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Exklusiv – Tim Lobinger: Der Tag, an dem der Krebs zurückkehrte

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Exklusiver Auszug aus seinem Buch  

Lobinger: Der Tag, an dem der Krebs zurückkehrte

12.04.2018, 10:35 Uhr | Von Tim Lobinger

Exklusiv – Tim Lobinger: Der Tag, an dem der Krebs zurückkehrte. Tim Lobinger am 15. Mai 2017 zwischen Blutplättchen-Infusion und Blutkontrolle. Hier ist ihm seine Erkrankung deutlich anzusehen. (Quelle: Riva-Verlag)

Tim Lobinger am 15. Mai 2017 zwischen Blutplättchen-Infusion und Blutkontrolle. Hier ist ihm seine Erkrankung deutlich anzusehen. (Quelle: Riva-Verlag)

Das Buch "Verlieren ist keine Option" war eigentlich schon fertig. Leichtathletik-Star Tim Lobinger hatte den Blutkrebs besiegt. Doch im Januar kehrte er zurück. Dieses Kapitel musste Lobinger dranhängen.

Die Nachricht schockierte gestern viele Sport-Fans: Tim Lobinger, der einst als erster deutscher Stabhochspringer die sechs Meter übersprang, leidet erneut unter Blutkrebs. Am Montag kommt sein Buch "Verlieren ist keine Option" auf den Markt. Lobinger hatte es eigentlich schon fertig gestellt im vergangenen Jahr. Im Januar dann die schlimme Nachricht: In einer Knochenmarkprobe wurden wieder Krebszellen gefunden. Lobinger musste den Kampf gegen Leukämie erneut aufnehmen. Und er musste noch ein Kapitel an das Buch dranhängen. Exklusiv bei t-online.de lesen Sie es vorab.

Von Tim Lobinger

"Mir war schon klar, dass ich es mir in meinem neuen Leben nie wieder so richtig bequem machen konnte. Dafür ist meine spezielle Form der Leukämie einfach zu heimtückisch, zu unberechenbar. Aber ich habe mir fest vorgenommen, mir von dieser tickenden Zeitbombe nicht alles versauen zu lassen. Auch ein Dauer-Damoklesschwert muss man gelegentlich ausblenden und so tun, als ob es nicht existiert.

Husten, Augenschmerzen, Lichtempfindlichkeit – und eine Diagnose

Guter Plan. Aber dem Krebs gefiel er nicht. Leider hielt sich die stille Bedrohung nicht lange im Verborgenen. Am 18. Januar 2018 stand erneut ein Termin zur Knochenmarkpunktion an. Wie schon mehrmals erwähnt, ein Prozedere, das nicht in den Top Ten meiner schönsten Erlebnisse vertreten ist …

Das ist Tim Lobinger
Geboren am 3. September 1972 in Rheinbach, war Lobinger der erste deutsche Stabhochspringer, der im Freien die Sechs-Meter-Marke übersprang. Er holte bei Europameisterschaften Bronze und Silber. Später arbeitete er als Athletiktrainer bei den Fußballern von RB Leipzig. Er hatte Auftritte im TV bei "Let's Dance" und "Schlag den Star". Am 3. März 2017 wurde bei ihm eine besonders aggressive Form der Blutkrankheit Leukämie diagnostiziert.

Die Schmerzen der Prozedur waren das eine. Schwerer wog die Sorge um meine erneut schlechten Blutwerte. Es waren wieder die Blutplättchen, die in den Keller gerauscht waren. Daneben plagten mich ein hartnäckiger Husten, Augenschmerzen und eine extrem unangenehme Lichtempfindlichkeit. Nach allem, was ich im letzten Jahr mitgemacht hatte, wurden solche Symptome bei mir eigentlich im Ordner "Nebensächlichkeiten" abgeheftet. Aber als mich Dr. Andreas Hausmann am 19. Januar 2018 anrief und mich bat, gleich in die Praxis zu kommen, wusste ich, dass wir es ganz und gar nicht mit Nebensächlichkeiten zu tun hatten.
In der Knochenmarkprobe waren wieder Krebszellen gefunden worden.

Mein erster Gedanke: Jetzt ist alles aus

Was mich an dieser Information am meisten schockierte, war eine Form der Ratlosigkeit bei Doc Haus, die ich bisher nicht an ihm erlebt hatte. Bisher schien er immer alles im Griff gehabt zu haben. Aber jetzt waren erneut Krebszellen aufgetaucht, und das versetzte auch meinen sonst so coolen Arzt in ungläubiges Staunen. Mit einer so frühen Rückkehr hatte niemand gerechnet.

