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Das gest├╝rzte Genie: James Levine gestorben

Von dpa
Aktualisiert am 17.03.2021Lesedauer: 4 Min.
James Levine (2006).
James Levine (2006). (Quelle: Michael Dwyer/AP/dpa./dpa)
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New York (dpa) - Wenn James Levine zum Taktstock griff, stand nach Ansicht von San Franciscos fr├╝herem Operndirektor David Gockley eine Art G├Âtterd├Ąmmerung bevor - selbst wenn Richard Wagners "Ring" an dem Abend nicht auf dem Programm stand.

"Er ist kein gew├Âhnlicher Dirigent", sagte Gockley 2011 ├╝ber Levine, den einstigen Star-Dirigenten der New Yorker Metropolitan Oper und der M├╝nchner Philharmoniker. "Er ist ein Gott."

├ťbermensch oder nicht - Levines Einfluss auf die amerikanischen Klassikwelt war enorm. Nun ist "Amerikas Top-Maestro", wie das Magazin "Time" ihn einmal nannte, im Alter von 77 Jahren gestorben. Das best├Ątigte ein Sprecher des Opernhauses in Manhattan am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. "Die Metropolitan Oper ehrt das Andenken an ihn", hie├č es. Zuvor hatten mehrere US-Medien unter Berufung auf den Arzt des Dirigenten berichtet, dass Levine bereits am 9. M├Ąrz im Alter im kalifornischen Palm Springs gestorben sei. Die Todesursache wurde zun├Ąchst nicht bekannt.

Nach seinem langen hohen Aufstieg war Levine zum Abschluss seiner Karriere tief gefallen: Die Anschuldigungen von mindestens neun M├Ąnnern wegen sexueller ├ťbergriffe lie├čen den teils als Genie gefeierten Musiker tief st├╝rzen. Die Metropolitan Opera, deren Weltruhm Levine als Chefdirigent zementiert hatte, warf ihn raus. Er wurde zum bis dahin rangh├Âchsten Vertreter der Klassik-Szene, der im Zuge der #MeToo-Bewegung seinen Job verlor. Und wie bei Entertainer Bill Cosby oder Filmproduzent Harvey Weinstein war die Frage: L├Ąsst sich das Werk eines K├╝nstlers von pers├Ânlichem Fehlverhalten trennen?

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"Ich bin unsicher, ob die Met Levines Schande ├╝berleben kann", schrieb das "New York Magazine". Das Opernhaus habe Levines Verhalten vermutlich jahrelang stillschweigend hingenommen oder vertuscht, merkte eine Autorin der "Washington Post" an. Und ein Kritiker der "New York Times" ├╝berlegte ├Âffentlich hin und her, ob er seine Sammlung an Levines Musik nicht f├╝r alle Zeit aus seinem Regal verbannen m├╝sse. Levine hatte die Vorw├╝rfe immer entschieden zur├╝ckgewiesen. Nach seinem Rauswurf ├╝berzogen sich das Opernhaus und der Dirigent gegenseitig mit Klagen.

All das schien fast undenkbar, als der gelockte Klaviervirtuose aus Ohio 1953 mit dem Cincinnati Orchestra sein Deb├╝t als Dirigent feierte. Sein erweitertes Handwerk lernte er bei Klavierp├Ądagogin Rosina Lh├ęvinne und an der Juilliard School in New York. Der ungarische Dirigent George Szell holte ihn zum Cleveland Orchestra, wo er von 1965 bis 1972 auch am Cleveland Institute of Music (CIM) lehrte. Aus dieser Zeit und bis 1999 reichen die Vorw├╝rfe mehrerer M├Ąnner. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis das Schlagwort #MeToo um die Welt ging.

Die Details, die der "Boston Globe" nach Gespr├Ąchen mit mehr als 20 Studenten und Ex-Kollegen Levines aufdeckte, waren erschreckend. Wie in einem Kult soll Levine seine als "Leviniten" bekannten Verehrer in Cleveland um sich versammelt und ihnen vorgeschrieben haben, "was sie lesen, wie sie anziehen, was sie essen, wann sie schlafen - sogar, wen sie lieben". Bei ihm zu Hause soll er sie strengen musikalischen Tests unterzogen und sie zum Sex gedr├Ąngt haben. Andere M├Ąnner berichteten von "unangemessenen Ber├╝hrungen", gemeinsamen sexuellen Handlungen oder Anspielungen darauf.

Rund 40 Jahre war die Met im Herzen Manhattans das k├╝nstlerische Zuhause des Dirigenten. Seine offene, vereinnahmende Art schimmerte auch bei Proben mit dem Orchester durch. Vor Publikum dirigierte er dann mit der Effizienz eines Managers. Zum 25. Jubil├Ąum seiner ersten Met-Auff├╝hrung feierte ihn das Opernhaus mit einer Fernsehgala - es sagten so viele S├Ąnger zu, dass Levine acht Stunden dirigierte. Sein Repertoire umfasste Bach und Haydn, aber auch unbekanntere Namen wie den franz├Âsisch-griechischen Komponisten Iannis Xenakis. Partituren interpretierte Levine auf lebendige, klare und geradlinige Weise.

Selbst Klassikfans der alten Garde kamen um ihn nicht herum. Bei den Salzburger Festspielen dirigierte Levine Mozart, in Bayreuth machte er sich als Wagner-Kenner einen Namen. Mit ausgedehnten Konzerttourneen festigte er den Namen der Met in Zeiten, als die Amerikaner zwar f├╝r Pop oder Jazz, aber seltener f├╝r grandiose Klassik bekannt waren. Seine Arbeit bei der Met sah er als Vollzeit-Job, wenngleich er 1999 bis 2004 zugleich Chefdirigent der M├╝nchner Philharmoniker war. Bei der Met dirigierte Levine mehr als 2500 Auff├╝hrungen von 85 Opern. Nur gelegentlich trat er parallel als Pianist auf.

Am Ende mussten Zuh├Ârer selbst entscheiden, ob sie Levine den R├╝cken kehren wollten. Das Boston Symphony Orchestra, wo Levine von 2004 bis 2011 als musikalischer Direktor am Pult stand und das zu den besten Symphonieorchestern der USA gez├Ąhlt wird, ging auf Distanz. Levine werde dort nie wieder angestellt oder unter Vertrag genommen, hie├č es.

Gesundheitliche Beschwerden - Levine dirigierte zuletzt im Rollstuhl mit Hilfe zweier Assistenten - kamen in seinen letzten Lebensjahren als Belastung hinzu. Sein letzter Auftritt an der Met war im Dezember 2017 - 46 Jahre nach seinem Deb├╝t dort.

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