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Volkswagen: Wie VW-Chef Herbert Diess die Macht in Wolfsburg verlor

Showdown in Wolfsburg  

Wie VW-Chef Diess seine Macht verspielte

09.06.2020, 16:26 Uhr
Volkswagen: Diess nicht mehr für Kernmarke VW verantwortlich

Herbert Diess soll bei Volkswagen nicht mehr für die Kernmarke VW verantwortlich sein. Das gab der Konzern am Montag bekannt. (Quelle: Reuters)

Herbert Diess: Der VW-Chef hat die Führung der Kernmarke abgegeben, sein Nachfolger steht bereits fest. (Quelle: Reuters)


Volkswagen-Chef Herbert Diess gibt die Führung der Kernmarke ab. Zuvor stand sogar seine Entlassung im Raum. Der letzte Akt in einem langen Drama zeigt, wer bei VW wirklich die Macht hat.

Der schier endlose Dieselskandal, Abgastests mit Affen, E-Mobilität verschlafen und ein amtsmüder Vorgänger – als Herbert Diess vor gut zwei Jahren in Wolfsburg das Steuer übernahm, steckte VW in einer tiefen Krise.

Diess trat an, um den Laden komplett umzukrempeln: Ausrichtung auf Elektromobilität, Rückstand aufholen, mehr Profit – das war sein Programm. Er machte einen Rekord-Gewinn, investierte Milliarden in Zukunftsthemen.

Dann gestern der große Knall: Ab dem 1. Juli wird Diess' ehemalige rechte Hand die Geschicke der Hauptmarke lenken. Der angeschlagene Diess soll sich um die allgemeine Strategie des Konzerns kümmern – wie lange das gut geht, scheint fraglich.

Denn wieder steckt VW in einer tiefen Krise.

Osterlohs lange Mängelliste

Bernd Osterloh ist so etwas wie der Seismograph im Wolfsburger Konzern. Wenn der mächtige VW-Betriebsratschef zu grollen beginnt, kündigt sich ein Beben an. So war es auch im Frühjahr. Damals polterte Osterloh ungewohnt laut, man habe den Start des neuen Golf in den Sand gesetzt. Beim Anlauf des wichtigsten VW-Modells im vergangenen Jahr konnten nur 8.400 Stück fertiggestellt werden. Geplant waren 100.000 Autos. Osterloh kritisierte das Scheitern überehrgeiziger Vorstände.

Bernd Osterloh: Seine Betriebsräte stellen die Hälfte des Aufsichtsrats bei VW. (Quelle: imago images/Susanne Hübner)Bernd Osterloh: Seine Betriebsräte stellen die Hälfte des Aufsichtsrats bei VW. (Quelle: Susanne Hübner/imago images)

Bis heute läuft es nicht reibungslos beim Golf. Nicht einmal jeder zweite rollt mängelfrei vom Band. Vor allem Software und Elektronik machen Probleme.

Ähnlich sieht es beim neuen Elektroauto ID.3 aus. Es soll der Golf der Zukunft werden, der Neuanfang für VW, der Start ins Elektro-Zeitalter. Aber statt Entwicklungsprobleme zu lösen, kamen zuletzt ständig neue hinzu. Auch hier spielt die Software verrückt.

Zwei derart wichtige Starts beinahe zeitgleich, dazu die Neuausrichtung des gesamten Konzerns, die Bewältigung der hausgemachten Dieselkrise – damit habe Diess sich und dem Unternehmen zu viel zugemutet, heißt es. Nicht nur Betriebsratschef Osterloh spricht von Überforderung.

In einem vertraulichen Brief vom Februar listet er die Mängel auf. Aber nicht die Mängel an den Autos. Sondern an der Konzernführung. Unklare Zuständigkeiten, fehlende Verantwortlichkeiten, rüder Führungsstil – der Brief ist eine einzige Generalabrechnung. Er geht unter anderem an den Aufsichtsrat des Autobauers, zwei Tage vor einer wichtigen Sitzung. Und er landet auch auf dem Tisch von Diess. Aber das große Beben bleibt aus. Vorerst.

Diess weiß: Sein Schicksal hängt nun vom Erfolg bei Golf und ID.3 ab. Und von Osterloh. Dessen Gewerkschafter besetzen die Hälfte der 20 Stühle im Aufsichtsrat. Das macht ihn so übermächtig im VW-Reich.

Immer wieder belasteten auch Skandale das Unternehmen.
Im März 2019 schwört Diess seine Manager mit dem Satz "Ebit macht frei" auf straffe Gewinnziele ein. Seine Formulierung erinnert stark an den Schriftzug "Arbeit macht frei", der unter anderem am Torbogen des Nazi-Vernichtungslagers Auschwitz steht. Später entschuldigt sich Diess: Die Ähnlichkeit sei ihm nicht aufgefallen.
Nur einen Monat später sagt Diess, er wisse nichts über die katastrophale Menschenrechts-Situation in der chinesischen Provinz Xinjang. Er sei "stolz, Arbeitsplätze in dieser Region" zu schaffen, in der bis zu einer Million Muslime in Lagern eingesperrt sind. Später sagt der Konzern, Diess kenne sehr wohl die Lage vor Ort.
Und gerade erst das rassistische Instagram-Video. Die Vertrauenskörper-Leitungen der deutschen VW-Werke schimpfen: "Für uns ist das Maß inzwischen unerträglich." Mittlerweile sei ein Zustand erreicht, in dem sich immer mehr Kolleginnen und Kollegen für ihren Arbeitgeber schämen und ihn teilweise verleugnen würden.

Diess gegen den Aufsichtsrat

Aber die Probleme reißen nicht ab. Im Mai stoppt VW die Auslieferung des nagelneuen Golf, sogar ein Rückruf droht. Auch vom ID.3 hört man keine guten Nachrichten. Diese Nachrichten sind es, die schließlich zum Eklat führen: Vor tausenden Führungskräften wirft Diess einzelnen Kontrolleuren vor, interne Informationen zu streuen und somit Straftaten zu begehen. Und: Aus seiner Sicht ließe sich diese Verbreitung bestimmten Aufsichtsräten zuordnen. Teilnehmer der Sitzung und Mitglieder des Kontrollgremiums sollen schockiert auf die Äußerungen des Vorstandschefs reagiert haben. Er habe sich entschuldigen müssen.

Auch ohne Namen zu nennen, dürfte jedem klar gewesen sein, wen Diess meinte. In diesem Moment hatte er sich selbst erledigt. In einer sofort einberufenen Sondersitzung wurde sogar seine Entlassung diskutiert. Lediglich juristische Bedenken retteten ihm den Hals, heißt es.

Das Grollen des Bernd Osterloh: Häufig kündigt es nicht nur ein Beben an. Dann ist Osterloh selbst das Beben.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa
  • tagesschau.de
  • businessinsider.de
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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