Jetzt ist alles aus, war mein erster Gedanke. Wie in Trance hörte ich mir die Doc-Haus-Infos an: Es gab wohl drei verschiedene Ansätze, um auf diese neue Attacke zu reagieren. Wieder Chemo, möglicherweise eine weitere Stammzelltransplantation … mir wurde schwummrig im Kopf. Ich konnte mir nicht vorstellen, das noch einmal zu schaffen.

Alina war gebrochen

Die folgenden vier Tage bis zum nächsten Praxistermin waren ein Albtraum. Eine fast unerträgliche Schockstarre. Meine Gedanken drehten sich ums Sterben. Ausschließlich. Würde ich Schmerzen haben? Würde es schnell gehen? Was musste ich noch erledigen?

Wie schon damals bei der Erstdiagnose im März zog Oma Brigitte bei uns ein. Sie schlug vor, Okki (Tim Lobingers Sohn, Anm.d.Red.) mit nach Kössen zu nehmen, damit ich zur Ruhe kommen könnte. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte auf keinen Fall von meinem Sohn getrennt sein. Ich konnte ihn nicht hergeben – weil ich ihn möglicherweise bald für immer würde hergeben müssen. Oma blieb also bei uns.

Ich merkte, wie nahezu unmöglich es für Alina (Tim Lobingers Frau, Anm.d.Red.) war, in die Rolle der Trösterin, der Gute-Laune-Verbreiterin zurückzufinden. Sie war gebrochen, ebenso wie Brigitte.

Ablenkung? Das ging nach hinten los

Am Sonntagmorgen beim Frühstück gab es dennoch etwas zu lachen. Zumindest in der Abteilung Galgenhumor: Nachdem ich am Samstagabend mit Okki ins Bett gegangen war, hatten Alina und Brigitte sich "Deutschland sucht den Superstar" angesehen, um von den düsteren Gedanken wegzukommen. Und wer trat als erster Kandidat vor die Jury? Ein Bestatter. In dem Einführungs-Clip trug er ständig eine Urne vor sich her. Und auch die nächste Kandidatin hatte es mit dem Tod: Sie interpretierte "Zombie" in Erinnerung an die Cranberries-Sängerin Dolores O'Riordan, die vor ein paar Tagen gestorben war.

Der Schuss mit der Ablenkung ging also voll nach hinten los.

Ich ertappte mich dabei, dass ich das Angebot eines 24-Monate-Vertrags meines Handy-Anbieters mit Schulterzucken verwarf. Waren 24 Monate für mich überhaupt noch relevant?

Raus aus dem Zukunftsspiel

Auf Traudls Küchentisch lag der aktuelle Stern, darin die Titelgeschichte: "So wird unsere Zukunft". Ranga Yogeshwar grinste mir entgegen. Mir kam das surreal vor.

Ich war raus aus dem Zukunftsspiel.

Die Angst setzte sich in mir fest. Angst vor dem, was kommen würde. Angst vor dem Leiden. Angst vor dem Tod. Angst, meine Familie endgültig zu verlieren. Der stumme Schmerz legte sich wie ein schwerer Mantel über uns. Auch Okki war ungewöhnlich in sich gekehrt. Er, unser kleiner Strahleturbo, saß eine halbe Stunde lang fast reglos auf Alinas Schoß, während wir "darüber" redeten. Als Oma Brigitte vom Einkaufen zurückkam, lief er ihr entgegen und erklärte ihr noch an der Eingangstür: "Mama und Papa ganz traurig." Es brach mir fast das Herz.

Das Buch "Verlieren ist keine Option" erscheint am Montag, 16. April, im Riva-Verlag. (Quelle: Riva-Verlag)Das Buch "Verlieren ist keine Option" erscheint am Montag, 16. April, im Riva-Verlag. (Quelle: Riva-Verlag)

"Wir greifen noch mal an, Tim"

Doch irgendwann musste Schluss sein mit der Endzeitstimmung. Bei meinem nächsten Praxisbesuch klang Dr. Andreas Hausmann schon etwas zuversichtlicher.

"Wir greifen noch mal an, Tim!", sagte er kampflustig und erläuterte mir den neuen Fahrplan, den er in Rücksprache mit den Kollegen vom Klinikum rechts der Isar ausgearbeitet hatte. "Ja", sagte ich, "ich bin dabei."

