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Fall Peng Shuai & Olympia 2022: Experte äußert sich zu möglichem Boycott

Verschwundener Tennisstar  

Fall Peng Shuai: China reagiert mit Unverständnis auf Kritik

03.12.2021, 12:30 Uhr
Fall Peng Shuai & Olympia 2022: Experte äußert sich zu möglichem Boycott. Peng Shuai: Die chinesische frühere Tennisspielerin verschwand nach ihrer Kritik kurzzeitig, noch immer wird ihr Wohlergehen in Frage gestellt.  (Quelle: imago images/Imagechina)

Peng Shuai: Die chinesische Tennisspielerin verschwand nach ihrer Kritik kurzzeitig, noch immer wird ihr Wohlergehen in Frage gestellt. (Quelle: Imagechina/imago images)

Der Fall der Tennisspielerin Peng Shuai sorgt für Wirbel. Die Damen-Tennistour WTA hat alle ihre Turniere aus China abgezogen. Es ist eine bislang beispiellose Eskalation. Und weitere könnten folgen. 

Es war ein Beitrag in den sozialen Netzwerken mit womöglich schwerwiegenden Folgen: Kurz nachdem die frühere chinesische Weltklasse-Tennisspielerin Peng Shuai einen Missbrauchsvorwurf gegen einen ranghohen chinesischen Politiker teilte, war sie plötzlich verschwunden.

Tagelang gab es von der Doppelspezialistin kein Lebenszeichen. Und selbst als sie dann endlich auftauchte, löste das weltweit Irritation aus, denn das Statement, das Peng gab, geschah nach Meinung vieler Experten nicht aus freien Stücken. Was mit der 35-Jährigen passiert ist, wo sie sich derzeit aufhält, ist nach wie vor unklar. 

Als Konsequenz aus dem Verschwinden Pengs kündigte die Tennisspielerinnenvereinigung WTA am Mittwoch einen Turnierrückzug aus China an. Der Sportverband setzte damit ein deutliches Zeichen der Solidarität mit seiner langjährigen Spielerin – und für die Menschenrechte.

Der Serbe Novak Djokovic, die weltweite Nummer eins bei den Tennis-Herren, befürwortete diesen Schritt: "Ich unterstütze die Haltung der WTA voll und ganz, weil wir nicht genug Informationen über Peng Shuai und ihr Wohlergehen haben."

Peking schaltet sich offiziell ein

Es ist das erste Mal, dass ein einflussreicher Sportverband ein derart deutliches Zeichen für Menschenrechte in China setzt. Der WTA könnten damit Einnahmeverluste in dreistelliger Millionenhöhe drohen. Das Land selbst reagierte mit Unverständnis. Man sei strikt gegen Maßnahmen, mit denen der Sport "politisiert" würde, sagte ein Sprecher des Pekinger Außenministeriums am Donnerstag. 

Doch genau das könnte nun in einer noch weitreichenderen Form passieren, meint Simon Chadwick. Der Direktor des Zentrums für die eurasische Sport-Industrie an der Emlyon Business School in Frankreich sagt zu t-online: "Ich habe den Verdacht, dass der Fall Peng von einigen Akteuren in den USA dazu genutzt wird, um einen Boykott der Olympischen Winterspiele zu rechtfertigen." Die Winterspiele werden Anfang Februar in Peking stattfinden. Deren Vergabe an China war von Anfang an umstritten. 

"Die Biden-Administration und einige US-Verbündete haben schon einen diplomatischen Boykott der Veranstaltung ins Spiel gebracht", sagt Sportökonom Chadwick. "Der nun erfolgte Schritt der WTA könnte bedeuten, dass inzwischen auch ein kompletter Boykott der USA und einiger Verbündeter nicht mehr ausgeschlossen ist."

Olympia-Boykott? "Frankreich in schwieriger Lage" 

Tatsächlich hatte US-Präsident Joe Biden Mitte November bereits mitgeteilt, einen sogenannten diplomatischen Boykott der Winterspiele in Peking zu erwägen. Grund hierfür sind die schwerwiegenden Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen in der Volksrepublik China, unter anderem im Zusammenhang mit der Minderheit der Uiguren. 

Offenbar gestaltet sich die Suche nach entsprechenden Alliierten für einen Olympia-Boykott nicht so einfach. Wenngleich die Briten wohl nicht abgeneigt sein dürften, Biden in der Angelegenheit zu folgen, dürfte es etwa für die Franzosen schwierig werden, sich zwei Jahre vor den Sommerspielen in Paris an einer solchen Maßnahme zu beteiligen. Das wäre dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) wohl kaum zu vermitteln. Ein Boykott würde nicht nur einen sportlichen, sondern auch einen politischen Eklat bedeuten. 

Doch auch das IOC hat den Ernst der Lage offenbar erkannt. So führte der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach nun ein weiteres Video-Gespräch mit der chinesischen Tennisspielerin. "Wir haben sie umfassend unterstützt, werden mit ihr in regelmäßigem Kontakt bleiben und haben bereits im Januar ein persönliches Gespräch vereinbart", teilte der Verband am Donnerstag mit.

China sei ein unsicherer Ort

Am 21. November hatte Bach bereits ein erstes Gespräch mit Peng Shuai geführt – wofür es jedoch viel Kritik gab (mehr dazu lesen Sie hier). Auch am Donnerstag betonte der Verband, dass man auf "stille Diplomatie" setze, weil dies in solchen Fällen den meisten Erfolg verspreche.

Für das IOC kommt der Fall so kurz vor den Spielen zur Unzeit, sagt der Asien-Experte Chadwick. "Thomas Bachs Onlinemeeting mit Peng zeigt doch, wie ernst diese Angelegenheit auch vom IOC genommen wird – ein Boykott erscheint mir daher zunehmend als plausible Option für einige Länder."

Seiner Meinung nach steigt die Wahrscheinlichkeit eines Olympia-Boykotts. "Ich denke, dass einige Nationen behaupten könnten, dass China kein sicherer Ort mehr für ihre Athleten ist. Sie könnten auch sagen, dass eine Teilnahme an den Spielen für sie nicht mehr infrage kommt, weil sie sich nicht zum Komplizen der chinesischen Regierung und ihren Werten machen möchten."

Amnesty International fordert Untersuchung

Auch Menschenrechtsorganisationen nehmen den Fall sehr ernst. So sagte Amnesty International zu t-online: "Amnesty International ist besorgt über die Situation von Peng Shuai. Die Menschenrechtsorganisation fordert von den chinesischen Behörden, dass sie die Sicherheit sowie Unversehrtheit von Peng Shuai garantieren und eine unabhängige Untersuchung ihrer Vorwürfe, laut denen sie sexuell belästigt wurde, einleiten."

Shuai hatte Anfang November in dem Twitter-ähnlichen Medium Weibo berichtet, vom ehemaligen chinesischen Vizepremier Zhang Gaoli sexuell missbraucht worden zu sein. Der Eintrag wurde ebenso gelöscht wie zahlreiche Interneteinträge über Peng, von der danach mehr als zwei Wochen jede Spur fehlte. Spätere Äußerungen wertete die WTA als unter Zwang getätigt.

Amnesty International begrüßt in diesem Zusammenhang den Schritt der WTA, alle Turniere bis auf Weiteres aus China abzuziehen: "Wir sind davon überzeugt, dass öffentlicher politischer Druck notwendig ist, um eine Verbesserung der Menschenrechtssituation in der Volksrepublik China herbeizuführen und konkret den Versuch der chinesischen Behörden zu beenden, jegliches Engagement für #MeToo zu unterdrücken."

Verwendete Quellen:

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