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Multiple Sklerose: So stellt der Arzt die Erkrankung fest

Von t-online, ag

Aktualisiert am 14.09.2021Lesedauer: 4 Min.
Körperliche Untersuchung: Die Diagnose MS verlÀuft in mehreren Schritten.
Körperliche Untersuchung: Die Diagnose MS verlÀuft in mehreren Schritten. (Quelle: Henadzi Pechan/getty-images-bilder)
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Nach SchĂ€tzungen von Experten leiden in Deutschland bis zu 250.000 Menschen an Multipler Sklerose (MS). Die chronisch entzĂŒndliche Erkrankung des Nervensystems entwickelt sich oft im Verborgenen und wird meist erst spĂ€t erkannt.

Das Wichtigste im Überblick


Multiple Sklerose: Warum die Diagnose schwierig ist

Weil das Beschwerdebild bei Multipler Sklerose (MS) sehr vielschichtig ist, ist die Diagnose schwierig und langwierig. Im Gegensatz zu vielen anderen Erkrankungen gibt es keine typischen Symptome, die nur bei MS vorkommen. Daher existieren derzeit keine speziellen Test oder Verfahren, um MS festzustellen.

Die Diagnose setzt sich vielmehr aus mehreren Untersuchungsschritten zusammen. Die Ergebnisse sind mit Puzzleteilen zu vergleichen, aus denen sich am Ende ein konkretes Krankheitsbild zusammensetzt.


Multiple Sklerose: Sieben IrrtĂŒmer

Irrtum 1: "Wer MS hat, landet im Rollstuhl": Das trifft nicht immer zu. Etwa 15 Prozent der Patienten mit der chronisch-entzĂŒndlichen Nervenerkrankung sind auf einen Rollstuhl angewiesen.
Irrtum 2: "MS Ă€ußert sich durch SchĂŒbe": Nicht immer verlĂ€uft MS ausschließlich in SchĂŒben. Meist beginnt die Erkrankung jedoch mit einem schubförmigen Verlauf. Eine Attacke kann dann einige Tage bis mehrere Wochen dauern. Zudem gibt es einen chronisch-fortschreitenden Verlauf. Nach einer von Patient zu Patient unterschiedlich langen Zeit mit SchĂŒben schreitet die Multiple Sklerose dann kontinuierlich fort und die Symptome nehmen zu.
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Typische Symptome bei MS

Multiple Sklerose wird auch als "Krankheit mit den 1.000 Gesichtern" beschrieben, da die Symptome sehr vielfĂ€ltig sein können. Betroffene sehen anfangs Doppelbilder, haben Sehstörungen oder spĂŒren ein undefinierbares Kribbeln in den FĂŒĂŸen. SpĂ€ter können Depressionen, Sehstörungen, Gleichgewichtsprobleme, Sexual- und Blasenfunktionsstörungen hinzukommen.

Die Diagnose Multiple Sklerose kann dann nur ein Neurologe durch umfassende Untersuchungen vornehmen. Wenn die Krankheit nach außen sichtbar wird, und Patienten nicht mehr gut laufen können oder einen Rollstuhl brauchen, ist die Krankheit meist schon weit fortgeschritten.

Treten erste neurologische Symptome auf, sollten sich Betroffene möglichst schnell an einen Arzt wenden. HĂ€ufig verschwinden die Beschwerden zwar nach einigen Tagen wieder. Jedoch kann nur eine frĂŒhzeitige Therapie das Fortschreiten von Multipler Sklerose aufhalten und den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Heilbar ist die Autoimmunerkrankung bis heute nicht.

Vier Stufen der Diagnose bei MS

Eine gesicherte Diagnose fĂŒr Multiple Sklerose erfolgt in Etappen. Der erste Ansprechpartner ist der Hausarzt. Dieser ĂŒberweist Patienten bei Bedarf an einen Facharzt, meist an einen Neurologen. Die Diagnostik basiert auf vier SĂ€ulen:

  1. Anamnese (Erfassung der Krankengeschichte)
  2. Körperliche Untersuchung (klinisch-neurologische Untersuchung)
  3. Apparative Untersuchungen (Kernspintomografie)
  4. Laboruntersuchungen (Untersuchung des Nervenwassers, Blutuntersuchungen)

Erste Stufe: Die Anamnese

In einem ausfĂŒhrlichen Anamnese-GesprĂ€ch informiert sich der Arzt zunĂ€chst ĂŒber die Krankengeschichte des Patienten und mögliche Vorerkrankungen. Die Schilderungen helfen, die möglichen Ursachen der Beschwerden einzugrenzen und den Verdacht auf MS zu erhĂ€rten. Wichtig ist dabei auch die Information, ob der Patient oder seine Angehörigen an einer Autoimmunerkrankung leiden.

Zweite Stufe: Körperliche Untersuchungen

Im Anschluss an das VorgesprĂ€ch ĂŒberprĂŒft der Arzt unter anderem die Funktion der Augen und der Hirnnerven, die SensibilitĂ€t auf BerĂŒhrungen und Temperaturunterschiede, Muskelkraft und Muskelspannung, Reflexe sowie die Bewegungskoordination.

