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Drosten und Streeck uneinig: Erkranken in diesem Winter weniger Menschen an Grippe?

Drosten und Streeck uneinig  

Erkranken in diesem Winter weniger Menschen an Grippe?

Von Nicole Sagener, Sandra Simonsen

29.09.2020, 16:26 Uhr
Drosten und Streeck uneinig: Erkranken in diesem Winter weniger Menschen an Grippe?. Erkältung: In diesem Jahr könnten wegen der Hygienemaßnahmen vielleicht weniger Menschen an anderen Infektionen erkranken.  (Quelle: Getty Images/PeopleImages)

Erkältung: In diesem Jahr könnten wegen der Hygienemaßnahmen vielleicht weniger Menschen an anderen Infektionen erkranken. (Quelle: PeopleImages/Getty Images)

Grippe, Erkältung, Norovirus: Im Herbst und Winter verbreiten sich jedes Jahr verschiedene virale Erkrankungen. In diesem Jahr könnte das wegen der Corona-Maßnahmen allerdings anders sein.

Maskenpflicht, Abstandsregelungen, Homeoffice und bessere Händehygiene: All diese Maßnahmen sollen uns in Deutschland vor einer Infektion mit dem Coronavirus bewahren. Doch sie schützen auch vor anderen Infektionen. Davon sind nicht nur die bekanntesten Virologen in Deutschland, Prof. Dr. Christian Drosten und Prof. Dr. Hendrik Streeck überzeugt. 

Twitter-Diskussion durch Jan Böhmermann entstanden

Der Journalist Jan Böhmermann hat bei Twitter kürzlich die Frage aufgeworfen, ob es schon Studien zu der Frage gebe, wie viele Menschen durch die Hygienemaßnahmen nicht nur vor Corona, sondern auch vor anderen Krankheiten wie der Grippe geschützt werden.

Charité-Virologe Prof. Dr. Christian Drosten reagierte auf den Tweet mit einer sicheren Aussage: "Ja klar. Unsere Influenzasaison wurde im März abrupt beendet. Im Südhalbkugel-Winter (Südafrika, Australien) ist die Influenza-Saison fast ausgefallen. Auch die meisten anderen Erkältungsviren sind selten geworden, bis auf die Picornaviren." Letztere sollen vor allem über die Kontaktübertragung bei Kindern vorkommen. Zu den Picornaviren gehören auch Rhinoviren, die für Erkältungen verantwortlich sind. 

Prof. Dr. Hendrik Streeck beobachtet Anstieg von Rhinoviren

Der Bonner Virologe Prof. Hendrik Streeck hingegen ist nicht ganz so überzeugt, dass es in dieser Grippesaison wegen der verstärkten Hygiene-Maßnahmen weniger Grippekranke geben wird. Im Interview mit t-online meint er: "Es kann sein, dass es diesen Effekt gibt. Auf der Südhalbkugel etwa konnten wir schon sehen, dass es außerordentlich wenig Grippefälle gab. Allerdings tauchen in Deutschland schon jetzt vereinzelt Erkrankungen auf."

Ähnlich wie Drosten spricht auch Streeck die Rhinoviren als scheinbare Ausnahme an. "Und noch etwas: Im letzten Monat konnten wir einen deutlichen Anstieg an Rhinoviren beobachten. Diese lösen einen herkömmlichen Schnupfen aus – ungefährlich, aber nervig. Und diese Viren werden ähnlich wie das Coronavirus übertragen. Da stellt sich die Frage, warum dieses Virus nicht auch geblockt wird durch unser Verhalten und die AHA-Regeln. Das müssen wir in den nächsten Wochen und Monaten beobachten."

"Grippeviren nicht so ansteckend wie SARS-CoV-2"

Der Kardiologe Prof. Dr. med. Thomas Voigtländer hingegen meint im Interview mit t-online: "Das Risiko, sich in dieser Grippesaison mit Influenza anzustecken, dürfte durch die verstärkten Hygienemaßnahmen geringer sein als üblich." Zudem seien Grippeviren nicht so ansteckend wie SARS-CoV-2, so Voigtländer, der stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung und Ärztlicher Direktor des Agaplesion-Bethanien-Krankenhauses und Cardioangiologischen Centrums Bethanien (CCB) in Frankfurt am Main ist.

Dennoch mahnt er, dass Corona-Risikopatienten im Herbst und Winter noch vorsichtiger sein sollten, wenn neben dem Coronavirus auch die Grippe und Erkältungen zunehmen: "Wenn sich der Körper mit mehreren Viren gleichzeitig auseinandersetzen muss, wird er noch mehr belastet. Darum ist sowohl eine Grippe- und auch eine Pneumokokken-Impfung für Risikopatienten ab 60 Jahren dringend zu empfehlen."

Blick in andere Länder: Australien, Südafrika

Auf der Südhalbkugel ist der Winter nun bald vorbei und mit ihm auch die Grippesaison. Doch Studien zeigen, dass diese in diesem Jahr beispielsweise in Australien fast ganz ausgeblieben ist. Das zeigen beispielsweise Grafiken der WHO, in denen die Grippezahlen in Australien in diesem Jahr deutlich unter denen der Vorjahre lagen. Von Juni bis August, der Hoch-Zeit der Grippe in Australien gab es beispielsweise nur etwa halb so viele Fälle wie in der vergangenen Grippesaison. 

Noch deutlicher zeigt die graphische Auswertung der WHO, wie die Grippe in Südafrika in diesem Jahr zurückgegangen ist. Zum Höhepunkt der Influenza gab es 2020 kaum messbare Werte. 

Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist allerdings auch darauf hin, dass die aktuellen Daten zur Grippe "mit Vorsicht interpretiert werden" sollten. Die Corona-Pandemie habe in unterschiedlichem Maße sowohl das Gesundheitswesen als auch die Testkapazitäten in den Mitgliedsstaaten beeinflusst. Zusätzlich vermutet auch die WHO, dass die Hygiene- und Abstandsregelungen zum Schutz vor dem Coronavirus auch eine Rolle bei der Übertragung der Influenzaviren gespielt haben könnten. 

Weltweit gab es demnach weniger Influenza-Fälle, als erwartet waren. Wo die Influenza-Saison noch nicht begonnen hat, werden sehr wenige Fälle gemeldet und auch dort, wo die Saison bereits vorüber ist, gab es weniger Influenza-Kranke als in den vergangenen Jahren. In der Karibik und Mittelamerika wurden laut WHO gar keine Influenza-Fälle gemeldet. Im tropischen Südamerika, in den Tropen von Afrika und Südasien habe es ebenfalls keine oder nur selten Influenza-Fälle gegeben. Auch schwere akute Atemwegsinfektionen habe es in einigen Ländern weniger gegeben, heißt es von der WHO. 

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Interview mit Prof. Dr. Hendrik Streeck
  • Interview mit Prof. Dr. med. Thomas Voigtländer
  • Twitterprofile Prof. Dr. Christian Drosten, Jan Böhmermann
  • Weltgesundheitsorganisation WHO 
  • Robert Koch-Institut
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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