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Friedenspreis für Fotograf Sebastião Salgado

Von dpa
Aktualisiert am 20.10.2019Lesedauer: 4 Min.
Gro├če Emotionen: Sebasti├úo Salgado und seine Frau L├ęlia Wanick Salgado.
Gro├če Emotionen: Sebasti├úo Salgado und seine Frau L├ęlia Wanick Salgado. (Quelle: Andreas Arnold/dpa./dpa)
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Frankfurt/Main (dpa) - "Kann Fotografieren ein Akt des Friedens sein?" Diese Frage stellt der Regisseur Wim Wenders zu Beginn seiner Laudatio in der Frankfurter Paulskirche. Es ist die Laudatio auf Sebastião Salgado, der kurz darauf - als erster Fotograf überhaupt - den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennimmt.

"Meine Sprache ist das Licht", sagt Salgado in seiner emotionalen Dankesrede. Denn seine Mission sei, "Licht auf Ungerechtigkeit zu werfen".

Mit Salgado wurde am Sonntag ein K├╝nstler ausgezeichnet, "der mit seinen Fotografien soziale Gerechtigkeit und Frieden fordert und der weltweit gef├╝hrten Debatte um Natur- und Klimaschutz Dringlichkeit verleiht", hie├č es in der Begr├╝ndung der Stiftung. Seine konsequent in Schwarz-Wei├č gehaltenen Bilder zeigten durch Kriege oder Klimakatastrophen entwurzelte Menschen. "Und er macht die gesch├Ąndete Erde ebenso sichtbar wie ihre fragile Sch├Ânheit."

Nach Frankfurt kommt Salgado mit seiner Frau L├ęlia. Die beiden sind seit ├╝ber 50 Jahren verheiratet, haben zwei S├Âhne und zwei Enkel. Der sanftm├╝tig wirkende Brasilianer ist sichtlich ger├╝hrt. Zwei Mal kommen ihm die Tr├Ąnen - wenn er von dem wohl Schrecklichsten und dem Sch├Ânsten berichtet, was ihm in seinem reichhaltigen Leben widerfahren ist: der Genozid in Ruanda und seine L├ęlia, "die sch├Ânste Frau, die ein Mann im Traum finden, k├╝ssen und heiraten k├Ânnte".

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Salgado, der auf einer Rinderfarm aufwuchs, engagierte sich gegen die Milit├Ąrdiktatur in Brasilien. 1969 emigrierte er nach Paris. F├╝r seine eindr├╝cklichen Fotoprojekte bereiste der studierte Wirtschaftswissenschaftler mehr als 120 L├Ąnder. Und er lie├č sich immer Zeit, um wirklich eine Verbindung zu den Menschen und ihren Geschichten aufzubauen. Teils verbrachte er Wochen und Monate bei St├Ąmmen, in Goldminen oder Krisengebieten.

Nun steht der "Welt-Zeuge", wie ihn Wenders nennt, in der Paulskirche und berichtet von all den Menschen, denen er bei seiner Arbeit begegnet ist. Von ausgebeuteten Arbeitern und bedrohten Ureinwohnern, von Gewaltopfern und Hungernden. Mit ihnen wolle er diesen Preis teilen: "Ich nehme ihn nicht f├╝r mich an, ich nehme ihn f├╝r sie an."

Es geht um vertriebene V├Âlker in Mexiko, den Krieg in Jugoslawien oder Hungerkatastrophen. Und es geht um "meine Freunde aus dem Regenwald". Die indigenen St├Ąmme in Brasilien seien bedroht von "der zerst├Ârerischen Politik der neuen brasilianischen Regierung und den Br├Ąnden, die immer neue Gebiete des Urwalds vernichten" - auch um den Soja-Bedarf in Europa zu stillen.

Bei seiner intensiven Arbeit ist Salgado an der Menschheit schier verzweifelt. "Ich hatte den Glauben an die Spezies Mensch verloren. Ich habe so schreckliche Dinge gesehen, so viel Brutalit├Ąt, so viel Gewalt. Mein Geist und meine Seele waren krank", erkl├Ąrte er im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

"Er blickt so tief in das Herz der Dunkelheit (...) Fast w├Ąre er daran zerbrochen", sagt auch Wenders, der Salgado in dem oscarnominierten Dokumentarfilm "Das Salz der Erde" portr├Ątierte. "Aber er l├Ąsst sich heilen, mit Hilfe derselben Kamera, die das ├Ąu├čerste Leid und den schlimmsten Horror gesehen hat."

Nach den unaussprechlichen Gr├Ąueln von Ruanda hat Salgado das starke Bed├╝rfnis, Reinheit zu finden - auch die Reinheit der Umwelt, der Flora und Fauna, der B├Ąume und der urw├╝chsigen Natur. F├╝r sein gigantisches Fotoprojekt "Genesis" reiste er acht Jahre in zig L├Ąnder; dokumentierte die Sch├Ânheit der Sch├Âpfung. "Er findet das Paradies, oder zeigt uns, dass es das noch gibt", so Wenders.

Mit seiner Frau, die nicht nur als Layouterin und Gestalterin einen gro├čen Anteil an seiner Arbeit hat ("L├ęlia, dieser Preis geh├Ârt Dir genauso wie mir"), ruft er zudem ein Mammutprojekt ins Leben. Anfang der 90er Jahre kehrte das Paar nach Brasilien zur├╝ck und gr├╝ndete das "Instituto Terra". Auf zerst├Ârtem Boden starten sie eine Wiederaufforstung des Regenwalds.

Bislang wurden dort um die 2,7 Millionen B├Ąume gepflanzt und auch die Tiere sind zur├╝ckgekehrt. "Wir haben jetzt 170 Vogelarten, Krokodile, Jaguare, Affen.Das hat mein Leben so viel gl├╝cklicher - und so viel wichtiger - gemacht", sagte Salgado im dpa-Interview.

Wenders findet dazu in seiner Laudatio treffende Worte. Und er erkl├Ąrt, warum nicht nur Fotografieren ein Akt des Friedens sein k├Ânne. "Das Unfassbare ist: Auch wenn Du kein einziges Foto gemacht h├Ąttest, Sebasti├úo, w├Ąrst Du trotzdem ein Held des Friedens." Daf├╝r spr├Ąchen die gepflanzten B├Ąume und der Beweis, dass selbst die schlimmsten Verletzungen der Natur r├╝ckg├Ąngig gemacht werden k├Ânnten. "Auch dieses Kapitel Deines Lebens k├Ânnte Genesis hei├čen. Eine andere Genesis, in der wir Verantwortung ├╝bernehmen."

Salgado kommt am Schluss seiner Dankesrede nochmal auf seine Zweifel an der Menschheit - aber auch auf seine Hoffnung - zur├╝ck: Denn der Zweifel d├╝rfe nicht die Hoffnung nehmen, dass etwas anderes m├Âglich sei. "Irgendwie m├╝ssen wir neue Mittel und Wege des Zusammenlebens finden", so sein Appell. Die Zukunft der Menschheit liege in unseren H├Ąnden. Um eine andere Zukunft zu errichten, m├╝ssten wir die Gegenwart verstehen. "Meine Fotos zeigen diese Gegenwart. Und so schmerzhaft der Anblick ist - wir d├╝rfen den Blick nicht abwenden."

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