen fast alle zu Hause. Eine Option wĂ€re natĂŒrlich, das Spiel in so einer Situation "free-to-play", also kostenlos fĂŒr jeden spielbar, zu machen. Dazu mĂŒssten Online-Turniere angeboten werden – und zwar vom AnfĂ€nger bis zum Profi. Übrigens bietet der DFB bereits eine gute Möglichkeit mit seiner neuen "eFootball"-Plattform. So könnte der eSport vielen Menschen nĂ€hergebracht werden. Das wollen wir alle gemeinsam bestmöglich umsetzen. Es wird nun vermehrt ĂŒber digitale KanĂ€le kommuniziert, Interaktionen und Reichweiten steigen und alles wĂ€chst ein StĂŒck weit nĂ€her zusammen.

Fußballer an der Konsole: Bernd Leno (l.) und Marco Asensio traten am Montag beim virtuellen Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Spanien gegeneinander an.
Fußballer an der Konsole: Bernd Leno (l.) und Marco Asensio traten am Montag beim virtuellen Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Spanien gegeneinander an. (Quelle: /imago-images-bilder)

Das hört sich so an, als ob der eSport einer der Gewinner der Corona-Krise werden könnte.

Es ist schwer, in so einer Krise von Gewinnern zu sprechen. Aber der eSport könnte natĂŒrlich stark davon profitieren – weil alles eben auch online geht. Es gibt aktuell ja bereits Ligen und VerbĂ€nde, die das nutzen. Der DFB spielt hier eine große Rolle. Die neue Plattform und die dort stattfindenden Turniere fĂŒr Hobby-Gamer bieten super Möglichkeiten. Außerdem gibt es nun regelmĂ€ĂŸig virtuelle Freundschaftsspiele, sogenannte "eFriendlies", bei denen Teile der "eNationalmannschaft" zusammen mit Teilen der Lizenzspieler gegen andere Nationen antreten. Beim Spiel am Montag gegen Spanien waren beispielsweise Bernd Leno und Marco Asensio sowie die FIFA-Profis "MoAuba" und Javier "JRA" Romero an der Konsole. Außerdem gibt es die "Bundesliga Home Challenge" oder die virtuelle "La Liga Challenge" in Spanien. Die wurde sogar im Free-TV ĂŒbertragen.

Apropos Fernsehen: Die ARD-Sportschau zeigt heute eine Wiederholung des DFB-Pokalfinales von 2014. WĂ€re es an der Zeit, dass die Sportschau am Samstag jetzt auch eSport ĂŒbertrĂ€gt?

NatĂŒrlich. Es ist an der Zeit, dass die Sportschau jetzt eSport zeigt. Wenn nicht jetzt, wann dann? Jetzt ist der Zeitpunkt. Das ist eine Möglichkeit, die aktuell noch nicht genutzt wird. Da könnten beispielsweise die "eFriendlies" des DFB oder vereinzelte Partien der "Bundesliga Home Challenge" ĂŒbertragen werden. Viele Jugendliche sind begeistert vom eSport, können mit traditionellen Sportprogrammen wie der Sportschau allerdings wenig bis gar nichts mehr anfangen. Andersherum ist eSport fĂŒr viele aus der Ă€lteren Generation gar nicht richtig greifbar.

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Ich habe selbst schon von Ă€lteren Familienmitgliedern mitbekommen, dass sie ein FIFA-Turnier gesehen haben und total begeistert waren – und zwar obwohl sie zuvor rein gar nichts damit zu tun hatten. Solche Effekte könnten sich natĂŒrlich auch bei einer breiteren Masse einstellen, wenn die Sportschau die Spiele zeigen wĂŒrde. Besonders Sportspiele wie FIFA oder NBA 2K (eine Basketball-Simulation, Anm. d. Red.) sind auch fĂŒr Laien einfach verstĂ€ndlich, weil sie sich an Sportarten der realen Welt orientieren.

Fußballprofi Achraf Hakimi trat am ersten Spieltag der "Bundesliga Home Challenge" im Team mit eSport-Profi ErnĂ© Embeli fĂŒr den BVB an.
Fußballprofi Achraf Hakimi trat am ersten Spieltag der "Bundesliga Home Challenge" im Team mit eSport-Profi ErnĂ© Embeli fĂŒr den BVB an. (Quelle: /imago-images-bilder)

Der bekannteste Name bei der "Bundesliga Home Challenge" ist bisher Achraf Hakimi von Borussia Dortmund. MĂŒssten nicht noch grĂ¶ĂŸere Stars mitmachen, um wirklich eine breite Masse zu erreichen?

Sollten beispielsweise Robert Lewandowski oder Marco Reus mitspielen, wĂŒrde das der Sache natĂŒrlich einen ordentlichen Schub geben. Und wenn die DFL das weiter pushen will, kann man schon die Erwartung haben, dass sie einen richtig großen Star aus der Bundesliga dafĂŒr gewinnt. Aber man kann die Stars natĂŒrlich nicht dazu zwingen.

Zum Abschluss: Sie sind AnhĂ€nger von Bayern MĂŒnchen, ein Klub, der in Sachen eSport nicht gerade Vorreiter ist. Besonders Uli Hoeneß gilt als großer Kritiker. Wie nehmen Sie das wahr?

Na mittlerweile sind die Bayern ja dort vertreten, spielen allerdings nicht FIFA, sondern beispielsweise Pro Evolution Soccer. Aber ich sehe diesen Einstieg natĂŒrlich trotzdem sehr, sehr gerne. Als Bayern-Fan habe ich extrem großen Respekt vor Uli Hoeneß. Das heißt aber nicht, dass ich jede Meinung von ihm teilen muss. Es ist ein bisschen schade, dass er den eSport nicht wirklich anerkennt. Aber: Was nicht ist, kann ja noch werden. Er kann seine Meinung ja immer noch Ă€ndern.

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Von Noah Platschko
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