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Der Eindringling

  • Dominik Sliskovic
Von Dominik Sliskovic

Aktualisiert am 14.01.2022Lesedauer: 5 Min.
Novak Djokovic: Der weltbeste Tennisspieler kÀmpft seit Jahren einen Kampf an mehreren Fronten.
Novak Djokovic: Der weltbeste Tennisspieler kÀmpft seit Jahren einen Kampf an mehreren Fronten. (Quelle: AAP/imago-images-bilder)
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Novak Djokovic ist fĂŒr viele Menschen weit mehr als nur der weltbeste Tennisspieler – doch nur wenige, wenn nicht sogar niemand weiß, wer er wirklich ist. Eine AnnĂ€herung an den umstrittenen Superstar.

Spartakus, Tesla, Jesus Christus. Die Liste der geschichtstrĂ€chtigen Personen, mit denen Srdjan Djokovic seinen Ă€ltesten Sohn Novak in der Vergangenheit verglichen hat, ist lang – und auf den ersten Blick konfus kuratiert. Doch dahinter verbirgt sich der feingliedrig konstruierte Aufbau eines Personenkults, an dem der 61-JĂ€hrige seit fast 35 Jahren arbeitet und der mit der Einreiseposse im Januar 2022 seinen Höhepunkt erreicht hat: Novak, der FreiheitskĂ€mpfer (Spartakus) und Messias (Jesus Christus) des serbischen Volks (Tesla).

"Nole", der heutige Grand-Slam-Rekordsieger, wird am 22. Mai 1987 als erster von drei Söhnen des Gastronomen-Paars Srdjan und Dijana Djokovic in Belgrad geboren. Die Eltern betreiben im gut drei Stunden entfernten Skigebiet Kopaonik eine Pizzeria, sehen Novak selten. Großvater Vladimir wird fĂŒr den Jungen zur Bezugsperson. Ihre Abwesenheit soll sich auszahlen, entscheiden Srdjan und Dijana, der Erstgeborene vom gut laufenden GeschĂ€ft profitieren, gefördert werden.

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Die Augen des kleinen "Nole" kleben am Tennisplatz

Novak wird zum Fußball, zum Basketball geschickt, zeigt Talent. Seine volle Aufmerksamkeit gehört jedoch bereits in jungen Jahren dem "weißen" Sport: Tennis. "Nole" bleibt auf SpaziergĂ€ngen minutenlang am Zaun eines nahe gelegenen Tennisplatzes kleben, im Alter von vier Jahren hĂ€lt er sein erstes Racket. Das Foto des pausbĂ€ckigen, ĂŒberglĂŒcklichen Kleinkindes wird heute von der "Nolefam", Djokovics Fans, wie eine religiöse Ikone verehrt.

Der vierjÀhrige Novak Djokovic bei seinen ersten Schritten auf dem Tenniscourt.
Der vierjÀhrige Novak Djokovic bei seinen ersten Schritten auf dem Tenniscourt. (Quelle: Screenshot/novakdjokovic.com)

Der Zeitpunkt fĂŒr Novaks Begeisterung fĂŒr den Tennissport könnte nicht gĂŒnstiger sein. Jugoslawien ist Anfang der 1990er-Jahre dank der jungen Talente Monika Seles und Goran Ivanisevic – Djokovics heutigem Trainer – in aller Munde. Zugleich befindet sich das Land, das auch der Familie Djokovic Halt und Kontur gibt, im Zerfall. Die GĂ€ste im Familienrestaurant im Kopaonik-Gebirge bleiben aus, die Ressentiments gegen Srdjan in seiner Herkunftsregion Kosovo wachsen, ebenso gegen Dijana aufgrund ihrer kroatischen Abstammung in Belgrad.

Wie so viele rettet sich das Ehepaar Djokovic in die Versprechungen des Nationalismus. Die rhetorischen Volten des serbischen Milosevic-Regimes werden auch im heimischen Wohnzimmer verbreitet: Wir gegen den Rest. Die Weltverschwörung gegen ein starkes Serbien.

