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Zwischenfazit nach 100 Tagen: Was bringt die Corona-Warn-App?

Seit 100 Tagen in Betrieb  

Zwischenfazit: Was bringt die Corona-Warn-App?

23.09.2020, 15:18 Uhr
Video erklärt: So einfach benutzen Sie die Corona-App

Die Corona-App soll helfen, Infektionsketten möglichst einzuschränken. Mittlerweile ist das Programm auf Handys in ganz Deutschland im Einsatz. Wie die App funktioniert, erklärt t-online.de in einer anschaulichen Animation.

Im Video erklärt: Wie die Corona-App funktioniert und wie Sie sie benutzen. (Quelle: t-online.de)


Vor 100 Tagen ging die deutsche Corona-Warn-App an den Start. Die Macher ziehen – wenig überraschend – eine positive Bilanz. Doch ob die App tatsächlich einen Beitrag zur Pandemiebekämpfung leistet, bleibt aus gutem Grund umstritten. 

Vielleicht waren die Erwartungen von Anfang an zu hoch. Als die Corona-Warn-App Mitte Juni vorgestellt wurde, hieß es, sie werde einen wichtigen Beitrag zur Pandemiebekämpfung leisten. Doch kann die App dieses Versprechen überhaupt einlösen? 100 Tage nach dem Start bleibt die Beweislage dürftig. 

Wir werfen einen Blick auf die Daten: Was wir bisher wissen, was nicht und was wir wahrscheinlich nie erfahren werden. 

Verbreitung

Ist die Corona-Warn-App ein Erfolg? Im Hinblick auf die Download-Zahlen kann man sagen: Ja! Darauf verweisen auch die Macher von SAP und Deutsche Telekom

Insgesamt 18,4 Millionen Mal wurde die App heruntergeladen. Rund 9,8 Millionen Downloads gehen auf den Google Play Store zurück, aus dem Apple App Store werden 8,6 Millionen Downloads gemeldet. Damit sind die iPhone-Besitzer, die unter den Smartphone-Nutzern in der Minderzahl sind, unter den Corona-Warn-App-Nutzern deutlich überrepräsentiert. 

Im internationalen Vergleich steht Deutschland sehr gut da. In keinem anderen westlichen Land wurde eine vergleichbare Contact-Tracing-App so häufig heruntergeladen wie die Anwendung des Robert Koch-Instituts. Die hohen Download-Zahlen seien ein "Vertrauensbeweis der Bevölkerung" sagte Peter Lorenz, Chefentwickler bei der Telekom-Tochter T-Systems.

Manche Nutzer haben die App zwar bereits wieder deinstalliert. Experten gehen dennoch von rund 15 Millionen aktiven Nutzern aus. Das entspricht fast 20 Prozent der deutschen Bevölkerung. Aktuelle Modellrechnungen der Oxford University haben ergeben, dass Contact-Tracing-Apps schon ab einer Beteiligung von 15 Prozent der Bevölkerung zur Reduktion des Infektionsgeschehens beitragen können. Dazu müssen aber auch die Rahmenbedingungen stimmen.

Gemeldete Infektionen

Ein Blick in die öffentlich einsehbaren Server-Daten zeigt leider, dass nur ein Bruchteil der aktuellen Neuinfektionen auch in der App gemeldet werden. Laut einer Datenanalyse des Chemikers Michael Böhme werden weniger als zehn Prozent aller labortechnisch bestätigten Fälle von der App erfasst.

Die Gründe dafür sind unklar. Doch es gibt ein paar Theorien: Es ist niemand dazu verpflichtet, die App zu nutzen oder sich darüber als infiziert zu melden. Da scheint es bei vielen Nutzern Hemmungen zu geben, obwohl die App garantiert anonym funktioniert. Auch die fehlende Laboranbindung und Verzögerungen oder Probleme bei der Übermittlung von Testergebnissen könnten eine Rolle spielen.

