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Corona-Warn-App: Nur neuere Smartphones profitieren – soziale Ungerechtigkeit?

Technisch ausgeschlossen  

Diese Menschen können die Corona-App nicht nutzen

Von Laura Stresing, Jan Mölleken, Johannes Bebermeier, Melanie Muschong

17.06.2020, 18:46 Uhr
Video erklärt: So einfach benutzen Sie die Corona-App

Die Corona-App soll helfen, Infektionsketten möglichst einzuschränken. Mittlerweile ist das Programm auf Handys in ganz Deutschland im Einsatz. Wie die App funktioniert, erklärt t-online.de in einer anschaulichen Animation.

Im Video erklärt: Wie die Corona-App funktioniert und wie Sie sie benutzen. (Quelle: t-online.de)


Die Corona-Warn-App funktioniert besser, je mehr Menschen sich an dem System beteiligen. Viele würden gerne, können aber nicht. Sind vor allem die Ältesten und die Ärmsten betroffen?

Die Corona-Warn-App der Bundesregierung soll nun maßgebliches Werkzeug im Kampf gegen die Epidemie werden – doch längst nicht alle Deutschen können sie auch nutzen. Betroffen sind vielfach Ältere und Menschen mit geringen Einkommen. Sie können sich das notwendige Smartphone nicht leisten oder sind in manchen Fällen mit der Technologie grundsätzlich überfordert.

"Dringenden Besserungsbedarf" gebe es derzeit in Bezug auf ältere Geräte, auf denen die Warn-App nicht funktioniere, sagt Franz Müntefering, früherer Bundesminister und SPD-Chef und heute Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO). "Davon sind Seniorinnen und Senioren besonders betroffen".

Tatsächlich setzt die Corona-Warn-App auf Apple- und Android-Geräten eine bestimmte Betriebssystemversion voraus. Geräte die fünf Jahre oder älter sind, können diese meist nicht mehr einspielen, weshalb die Warn-App dort nicht funktioniert. Alle Infos zur Corona-Warn-App finden Sie hier.

Auch der Linken-Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler hat die technischen Hürden der Corona-Warn-App kritisiert. "Dass gerade ältere und einkommensschwache Menschen, die von Corona überdurchschnittlich stark betroffen sind, die App mangels aktuellen Smartphones oftmals nicht nutzen können, ist ein ernstes Problem", sagte Schindler t-online.de. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass die App nur hilfreich sein könne, wenn sie eine möglichst große Verbreitung erfährt. "Ich erwarte, dass die Bundesregierung darauf dringt, dass die App möglichst schnell auf allen Geräten zum Einsatz kommen kann."

Frage nach der sozialen Gerechtigkeit

Viele Menschen fühlen sich nun dauerhaft ausgeschlossen, Franziska Hofbauer ist eine davon: "Ich würde die App sehr gerne nutzen", sagt sie. "Es geht leider nicht. Ich habe ein iPhone 6." Apple liefert für das sechs Jahre alte Modell nicht mehr das nötige Update. "Mein Mann hat ein Android-Billig-Smartphone, das ist fast genauso alt. Die Leistung ist wesentlich geringer, aber er kann die App installieren", sagt Hofbauer.

Dass die Bundesregierung keine App für alle herausbringt, stößt auf Unverständnis. "Was mir nicht gefällt, ist, dass man einfach so tut, als hätte jeder das neueste Smartphone", sagt Hofbauer. Andere stellen die Frage nach der Gerechtigkeit. Warum profitieren nur die mit einem teuren Smartphone von einer App, die alle mit Steuergeld bezahlt haben? 

Tatsächlich bedroht das Coronavirus vor allem die ärmsten und schwächsten in der Gesellschaft: Senioren und Menschen mit Vorerkrankungen, Menschen, die in beengten Verhältnissen leben. Eine Analyse der Uniklinik Düsseldorf und der Krankenkasse AOK hat ergeben, dass sozial benachteiligte Menschen ein erhöhtes Risiko haben, mit einer Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus zu landen. Es sind dieselben Gruppen, die häufig entweder kein oder nur ein schlechtes Smartphone besitzen. 

Telekom will kompatible Geräte an Nutzer bringen

Die Telekom hat die App mitentwickelt und bietet an, Menschen mit einem kompatiblen Gerät zu versorgen. Bei der Präsentation in Berlin erklärte Telekom-Vorstandschef Timotheus Höttges, dass sich potenzielle App-Nutzer in den Telekom-Shops beraten lassen können. Das Unternehmen will spezielle Geräte bereithalten, die mit der App kompatibel sind, wie etwa das Apple iPhone 7. Dazu sollen Kunden passende Pre- oder Postpaid-Tarife wählen können. Das in der App anfallende Datenvolumen wird von den Providern nicht angerechnet. 

Zwar gibt es durchaus günstige Geräte, auf der sich die App installieren lässt. Für viele Hartz-IV-Empfänger oder Rentnerinnen sind aber auch solche Anschaffungen einfach nicht drin.

Die eine App, die alle bindet

Doch eine Lösung,  wie sie die Bundesregierung nun gewählt hat, war nur mithilfe von Apple und Google möglich. Und die Tech-Riesen haben die Grundlage der App nicht für alle Geräte verfügbar gemacht. Warum es dazu vermutlich keine echte Alternative gab, lesen Sie hier

Die Alternative wäre eine App gewesen, die an anderer Stelle Schwächen gehabt hätte. Frankreich und England etwa haben auf eine eigene Lösung bestanden, die ohne Schnittstelle von Google und Apple auskommen und mit dem dezentralen Ansatz anderer Corona-Warn-Apps nicht kompatibel sind und andere Probleme mit sich bringen. Welche Erfahrungen andere Länder mit ihren Corona-Apps gemacht haben, können Sie hier nachlesen

Andere Maßnahmen bleiben wichtiger

Die technischen und sozialen Einschränkungen der App sind schon lange bekannt. Das Gesundheitsministerium zeigt sich auf Nachfrage trotzdem optimistisch: "Die App wird helfen, die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen", teilt ein Sprecher mit. Davon würden alle profitieren, auch wenn sie die App selbst nicht nutzen. "Die Bundesregierung unterstützt die App, weil sie dem Schutz und der Gesundheit der Gemeinschaft dient", sagt der Sprecher t-online.de. Gleichzeitig sei sie nur "ein zusätzlicher Baustein von vielen im Kampf gegen die Corona-Pandemie, kein Ersatz für die bisherigen Maßnahmen".

Eine ganz andere Gefahr sieht zudem Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes: "Leider überlagert die Diskussion um die App die wahren Probleme vieler Seniorinnen und Senioren in der Corona-Zeit: Viele Bezieherinnen und Bezieher von Grundrente haben immense Mehrkosten durch Corona und kommen kaum über die Runden. Deshalb fordern wir 100 Euro mehr sofort!"

Hinweis: Das Portal t-online.de ist ein unabhängiges Nachrichtenportal und wird von der Ströer Digital Publishing GmbH betrieben. 

Verwendete Quellen:

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