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Olympia-Star Heike Drechsler: "Ich wollte nicht in einer DDR-Schublade verschwinden"


"Ich wollte nicht in einer DDR-Schublade verschwinden"

  • Melanie Muschong
Von Melanie Muschong

08.04.2023Lesedauer: 6 Min.
Interview
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Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

Heike Drechsler: Sie wurde zwei Mal Olympiasiegerin im Weitsprung.Vergrößern des Bildes
Heike Drechsler: Sie wurde zweimal Olympiasiegerin im Weitsprung.

Heike Drechsler hat in ihrer Karriere zweimal den Olympiasieg geholt. Auch heute verfolgt die Ex-Weitspringerin noch die Leichtathletik und ist Fan von Malaika Mihambo.

Die frühere Weitspringerin Heike Drechsler gewann in ihrer aktiven Karriere 1983 die Weltmeisterschaft und wurde zweimal Olympiasiegerin. Sowohl 1992 in Barcelona als auch 2000 in Sydney stand sie ganz oben auf dem Treppchen.

Die Ausnahmeathletin verfolgt auch heute noch die Leichtathletik und das aktuelle Weitsprung-Ass Malaika Mihambo. Doch Drechsler macht sich auch Sorgen um die Zukunft ihrer Sportart und zieht Vergleiche zu ihrer aktiven Zeit.

t-online: Frau Drechsler, Verfolgen Sie die Leichtathletik noch?

Heike Drechsler (58): Ja. Ich werde in Budapest dieses Jahr bei der Weltmeisterschaft vor Ort sein. Es ist schön mitzufiebern, aber auch, die ehemaligen Athleten zu treffen, die inzwischen oft als Trainer tätig sind.

Wem drücken Sie die Daumen?

Ich bin Fan von Malaika Mihambo.

Der deutschen Weltmeisterin im Weitsprung, die bei der Hallen-EM Anfang März leer ausging.

Ja. Sie soll sich mal keinen Kopf machen, weil die Hallen-EM nicht so gut gelaufen ist. Ich habe ihre Karriere verfolgt. Ihre Entwicklung ist toll. Sie hat zwar Schwankungen vor dem Brett, an denen sie noch arbeiten muss. Ich traue ihr aber den Weltmeistertitel wieder zu. Sie ist auch als Mensch bodenständig und klar in ihrer Vision. Durch Malaika wird der Weitsprung wieder mehr übertragen, das Interesse für die Disziplin ist plötzlich wieder da.

Zu Ihrer Zeit war es aber größer.

Stimmt. Die Leichtathletik muss wieder attraktiver werden. Wir brauchen mehr Förderung, auch die Länder müssen Geld in die Hand nehmen. In den öffentlich-rechtlichen Sendern kommt die Sportart zu kurz und oft sind die Events wie das ISTAF Berlin nur im Stream vertreten und nicht live im Fernsehen. Aber es fehlen auch Trainer im Nachwuchsbereich, viele ältere gehen in Rente. Ein Trainer ist wie ein guter Lehrer und sollte gut bezahlt werden. Wenn man nicht früh die richtige Technik lernt, bekommt man auf Leistungsebene Probleme.

Das war bei Ihnen damals anders. Wie Malaika waren auch Sie neben dem Weitsprung im Sprint gut. Gehört für Sie beides zusammen?

Ja. Eine Malaika Mihambo braucht auch ihre Schnelligkeit und macht Sprintwettkämpfe. Für mich war das eine Abwechslung. Der 200-Meter-Sprint hat gut zu meiner Schrittlänge gepasst, das war ein gutes Training. Ich wusste, ich kann auch Medaillen gewinnen, und das wollte ich auch zeigen.

Was Sie geschafft haben. 1983 sind Sie Weltmeisterin geworden, 1992 und 2000 haben Sie dann Gold bei den Olympischen Spielen geholt. Was wog für Sie mehr?

Für mich sind die Olympischen Spiele nach wie vor ein Highlight. Es war immer ein Traum von mir als Kind. Den so zu verwirklichen, dass ich dann auch oben auf dem Podium stehe, das ist für mich etwas ganz Besonderes. Es ist für mich nicht mit einer EM oder WM zu vergleichen. Die Olympischen Spiele waren das Maß der Dinge. Da kam meine Motivation her.

Sie haben an insgesamt drei Olympischen Spielen teilgenommen. Waren alle für Sie gleichbedeutend?

Sie standen jeweils für bestimmte Phasen, ich habe ihnen darum Namen gegeben. Die Spiele 1988 in Seoul waren für mich die Arbeiter-Spiele, weil ich mehr als zehnmal am Start gewesen bin. 1992 in Barcelona hatte ich die Einstellung: Ich zeige es euch allen. Es war die Wendezeit, und es war ein Kampf, mir selbst zu zeigen, dass ich aus der DDR komme, aber ein Talent habe. 2000 in Sydney waren es dann Genuss-Spiele. Ich wusste, es wird nicht leicht, oben auf dem Treppchen zu stehen. Ich hatte davor eine Verletzung und eine Operation, aber ich habe die Hoffnung nie aufgegeben. Ich habe es genossen, weil ich unerwartet und überglücklich gewonnen habe. Ich kriege immer noch Gänsehaut. Dieser Moment hat mich sehr beflügelt.

Warum empfanden Sie die Wendezeit als Kampf?