BestĂ€rkt wird diese Weltsicht durch das Nato-Bombardement Belgrads 1999. Srdjan wĂŒtet, dass seine Heimat, der Kosovo, nicht mehr zu seinem Heimatland Serbien gehören will. Dijana sorgt sich, was denn bloß aus ihrem talentierten Erstgeborenen werden soll. Novak feiert derweil seinen 12. Geburtstag in einem Bunker und will doch nur draußen auf dem Tennisplatz stehen, selbst wenn um ihn herum die Welt untergehen sollte.

Djokovic ist sich schon frĂŒh seiner BĂŒrde bewusst

Die Familie geht All-in, kratzt den letzten Dinar des Familienvermögens zusammen und schickt Novak auf Bildungstour durch Europa. Tennis-Camps in Deutschland und England, Turniere im kompletten Rest des Kontinents. Der Junge soll etwas aus seiner Begabung machen. Trotz seines jugendlichen Alters ist sich Novak seiner BĂŒrde bewusst. Die Familie zĂ€hlt auf ihn, er muss Erfolg liefern, er muss Serbien in der Welt vertreten.

Das Vertrauen und die Selbstaufgabe der Eltern sind Novaks grĂ¶ĂŸter Antrieb, mit dem er von Sieg zu Sieg, von Titel zu Titel eilt. Junioren-Europameister, erster Davis-Cup-Einsatz, erste ATP-TrophĂ€e 2006 im niederlĂ€ndischen Amersfoort. Mit ihm mischen seine serbischen Landsfrauen Jelena Jankovic und Ana Ivanovic die Tenniswelt auf.

Djokovic feiert 2008 bei den Australian Open seinen ersten Grand-Slam-Erfolg, doch an seiner statt sind es Jankovic und Ivanovic, die die Spitze der Weltrangliste erklimmen. Er bleibt im Schatten der beiden Damen. Vor allem jedoch in dem der beiden Platzhirsche der ATP-Tour: Roger Federer und Rafael Nadal.

In Melbourne holt Novak Djokovic 2008 seinen ersten Grand-Slam-Titel.
In Melbourne holt Novak Djokovic 2008 seinen ersten Grand-Slam-Titel. (Quelle: Paul Zimmer/imago-images-bilder)

Djokovic wird wie ein Eindringling in die auf diese beiden Spieler aufgeteilte Tenniswelt wahrgenommen. Auf der einen Seite der Tennis mĂŒhelos aussehen lassende Federer, dessen ganze Erscheinung einen in die goldene Zeit RenĂ© Lacostes und Fred Perrys versetzen; auf der anderen Seite Nadal, der Torero, der leidenschaftliche KĂ€mpfer, fĂŒr den Aufgeben unter keinen UmstĂ€nden infrage kommt. Dass Djokovic an guten Tagen all diese Charakteristika in sich zu vereinen weiß, scheinen Fans und Experten geflissentlich auszublenden.

Die Frustration der Djokovics wĂ€chst. Novak legt sich vermehrt mit den Unparteiischen an, zertrĂŒmmert SchlĂ€ger, zetert gegen das Publikum, das sein Verhalten wiederum mit Pfiffen und anderen Unmutsbekundungen quittiert. Srdjan, der unter dem Namen seines Erstgeborenen eine gut laufende Restaurantkette aufgebaut hat und in die Belgrader High Society aufgestiegen ist, bedient sich der altbekannten Anti-Serbien-Rhetorik und behauptet in zahlreichen Interviews, die ATP wolle um jeden Preis einen Serben an der Spitze der Weltrangliste verhindern.

"Nole" hat das Schwarz-Weiß-Denken satt – und kann sich doch nicht komplett freischwimmen

Novak entfernt und emanzipiert sich jedoch zusehend vom Weltbild seines Vaters, zieht – natĂŒrlich auch aus SteuergrĂŒnden – nach Monte Carlo, besucht die Familie in Belgrad in immer grĂ¶ĂŸer werdenden Intervallen. Seine jĂŒngeren BrĂŒder Marko (1991 geboren) und Djordje (1995 geboren) eifern ihm nach, versuchen sich als Tennisspieler, können jedoch nie an das Talent des großen Bruders anknĂŒpfen, können Belgrad nie verlassen.