Noch wahrscheinlicher aber ist, dass die App vor allem von Menschen genutzt wird, die weniger von der Epidemie betroffen sind. Mit anderen Worten: Die Corona-Warn-App erreicht die Menschen mit dem höchsten Ansteckungsrisiko am wenigsten. Diejenigen, die sie nutzen, können sich hingegen vergleichsweise gut schützen und isolieren.

Verhinderte Infektionen

Niemand kann abschließend sagen, wie viele Infektionsketten durchbrochen werden konnten, weil Kontaktpersonen eine Warnung auf ihr Smartphone erhielten. Das Robert Koch-Institut teilt auf Nachfrage von t-online mit, dass ein "Evaluationskonzept für die App in den nächsten Monaten entwickelt" werde. Details dazu nennt es nicht.

Das datensparsame Konzept der App dürfte es den Forschern schwer machen, eindeutige Zahlen und Belege für ihren Beitrag zur Pandemiebekämpfung zu sammeln. Schließlich wird nirgendwo zentral erfasst, welcher Nutzer sich mit wem wann getroffen hat, wer eine Warnung erhielt und daraufhin auf das Coronavirus getestet wurde.

Vereinzelte Erfolgsmeldungen aus ganz Deutschland deuten aber darauf hin, dass die Corona-Warn-App durchaus ihren Job erfüllt. Hier eine unvollständige Auflistung von Beispielen, alle Quellen haben wir unter dem Artikel verlinkt:

  • Bei der Stadt Düsseldorf haben sich bereits Anfang Juli mehrere Personen gemeldet, die laut der Corona-Warn-App ein erhöhtes Infektionsrisiko hatten. Alle wurden negativ getestet.
  • Ende Juli meldete das Gesundheitsamt Berchtesgadener Land, dass ein Verdachtsfall über die App informiert und anschließend positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die Person zeigte keine Symptome.
  • Ebenfalls im Juli: Ein Kölner Student erfuhr dank der App, dass er sich unbemerkt infiziert hatte.
  • Mitte September meldete zuletzt der Landkreis Bad Segeberg in Schleswig-Holstein eine Neuinfektion, die mit Hilfe der App entdeckt wurde.

Völlig unklar ist, in wie vielen entscheidenden Fällen die App versagt hat. Manche Experten gehen davon aus, dass die Abstandsmessung via Bluetooth-Signal nicht besonders zuverlässig ist. Das RKI widerspricht: 80 Prozent der relevanten Begegnungen werden demnach korrekt erkannt. Diese Zahl bezieht sich allerdings auf Testmessungen, die vor der Einführung der App durchgeführt wurden.

Wie lässt sich die App-Wirkung verbessern?

Trotz vieler offener Fragen fordern der SPD-Politiker Karl Lauterbach und der Softwareentwickler Henning Tillmann bereits die Weiterentwicklung der App. Es gebe inzwischen neue Erkenntnisse, zum Beispiel zu Aerosolen, Clustern und Superspreading, sagt Tillmann. "Dieses Wissen muss in die App eingebaut werden. Es wird höchste Zeit für eine Corona-Warn-App 2.0, damit die App helfen kann, gut durch den anstehenden Corona-Winter zu kommen." Lauterbach plädiert beispielsweise für neue Funktionen wie ein digitales Kontakttagebuch.

Aus epidemiologischer Sicht mag das sinnvoll scheinen. Kritiker warnen allerdings davor, weiteres Geld zu investieren, solange der Nutzen unklar ist. Sie fordern mehr Daten und Belege, um die bisherigen Entwicklungskosten von 20 Millionen Euro zu rechtfertigen. 

Ob man die App als einen Erfolg bezeichnet, hängt letztendlich auch davon ab, was man als Erfolg definiert. Für die Betroffenen und ihr Umfeld kann eine frühzeitige Warnung sehr wertvoll sein – sofern sie ernst genommen wird und die zuständigen Ämter und Labore über die nötigen Ressourcen verfügen, den Betroffenen zu helfen.

Verwendete Quellen:

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