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Olympia 2021 – Robert Harting über Schleu-Kritik: "Hier wird ein Mensch zerstört"


MEINUNGÜberzogene Kritik an Schleu  

Hier wird ein Mensch zerstört

Eine Kolumne von Robert Harting

08.08.2021, 12:29 Uhr
Olympia 2021 – Robert Harting über Schleu-Kritik: "Hier wird ein Mensch zerstört". Annika Schleu nach dem missglückten Springreiten: Die deutsche Athletin musste viel Kritik einstecken. (Quelle: t-online)

Annika Schleu nach dem missglückten Springreiten: Die deutsche Athletin musste viel Kritik einstecken. (Quelle: t-online)

Die Olympischen Spiele gehen aufregend zu Ende. Dabei dominiert in den letzten Tagen die undifferenzierte Kritik an einer Athletin, die nicht die Schuldige ist. Doch diese Entwicklung ist typisch.

Wenn ich die Olympischen Spiele in zwei Worten zusammenfassen müsste, wären es "Danke" und "Schade".
Danke, weil die Athletinnen und Athleten zwei Wochen lang unter schwierigen Bedingungen alles gegeben und bei mir als Zuschauer für Abwechslung und Emotionen gesorgt haben. Endlich ging es mal nicht um Inzidenzen, Corona-Regeln oder die Jahresgewinne von Dax-Schwergewichten während der größten Krise der Neuzeit.
Schade, weil es nicht der Sommer wurde, der es in Deutschland hätte werden können. Ein überwältigendes Ergebnis der deutschen Mannschaft hätte Mut und Fröhlichkeit entstehen lassen können, hätte inspiriert und motiviert. Doch wir stehen bei unter 40 Medaillen und liegen im Medaillenspiegel außerhalb der Top 5.

Es wird Zeit, dass die Bundesregierung eingreift und die Sache mit einem Team von Profis in die Hand nimmt, wenn ihr etwas an Gesundheit und Sport in diesem Land liegt. Der Mehrwert für die Gesellschaft muss endlich erkannt werden. Wie es gehen kann, habe ich schon einmal erklärt. Nun muss gehandelt werden.

Denn wir werden bei Olympia 2024 in Paris mehrere bekannte Gesichter vermissen. Einige von den Sportlern, die in den letzten zwei Wochen Gold, Silber und Bronze gewonnen haben, werden dann nicht mehr dabei sein. Ich persönlich habe das Tal in Sachen Medaillen für 2028 prognostiziert, womöglich kommt es vier Jahre früher. Dann werden wir vielleicht nur 30 Mal Edelmetall haben.

Der Fall Schleu

Eine Sache, die ich noch ansprechen will, ist die hitzige Debatte um Annika Schleu und die völlig undifferenzierte Kritik an ihr. Denn was ich da zum Teil gelesen und gehört habe, hat mich fassungslos gemacht. Da wird ein Mensch zerstört, der in einer Situation ohne Zugriff auf ein gelerntes, erprobtes und erfolgreiches Lernmodell nur seinen Job macht. Diese Situation kennen wir doch alle: Im Fall der Ratlosigkeit fragen wir uns, was denn der Partner dazu sagt. In ihrem Fall ihre Trainerin. Was auf sie eingeprasselt ist, ist absurd und menschenverachtend. Es gleicht wie im Fall Jessy Wellmer einer öffentlichen Hexenverbrennung. Ein Land, welches früher Ingenieure, Dichter und Denker hervorbrachte, ist nun ein Land ohne Lichter und voller Stänkerer. Irgendwelche Trittbrettfahrer im Internet sehen eine Szene und bilden sich sofort eine Meinung, ohne wirklich darüber nachzudenken.

Versetzen wir uns doch mal in ihre Lage: Sie arbeitet fünf Jahre auf dieses Ereignis hin, erlebt einen tollen Start und gilt als Goldhoffnung. Schleu stand unter großem Druck und dann passiert etwas, wofür sie nichts kann: Das Pferd will nicht springen. Wir haben doch gesehen, wie es ihr in dem Moment ging, als sie das realisiert hat. Sie war aufgelöst, emotional am Ende und ohne Zugriff auf sich selbst. Ich vermute, dass 99 Prozent der Kritiker ein Risiko, öffentlich kritisiert zu werden, niemals eingehen würden.

Was machen wir Menschen in so einer Situation, in der wir nicht handlungsfähig und mit den Nerven am Ende sind? Wir hören auf die Person, die uns am nächsten steht. Das kann der Ehepartner, die Mutter oder der Chef sein. In ihrem Fall war es die Trainerin. Und Schleu hat ihren Rat ausgeführt.

