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Ärzte-Song "Geschwisterliebe" seit 35 Jahren auf Index

Von dpa
Aktualisiert am 24.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Bela B.
Bela B. (l) und Farin Urlaub: "Haben die Wucht des Inzest-Themas damals v├Âllig untersch├Ątzt". (Quelle: Kirsten Neumann/dpa./dpa)
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Berlin (dpa) - Aus dem Song darf ├Âffentlich nicht mal zitiert werden, das w├Ąre jugendgef├Ąhrdend. Bei "Geschwisterliebe" der Punkrockband Die ├ärzte geht es um Inzest, Sex zwischen Bruder und Schwester, unverhohlene Freude daran.

Vor 35 Jahren, am 27. Januar 1987, kam das Lied deswegen auf den Index. Dort steht der Song bis heute. Texter Farin Urlaub (58) und Band-Kollege Bela B (59) erl├Ąutern im Gespr├Ąch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin die Konsequenzen.

Frage: Wie denken Die Ärzte rückwirkend über den Fall?

Farin Urlaub: Zun├Ąchst mal finde ich es lustig, dass ich als - ├╝brigens sexuell v├Âllig unbedarfter - 15-J├Ąhriger diesen jugendgef├Ąhrdenden Text ├╝berhaupt schreiben konnte. Wir haben den Song jahrelang live gespielt, nat├╝rlich auch, um zu provozieren, und haben ihn dann zum dritten Album endlich aufgenommen - und die CBS, unsere damalige Plattenfirma, hatte nichts dagegen. Wir haben die Wucht dieses Inzest-Themas einfach v├Âllig untersch├Ątzt und auch nicht darauf spekuliert nach dem Motto "Punk kann und darf das" und nur Spie├čer regen sich auf. So was wie Indizierungen kannten wir gar nicht, au├čer von irgendwelchen Gewalthorrorfilmen. Bis heute denke ich, dass es eher darum ging, ein Exempel zu statuieren. Vielleicht fehlt mir das soziologische Verst├Ąndnis, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich jemand durch diesen albernen Song zum Inzest verf├╝hren l├Ąsst.

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Bela B: Ich pers├Ânlich hab mich erst mal ├╝ber die Aufregung gefreut damals, eben weil das mein Bild von Punkrock war. Innerhalb der Plattenfirma haben alle so getan, als w├Ąre es kein gro├čes Problem. Nur ein Mitarbeiter, mit dem ich wegen eines Interviews zu tun hatte, nahm mich beiseite und sagte mir, dass er seinen T├Âchtern diese Songs nicht vorspielen w├╝rde und er damit ein grosses Problem habe. Da hab ich erst begriffen, dass wir geschmacklich doch ziemlich daneben lagen. F├╝r die Sicht von Eltern waren wir damals noch zu jung. Dass dann auch noch unser Deb├╝talbum indiziert wurde, war absolut als Exempel zu verstehen.

Frage: Wie dramatisch waren die wirtschaftlichen Folgen?

Farin Urlaub: Wir haben nach der Indizierung und vor allem aufgrund der danach erfolgten, aufsehenerregenden Beschlagnahmung unserer Alben in einigen Plattenl├Ąden von einem Tag auf den anderen keine Platten mehr verkauft. Auch unsere nicht-indizierten Tontr├Ąger wurden von verst├Ąndlicherweise ver├Ąngstigten Plattenh├Ąndlern retourniert. Und das Radio wollte sich an den schmutzigen Jungs sowieso nicht die Finger verbrennen. Konzerte wurden auch gecancelt, beziehungsweise gar nicht mehr gebucht. Wir waren etwa ein dreiviertel Jahr lang nahezu ohne Einkommen - die Gema zahlte gl├╝cklicherweise noch weiter. Die Aufl├Âsung der Band wurde schon diskutiert, aber so einfach wollten wir uns nicht geschlagen geben - das B├Âse siegt immer?! Dann allerdings drehte sich die ganze Geschichte um, und wir wurden pl├Âtzlich zu verruchten Helden stilisiert. Das war Wind auf unsere jungen Punker-Fahnen!

Bela B: Aber f├╝r mich war diese breite Front gegen uns ehrlich gesagt auch befriedigend. In einer Talkshow hat mich ein Vater angeschrien, vor unseren Konzerten wurde demonstriert, Flyer gegen uns produziert und es gab Infost├Ąnde zu unseren Konzerten, die gleicherma├čen von der CSU und den Gr├╝nen organisiert waren. Wenn ich ehrlich bin, hat mir das schon gefallen.

Frage: Hat sich die Indizierung auf sp├Ątere Texte ausgewirkt?

Farin Urlaub: Minimal. Wir haben schnell beschlossen, nicht weiter darauf herumzureiten. Mit dem Album "Ab 18" war das Thema f├╝r uns erledigt. Wie viele Skandale kann man heraufbeschw├Âren, ohne beliebig und marktschreierisch zu werden? Sp├Ąter haben wir lieber knapp an den Geschmacksgrenzen entlang provoziert, was aber nie wirklich eine strafrechtliche Relevanz hatte - weil so viel nun auch wieder nicht verboten ist in Deutschland. Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit. Es war uns sp├Ąter wichtiger, Tabus zu brechen, zum Beispiel in "Omaboy", "Manchmal haben Frauen", "Meine Freunde", oder gro├če Themen etwas subtiler in Popmusik zu verpacken wie in "M&F", "Lasse redn", "Ein Schwein namens M├Ąnner" oder "Antizombie".

Frage: Wo kann Indizierung heute noch zeitgem├Ą├č sein?

Farin Urlaub: Aufforderung zu Gewalt oder Sch├╝ren von Hass gegen bestimmte Personengruppen - oft Hand in Hand gehend mit Entmenschlichung - sollte meines Erachtens grunds├Ątzlich in einer liberalen Gesellschaft nichts verloren haben - und in der Kunst noch weniger.

Bela B: Dann w├Ąre aber auch Schluss, denn grunds├Ątzlich muss Kunst erst mal so gut wie alles k├Ânnen.

Zu den Personen: Farin Urlaub wurde 1963 als Jan Vetter in Berlin geboren. Er ist S├Ąnger und Gitarrist der Band Die ├ärzte. Bela B, geboren 1962 ebenfalls in Berlin, hei├čt eigentlich Dirk Felsenheimer. Er ist Schlagzeuger und S├Ąnger der selbst ernannten besten Band der Welt ("Schrei nach Liebe", "M├Ąnner sind Schweine"). Bei "Geschwisterliebe" war Rodrigo "Rod" Andr├ęs Gonz├ílez Esp├şndola, 1968 im chilenischen Valpara├şso geboren, noch nicht dabei. Seit der Wiedervereinigung der ├ärzte 1993 nach zwischenzeitlicher Trennung geh├Ârt er als Bassist zur Band.

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