Ich wollte nicht in einer DDR-Schublade verschwinden. Deswegen habe ich mich stark unter Druck gesetzt. Die Wendezeit war für mich ein Lernprozess, ich musste begreifen, was die DDR war. Ich bin Mutter geworden. Mein Sohn kam in dieser Zeit am 1.11. noch vor der Wende zur Welt. Ich war völlig durch den Wind. Viele Dinge waren neu. Es war eine neue Herausforderung, bis ich für mich entschieden habe zu sagen, ich mache da weiter, wo ich 1988 aufgehört habe. So bin ich noch mal durchgestartet, und es hat funktioniert.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Ich hatte zum Glück ein gutes Umfeld und konnte daher gut mit dem Druck umgehen. Trotzdem hätte ich mir manchmal gewünscht, mit einem Psychologen zusammenzuarbeiten. Der Psychologe zu DDR-Zeiten hatte einen anderen Stellenwert als nach der Wendezeit. Meine Familie und mein Schwiegervater, der auch mein Trainer war, haben ihn quasi ersetzt. Sie konnten mich gut mental und psychisch vorbereiten. Wenn ich Probleme hatte, konnte ich mich bei ihnen ausheulen. Wir waren sehr stark als Familie, haben wenig von außen an uns rangelassen und uns auf das Wesentliche konzentriert. Ich hatte aber auch Kooperationspartner, die mir den Rücken freigehalten haben. So hatte ich finanziellen Rückhalt.

Am Ende hat sich all das ausgezahlt.

Ja. 1992 wurde dann mein stärkstes Jahr. Ich bin unter anderem 7,63 Meter gesprungen. Es waren Vorboten für erfolgreiche Spiele, aber es kann immer etwas passieren. Am Ende habe ich knapp gewonnen. Ich hätte mich schon sehr geärgert, wenn es nicht geklappt hätte. Gott sei Dank habe ich mich selbst nicht verbrannt.

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War das vier Jahre später anders?

Ja, vielleicht. Ich war 1996 so erfolgreich und habe manche Beschwerden ignoriert. Dann war es plötzlich so akut, dass ich mir eine Sehne gerissen habe. Kurz vor den Spielen in Atlanta ging gar nichts mehr. Das war ein Schock, weil es noch nie zuvor passiert war. Aber andererseits war es auch gut.

Wie meinen Sie das?

Ich bin durch die Verletzung aus dem Hamsterrad gekommen und konnte sehen, wie ich all die Jahre funktioniert hatte. Das war wichtig und hat mir die Kraft gegeben weiterzumachen. Ich hatte mehr Zeit für die Familie, kam mal zur Ruhe und konnte andere Dinge machen. Ich veränderte das Training. Ich hatte damals das Gefühl, es tat nicht so weh wie 1984, als uns die Olympischen Spiele gestohlen wurden.

Sie meinen den Olympia-Boykott der Sowjetunion?

Ja. Ich bin Weltrekord gesprungen in dem Jahr, aber die DDR hat sich dem Boykott angeschlossen und damit war mein Traum von Olympia gestorben. Es wären damals meine ersten Spiele gewesen. Das tat sehr weh. Da hatte ich wirkliche Motivationsprobleme.

Was hat Ihnen vor Wettkämpfen am meisten geholfen?

Rituale. Dadurch nimmt man sich selbst die Spannung heraus. Wenn ich wusste, die Glückssocke ist dabei, dann konnte nichts anbrennen. Es hat geholfen, den Wettkampf dann voller Selbstbewusstsein zu gestalten. Das hatte auch etwas mit dem Kopf und Aberglaube zu tun.

Was war die Glückssocke?

Meine Oma hatte mir die gestrickt. Das waren lange Socken. Ich trug sie hauptsächlich beim Aufwärmen. Sie hat zufällig drei Streifen in die Socken gestrickt, sie wusste gar nicht, was Adidas ist. Zu DDR-Zeiten kam eines Tages ein Funktionär zu mir und fragte mich, warum ich Adidas-Socken trüge. Ich durfte sie daher im Wettkampf nicht mehr anziehen. Beim Aufwärmen hatte ich sie aber immer an.

Gab es damals andere Regeln als heute?

Wir durften keine Werbung auf unserer Kleidung tragen. Das kam erst viel später. Da durften wir plötzlich auch die drei Streifen auf dem Trainingsanzug haben. Dafür hat der DDR-Verband damals sicher viel Geld bekommen. Wir haben Kleidung bekommen und Schuhe. Ich weiß auch, dass wir im Verein damals Adidas-Schuhe für 10 DDR-Mark kaufen konnten. Das war schon etwas Besonderes.

Wie schafft man nach so einer langen Karriere dann den Ausstieg?

Ich hatte schon 1996 dafür beruflich Weichen gestellt, indem ich eine Kooperation mit der Barmer Krankenkasse eingegangen war. Das hat mir Kraft gegeben, weil der Sport noch eine Priorität hatte, aber eher in Bezug auf den gesundheitlichen Aspekt. Nach meinem Karriereende saß ich mehr im Büro und war froh, dann auch nach Feierabend wieder meine Turnschuhe anzuziehen und loszuflitzen zu können.

Sie sind auch heute noch bei der Barmer. Was machen Sie dort genau?

Ich bin viel unterwegs. Ich gehe zu Firmen und mache dort Betriebs- und Gesundheitsmanagement. Die Themen Bewegung, Entspannung, Ernährung und mentales Training stehen dabei im Vordergrund. Ich kann das weitergeben, was ich während meiner Karriere gelernt habe. Ich brenne noch immer für meinen Sport. Bewegung ist mir immer noch sehr wichtig. Wenn ich andere anstupsen kann, was zu tun, freut mich das sehr.

Verwendete Quellen
  • Eigenes Interview mit Heike Drechsler
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