Marko zerbricht am Druck, denselben Erfolg wie "Nole" einzufahren, und kĂ€mpft jahrelang mit Depressionen. Djordje, der jĂŒngste und untalentierteste Bruder, macht es seinem Vater gleich und profiliert sich ĂŒber den Namen des Erstgeborenen als Direktor der "Novak Tennis Center" und der "Serbia Open".

In den Jahren auf der ATP-Tour lernt Novak, dass die Menschheit lĂ€ngst nicht so leicht in ein Schwarz-Weiß-Denken einzuteilen ist, wie es sein Vater ihn gelehrt hat. Novak liebt die Kontaktaufnahme mit den und dem Fremden. Gemeinsam mit seiner Frau Jelena, die er 2014 nach neunjĂ€hriger Liaison heiratet, engagiert er sich weltweit fĂŒr die Belange von benachteiligten Kindern, sucht nach einem höheren Sinn in seinem Leben, einer höheren Kraft, die seinem Leben Struktur gibt, und findet seine vermeintlichen Antworten in einem ganzen Strauß von esoterischen Theorien (mehr dazu lesen Sie hier).

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Seine Familie ist mit seiner offenbaren Abkehr nicht glĂŒcklich, sein Vater muss sich bei seinen neuen Freunden der gesellschaftlichen Elite Belgrads immer öfter dafĂŒr rechtfertigen, warum sein Sohn der Heimat den RĂŒcken gekehrt habe, warum er seine Steuern nicht brav in Serbien zahle. "Novak ist der grĂ¶ĂŸte Serbe der Geschichte", diktiert Srdjan daraufhin den eilig ins "Novak No. 1"-Restaurant bestellten Journalisten. Die Phase der kruden Vergleiche beginnt.

Djokovic, die Sonne, an der sich so viele wÀrmen und nÀhren

Novak derweil macht EingestĂ€ndnisse, immer mit dem alten Gedanken, der BĂŒrde: "Ohne die MĂŒhen und Kosten meiner Eltern wĂ€re ich nicht der, der ich heute bin." Seine neu gegrĂŒndete Stiftung meldet er in Belgrad an, sie kĂŒmmert sich ausschließlich um die Belange hilfsbedĂŒrftiger Kinder in Serbien. Er bestĂ€rkt seinen Vater in der Ansicht, dass der Kosovo schon immer eine serbische Region war und bleiben werde. Er packt das serbische Tennis mit dem fast im Alleingang errungenen ersten Davis-Cup-Erfolg seiner Geschichte unsterblich auf die Weltkarte.

2022 ist Novak lĂ€ngst "larger than life", grĂ¶ĂŸer als das Leben selbst. Und das hat am wenigsten mit seinen unstrittig herausragenden sportlichen Errungenschaften zu tun. Durch sie mag er in diese Position manövriert worden sein, geschaffen haben sie aber Personen wie sein Vater Srdjan, der serbische StaatsprĂ€sident Aleksandar Vucic und die Esoterik-Gurus, die ihn ĂŒber die Jahre begleiteten.

Sie alle nutzten "Nole" als Sonne, die sie wĂ€rmte und nĂ€hrte. Doch wie bei der Sonne, die eines Tages aufhören wird auf die Erde zu scheinen, droht auch in diesem Szenario der große Knall. Novak Djokovic wird aufgerieben zwischen all den Parteien, denen er es recht machen soll, getrieben von der Gier nach Liebe, Zuneigung und Anerkennung. Es wundert einen eigentlich, dass sein vor keinem Vergleich zurĂŒckschreckender Vater diese besorgniserregende Metapher noch nicht fĂŒr sich entdeckt hat.

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