Annika Schleu verlor beim Springreiten die Nerven und die innere Ruhe. (Quelle: imago images/Xinhua)Annika Schleu verlor beim Springreiten die Nerven und die innere Ruhe. (Quelle: Xinhua/imago images)

Die Trainerin hätte ihr sagen sollen: "Steig ab, es ergibt keinen Sinn." Sie hätte ihr nicht sagen sollen, das Pferd mit Hieben zum Springen zu bekommen. Denn Schleu wollte, so wie sie es sagte, absteigen. Welch eine große Leistung wäre das gewesen. In der Drucksituation mit dieser Emotionalität triffst du die Entscheidung nur ganz schwer selbst. Aber das wollen manche Menschen im Internet nicht verstehen.

Und was den Begriff der Tierquälerei betrifft: Schleu ist keine Tierquälerin, das ist Schwachsinn. Der Tierquäler ist doch eher der Besitzer des Pferdes. Er hat das Tier einer Situation ausgesetzt, für die es offensichtlich nicht bereit war.
Außerdem essen doch 90 Prozent der Leute, die "Tierquäler" rufen, Fleisch. Die höchste Stufe der Tierquälerei ist doch, sich selbst ein Tier zunutze zu machen, um sich den Magen vollzustopfen. Da würde ich mir manchmal etwas mehr Demut, Differenzierung und Sachlichkeit wünschen.

Losgelöst von diesem Vorfall möchte ich betonen, dass es generell eine Entwicklung in Deutschland ist, die mir nicht gefällt. Es wird überall draufgehauen, sofort der Rücktritt gefordert und in Schubladen gesteckt. Wir versperren uns den Raum für kreativen Fortschritt. Das ist doch nicht konstruktiv. Wir brauchen eine positive Fehlerkultur, in der wir aus jenen Fehlern lernen. In der wir Leute unterstützen und sie nicht zerstören. Wir müssen uns fragen, wofür wir in Deutschland stehen wollen.

Aktuell heißt es: "Wer nicht mit dagegen ist, fliegt raus." Dabei sollte es heißen: "Wer nicht mitdenkt, fliegt raus." Bei dieser Art Streitkultur, die offenbar zu dumm ist, differenziert Dinge einzuordnen, gehe ich freiwillig. Ich habe das Gefühl, dass die Stärke unseres Landes nur noch darin liegt, darauf zu achten, dass alle anderen alles richtig machen. Eine Art adipöses Ordnungsamt. Fortschritten – wie den Vorschlägen von Ferdinand von Schirach zu den neuen, zeitgemäßen Grundrechten innerhalb der EU – wird leider zu wenig Rechnung getragen. Der Politik wird kein Raum zum Denken und Probieren gelassen, um sich am Ende darüber zu beschweren, dass die Politik nicht nachdenkt. Krankenschwestern müssen dreimal überlegen, wie sie Menschen helfen dürfen und so weiter. Undifferenzierter, digitaler Korrektivismus, eine neue deutsche Tugend.

Mich würde Ihre Meinung als Leserin oder Leser zu diesem Thema wirklich interessieren. Schreiben Sie mir gerne eine Nachricht an mein Instagram-Profil.

Ein trauriger Verlierer der Spiele

Zum Abschluss möchte ich noch einmal auf einen Aspekt eingehen, den ich zu Beginn der Spiele angesprochen habe: Olympia ohne Fans. Ich bin beeindruckt, wie gut das die Athleten weggesteckt haben. Ich habe den Einfluss höher eingeschätzt und erwartet, dass die fehlende Stimmung für überraschende Verlierer der Spieler sorgen würde.

Doch der wahre "Verlierer" von Olympia in Tokio ist für mich die japanische Bevölkerung. Dieses Land ist ein toller Gastgeber, die Menschen hätten von den Spielen stark profitieren können. Olympia kann Inspiration und Energie spenden, für gute Stimmung sorgen. Jetzt durften die Japaner die Arenen und Stadien nur von außen sehen.

Weiter als bis zu den Olympischen Ringen vor dem Olympiastadion kamen die Japaner nicht. (Quelle: imago images/AAP)Weiter als bis zu den Olympischen Ringen vor dem Olympiastadion kamen die Japaner nicht. (Quelle: AAP/imago images)

Leider bleibt das Volk ohne den Energierückgewinn durch Kommunikation und kulturelle Eindrücke.

Ein trauriges Bild, das hoffentlich bei den nächsten Spielen schon wieder der Vergangenheit angehört.

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