Ein Test besteht zum Beispiel darin, dass der Patient mit geschlossenen Augen den Zeigefinger vom ausgestreckten Arm zur Nasenspitze fĂŒhrt. Mit dieser motorischen Übung haben viele MS-Patienten massive Probleme. ErgĂ€nzend hierzu können auch neurologische Untersuchungen durchgefĂŒhrt werden. Diese prĂŒfen verschiedene geistige Funktionen wie LernfĂ€higkeit, GedĂ€chtnis und Sprachverarbeitung.

Multiple Sklerose hat auf vielfĂ€ltige Weise Folgen fĂŒr Erkrankte.
Multiple Sklerose hat auf vielfĂ€ltige Weise Folgen fĂŒr Erkrankte.

Hat sich ein erster Verdacht bestĂ€tigt, versucht der Arzt, sogenannte evozierte Potentiale aufzuzeichnen. Das sind elektrische Spannungen, die in den Nerven- und Muskelzellen des menschlichen Körpers auftreten, wenn von außen ein Reiz einwirkt. Damit kann die Leitgeschwindigkeit bei verschiedenen Sinnessystemen gemessen werden.

Dabei werden zum Beispiel die Nerven des Auges durch ein Schachbrettmuster gereizt. Der Sehnerv leitet daraufhin den visuellen Reiz zur Hirnrinde weiter. Gemessen wird anhand von Elektroden, wie schnell der Impuls im Gehirn ankommt. Auf diese Weise kann festgestellt werden, ob die Nervenbahnen intakt sind. Eine verlangsamte Leitgeschwindigkeit ist ein Hinweis auf Multiple Sklerose.

Dritte Stufe: Magnetresonanztomografie

Im dritten Schritt wird eine Kernspintomografie (Magnetresonanztomographie, MRT) vom Gehirn und RĂŒckenmark gemacht. Mögliche EntzĂŒndungsherde oder Plaques finden sich hĂ€ufig neben den seitlichen NervenwasserrĂ€umen des Organs. Mit Hilfe von Kontrastmittel kann auch zwischen frischen und Ă€lteren MS-Herden unterschieden werden.

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Leidet der Patient unter Funktionsstörungen der Blase, kann der Arzt ein Miktionsprotokoll empfehlen und eine Restharnbestimmung durchfĂŒhren. Der Patient dokumentiert, wie hĂ€ufig er Wasser lĂ€sst. Außerdem bestimmt der Arzt die Urinmenge, die nach dem Wasserlassen in der Blase bleibt.

Vierte Stufe: Lumbalpunktion und Blutuntersuchungen

Ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zur Diagnose ist die sogenannte Lumbalpunktion (Liquordiagnostik). Bei dieser Untersuchung wird aus dem RĂŒckenmark Nervenwasser entnommen. Dies geschieht im Bereich der unteren LendenwirbelsĂ€ule. Der Eingriff wird mit einer dĂŒnnen Hohlnadel durchgefĂŒhrt und dauert nur wenige Minuten.

Die Auswertung der Nervenwasser-Probe kann die EntzĂŒndung des Gehirns und RĂŒckenmarks erkennbar machen: Hat der Patient Multiple Sklerose, ist die Zahl bestimmter Abwehrzellen im Nervenwasser erhöht und es lassen sich Antikörper nachweisen.

Ebenso wichtig sind Blutuntersuchungen und Urinuntersuchungen. Sie dienen vor allem dazu, andere Krankheiten auszuschließen, die Ă€hnliche Beschwerden wie bei MS haben. Die meisten Laborwerte sind bei Patienten mit Multipler Sklerose normal.

Prognose: MS ist bislang unheilbar

Bei einer schwer verlaufenden MS bleibt es hÀufig nicht bei den unsichtbaren Symptomen. Ein Schub hat dann die Folge, dass Betroffene schlagartig Arme oder Beine nicht mehr bewegen können. Auch ist es möglich, dass die Funktion der Beine dauerhaft beeintrÀchtigt bleibt und der Patient einen Rollstuhl braucht.

experten gehen davon aus, dass eine Fehlfunktion vom Immunsystem fĂŒr das Auftreten von MS verantwortlich ist. Doch auch genetische Ursachen werden vermutet und von Forschern untersucht. Bis heute gibt es keine Medikamente, die Multiple Sklerose heilen können.

Allerdings können bestimmte PrĂ€parate die HĂ€ufigkeit und Schwere von SchĂŒben mindern und den Verlauf der Erkrankung verlangsamen. Bei einem akuten Schub werden hĂ€ufig Kortikosteroide, zu denen auch Cortison zĂ€hlt, verabreicht. Auch eine Immuntherapie kann die Symptome lindern. Die oben beschriebenen Symptome wie Spastiken oder Depressionen können ebenfalls behandelt werden. Allerdings können die hier angewendeten Medikamente erhebliche Nebenwirkungen mit sich bringen.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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