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Anfeindungen gegen Karl Lauterbach: So viel Hass muss niemand ertragen

MEINUNGAuszeit vom Hass  

So geht Twitter-Fasten!

Von Nicole Diekmann

17.02.2021, 02:37 Uhr
Anfeindungen gegen Karl Lauterbach: So viel Hass muss niemand ertragen  . SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach muss im Netz viel Hass ertragen: Unsere Kolumnistin Nicole Diekmann hat einen Tipp für ihn.  (Quelle: t-online/imago images/Jürgen Heinrich)

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach muss im Netz viel Hass ertragen: Unsere Kolumnistin Nicole Diekmann hat einen Tipp für ihn. (Quelle: imago images/Jürgen Heinrich/t-online)

Fasten ist dieses Jahr nicht allzu schwierig: Hat ja eh alles zu. Unsere Kolumnistin Nicole Diekmann hat aber trotzdem etwas gefunden, worauf sie verzichtet: Auf Trolle im Netz. Es fühlt sich an wie eine Kapitulation – und ist gleichzeitig ganz wunderbar.

Ich sage es rundheraus: Die Pandemie hat mir figurtechnisch nicht gutgetan, und das lässt sich auch nicht mehr ohne Weiteres leugnen. Jüngst musste ich mir neue Hosen anschaffen, da sich das Fleisch seinen Weg durch die bisherigen erkämpfen wollte. Die Waage bestätigt: mehrere Kilos plus.

Damit kann ich leben, muss ich auch erst mal. Hilft ja nix. Womit ich aber nicht mehr leben will: mit dieser ständigen Herumrotzerei, ich kann es leider nicht blumiger beschreiben, in den sozialen Netzwerken. Auf Twitter habe ich mir eine radikale Diät gegönnt, ja wirklich: gegönnt. Mir kann dort nicht mehr jeder und jede antworten. Nur noch Leute, denen ich folge.

Ich bin sehr erleichtert. Denn nicht nur ich, sondern auch die Frequenz nöliger bis schwer beleidigender Reaktionen haben krass zugenommen in der Pandemie. Ein Dauerfeuer aus Unzufriedenheit, Unterstellungen und nacktem Hass.

Eine kleine Sprechpause gefährdet angeblich die Meinungsfreiheit

Ein Beispiel: Ich gendere. In meiner Eigenschaft als Hauptstadtkorrespondentin beim ZDF sage ich seit einigen Monaten "Wissenschaftler:innen". Mit einer kurzen Pause vor dem "innen". Ich finde das sprachlich nicht die eleganteste aller Ideen, aber wichtig, um sprachlich eine längst laufende gesamtgesellschaftliche Debatte aufzugreifen.

Man kann das blöd finden, man kann die Effektivität in Zweifel ziehen – oder aber man kann sich bis kurz vorm Sauerstoffzeltbedarf hocheskalieren, bevormundet fühlen und der GEZ-Mafia, zu der ich ja auch gehöre, nichts Kleineres unterstellen als die Unterjochung des Volkes. Ich wurde wegen dieser Pause vor dem "innen" bereits mit Hitler verglichen, interessanterweise auch mit Stalin; der Aufstieg von Donald Trump und Marine Le Pen geht nach Ansicht einiger Leute auch auf meine Rechnung, die Demokratie schwebt meinetwegen in Gefahr und ebenso die Meinungsfreiheit.

So treibt man Twitter-Trolle in den Wahnsinn

Das Thema "gendern" macht einige Leute rasend und spült die Irren nach oben in den Kommentarspalten. Die Moderatorin der ZDF "heute", Petra Gerster, kann davon ebenfalls ein Liedchen singen. Es sind aber im Grund alle Themen, die Ärger einbringen.

Ich fasse die Aussage von Angela Merkel zusammen, wonach sie sich gegen die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten nicht mehr durchsetzen wollte, weil sie es nicht kann (Stichwort Föderalismus). Dass ich zum 1000. Mal als Staatspropagandistin bezeichnet werde – ok. Die Mär hält sich, es gibt anscheinend genug Leute, die den Stuss wirklich glauben. Aber es geht noch weiter und reicht von Männern, die mich duzen und mir eine Note (klar, eine Sechs) geben, weil – weiß ich auch nicht, warum, bis hin zu solchen, die mir noch mal wünschen, von einem von "Merkels Flüchtlingen" vergewaltigt zu werden.

Es nervt, es bringt niemanden weiter, es hat mit Diskurs so viel zu tun wie eine Flasche Schnaps mit Detox.

Twitter ist toxisch

Twitter ist, stellte Amnesty International bereits mehrfach fest, "toxisch". Giftig. Die Menschenrechtsorganisation beruft sich in der Studie "Toxic Twitter" zwar ausschließlich auf Frauen, doch wie Karl Lauterbach von der SPD jüngst mit ein paar Bildern von dem Dreck, mit dem er in den sozialen Netzwerken beworfen wird, beweist: Männer kriegen auch ihr Pfund ab.

Mein Fell wäre vielleicht doch schon erschreckend dick, auch nach zehn Jahren auf Twitter, wenn es mich erst juckt, wünscht mir jemand den Tod. Ich habe schlicht keine Lust mehr und miste eben jetzt aus. Diejenigen, die sich nicht benehmen können, sollen anderswo weitermachen. Toxische Beziehungen machen schlechte Laune, und die kann ich nicht gebrauchen. So wie ich mich im echten Leben in der Bahn oder in der Fußgängerzone nicht von dahergelaufenen Tröten blöd anmachen lassen würde, tue ich das im Netz auch nicht.

Am 6. Mai erscheint Nicole Diekmanns Buch "Die Shitstormrepublik – Wie Hass im Netz entsteht und was wir dagegen tun können". Hier können Sie es vorbestellen.

Der Rückzug hat seinen Preis

Ich kann das nur empfehlen, auch im echten Leben: Wer Sie Kraft kostet, und das immer, nicht nur phasenweise, sollte sich an andere wenden. Wir leben nur einmal. Und die Zeiten sind schwierig genug.

Der Preis, den ich dafür zahle, ist hoch. Denn es fühlt sich auch an, als hätten die Schlichten gewonnen. Diejenigen, die wirklich glauben, eine nicht gelingende Impulskontrolle sei ein schmückendes Attribut. Algorithmen würden, verzeihen Sie mir meine erneute Deutlichkeit, aus Scheiße Gold machen. Sie nehmen nun anderen, die kontrovers diskutieren, was mir Spaß macht, die Möglichkeit, auf meine Tweets zu antworten. Sie nehmen den sozialen Medien ein Stück weit den sozialen Charakter, den ich so schätze.

Und doch bleibt unterm Strich: Erleichterung. Und, jetzt kommt der Clou: Auch für Sie. Denn wenn Ihnen etwas nicht gefällt: einfach an mich wenden. Wer ist wie Hitler und Stalin, dubiosen Parteien und Staatschefs zur Macht verholfen und demnächst wahrscheinlich gleich das komplette politische System Deutschlands auf dem Gewissen hat, ist im Grunde an allem schuld. Sie werden einen Weg finden, mich zu erreichen. Die Schlauen tun das!

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