Ich kann nicht sagen, wie es mit mir weitergeht

Es galt nicht nur, dem zurückgekehrten Krebs den Garaus zu machen. Wir mussten auch etwas gegen die höllischen Augenschmerzen tun. Vielleicht eine Krebs-Abwehrreaktion. Vielleicht etwas anderes. Auf alle Fälle: Folter pur. Ich nehme bereits wieder Chemo-Tabletten. Wenn sie die neuen Krebszellen ausradieren können, bleibt mir eine Chemo-Infusion vielleicht erspart. Die Infusion würde mein gerade in Schwung kommendes Immunsystem wieder zerstören, und das wäre ein großer Rückschritt. Mir bliebe allerdings keine andere Wahl, da die Bekämpfung der Krebszellen gerade Priorität hat.

So wie es aussieht, können die Behandlungen ambulant durchgeführt werden, vorausgesetzt, die Nebenwirkungen werden nicht zu heftig. Die Aussicht, dass mir längere Krankenhausaufenthalte erspart bleiben, ist etwas Balsam auf meine geschundene Psyche.
Ich kann im Augenblick nicht sagen, wie es mit mir weitergeht. Und leider auch: ob es weitergeht. Ich versuche, meine Alltagsroutine aufrechtzuerhalten, die aus Trainings und anderen Geschäftsterminen besteht. Ich muss Geld verdienen. Ich muss an meine Zukunft denken, auch wenn sich dieser Gedanke in vielen Momenten fast zynisch anhört.

Wir brauchen ein Auffangnetz für unseren Sohn

Mir ist in den letzten Tagen klar geworden, dass meine Kämpfernatur schwer angeschlagen ist. Ich möchte weiterkämpfen. Aber ich weiß nicht, ob mein Körper nicht irgendwann die weiße Fahne der Kapitulation hochhalten wird. Alina und ich haben uns über Paten für Okki unterhalten. Falls Okki einmal keine Eltern mehr haben sollte – wir brauchen ein Auffangnetz für ihn. Wir werden das umgehend angehen.

Da steh ich nun, ich armer Tor … und bin so ratlos wie nie zuvor. Dass der Krebs mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat, war mir schon seit Langem klar. Aber dass er jetzt auf dem zarten Pflänzchen "Hoffnung aufs Weiterleben" herumtrampelt, kann und will ich ihm nicht verzeihen.

Tim Lobinger 2005 beim Stabhochsprung. (Quelle: imago/Laci Perenyi)Tim Lobinger 2005 beim Stabhochsprung. (Quelle: Laci Perenyi/imago)

Ich nehme nichts mehr als selbstverständlich hin

"Papa Aua?" "Papa hat kein Aua mehr", habe ich meinem Sohn Okkert an seinem zweiten Geburtstag noch voller Zuversicht sagen können. Jetzt wüsste ich nicht, was ich ihm auf diese Frage ehrlich antworten sollte. Der Krebs hat mir keine Lektion erteilt. Ich finde, damit würde ich ihm eine Kompetenz zubilligen, die ihm nicht zusteht. Aber ich habe etwas gelernt in den vergangenen Monaten. Ich habe meine Schlüsse gezogen aus dieser extremen Zeit.

Ich nehme nichts mehr als selbstverständlich hin. Ich lasse mich von den Kleinigkeiten nicht mehr aus der Ruhe bringen.
Ich habe so viel Mitgefühl, Fürsorge, Zuwendung und Aufmerksamkeit für meine Bedürfnisse erfahren, dass ich mich selbst nicht mehr im Mittelpunkt sehe.

Es gibt Menschen, denen mein Fortgehen große Schmerzen zufügen würde

Der Krebs hat meine Ehe nicht retten können, wie auch. Aber er hat Alina und mich zu einem unschlagbaren Team zusammengeschweißt. Sicher haben die Rahmenbedingungen dazu beigetragen, dass ich überhaupt noch am Leben bin. Die denkbar beste medizinische Betreuung. Mein relativ junges Alter. Meine leistungssportliche Physis.

Aber der entscheidende Grund ist: dass ich leben wollte. Ich habe mich standhaft geweigert, mich mit dem Gedanken an den Tod anzufreunden. Das wollte ich nicht. Um keinen Preis. Weil es Menschen gibt, denen ich mit meinem Fortgehen große Schmerzen zufügen würde.

Daher war Verlieren keine Option für mich."

Ein weiteres Kapitel aus dem Buch von Tim Lobinger lesen Sie morgen bei t-online.de.

Verwendete Quellen:
  • "Verlieren ist keine Option" von Tim Lobinger

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