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Corona | Experte zur Delta-Variante: Für Ungeimpfte kommt die vierte Welle

INTERVIEWDelta-Variante schlägt zu  

Experte sicher: Für Ungeimpfte kommt die vierte Corona-Welle

Von Christiane Braunsdorf

28.07.2021, 13:26 Uhr
Corona | Experte zur Delta-Variante: Für Ungeimpfte kommt die vierte Welle. Impfzentrum in Frankfurt (Oder): Impfverweigerern droht im Herbst die Durchseuchung. (Quelle: dpa/picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Patrick Pleul)

Impfzentrum in Frankfurt (Oder): Impfverweigerern droht im Herbst die Durchseuchung. (Quelle: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Patrick Pleul/dpa)

Die Impfkampagne gerät ins Stocken. Die Zahl der Infizierten steigt wieder, auch weil sich die ansteckendere Delta-Variante in Deutschland durchsetzt. Was bedeutet das für den kommenden Herbst – für Geimpfte und Ungeimpfte? 

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warnt für den Herbst vor Sieben-Tage-Inzidenzen von bis zu 800 und mehr. Gleichzeitig wird über eine Abkehr vom Inzidenzmodell als Maßstab für die Verschärfung der Anti-Corona-Maßnahmen diskutiert. Im Gespräch mit t-online schätzt ein Epidemiologe die derzeitige Lage ein und gibt einen Ausblick auf die nächsten Monate.

t-online: Herr Scholz, wie ist die momentane Lage? Befinden wir uns schon wieder in einem exponentiellen Wachstum der Corona-Infektionen?

Markus Scholz: Der R-Wert (gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt, Anmerkung der Redaktion) liegt momentan deutlich über 1, damit befinden wir uns im exponentiellen Anstieg der Infektionsfälle. Und das ist eigentlich zu früh, denn jetzt sollten wir noch den Vorteil der Saisonalität haben. Die Tatsache, dass sich das Virus in den Sommermonaten schlechter verbreitet, müsste uns eigentlich zugutekommen, doch hier macht Delta uns einen Strich durch die Rechnung.

Was bedeutet das für die nahe Zukunft? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warnt vor Inzidenzen zwischen 400 und sogar über 800 im Herbst ...

Wenn wir jetzt noch mehr Maßnahmen gegen das Coronavirus zurücknehmen, wie zum Beispiel die Maskenpflicht in geschlossenen Räumen oder Schnelltests vor Veranstaltungen, dann werden wir im Herbst sehr hohe Inzidenzen sehen. Schon unter Beibehaltung der Maßnahmen und mit Berücksichtigung des derzeitigen Impftempos sind Inzidenzen wie Spahn sie nennt – zwischen 400 und 800 – zu erwarten. Das halte ich für realistisch.

Prof. Markus Scholz (Quelle: Universität Leipzig)Prof. Markus Scholz (Quelle: Universität Leipzig)Prof. Dr. Markus Scholz leitet am Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie (IMISE) der Universität Leipzig eine Arbeitsgruppe zur Genetischen Statistik und Systembiologie. Seine Arbeitsgruppe untersucht aktuell auch die Corona-Pandemie.

Immer mehr Menschen sind geimpft, vor allem die Risikogruppen. Die Argumentation ist jetzt ja: Die Inzidenz spielt nicht mehr so eine wichtige Rolle, weil sie nicht mehr unmittelbar mit der Anzahl schwerer oder gar tödlicher Verläufe im Zusammenhang steht. Welche Rolle spielt die Inzidenz in der Phase?

Richtig ist: Die Inzidenz sagt in dieser Phase der Pandemiebekämpfung etwas anderes aus als zuvor. Wir haben jetzt die Risikogruppen weitgehend geschützt. Wobei man überlegen sollte, Hochgefährdete wie Alte und Immungeschwächte mit einer dritten Impfung zusätzlich zu schützen. Die hohen Inzidenzen, die zu erwarten sind, sind dann auf Infektionen hauptsächlich unter den Jüngeren zurückzuführen. Aber selbst wenn diese in der Regel nicht schwer erkranken, wissen wir nicht, welche Inzidenz wir uns erlauben können.

Denn auch Jüngere können schwer erkranken?

Ja, wenn auch deutlich seltener. Und einen anderen Aspekt sollte man auch nicht aus den Augen verlieren: Über Long-Covid ist bislang noch zu wenig bekannt. Es gibt keine systematischen Untersuchungen und keiner kann bislang die Frage beantworten: Wie "long" ist denn Long-Covid? Unter diesem Aspekt ist eine Durchseuchungsstrategie wie sie etwa in Großbritannien jetzt praktiziert wird, hochriskant.

Ungeschützt bleiben die Kinder ...

Long-Covid taucht auch bei Kindern auf, die meist nur asymptomatisch oder nur mit milden Symptomen erkranken. Wenn wir ihnen aber keine Impfung anbieten können, ist die Gefahr groß, dass es zu vermehrten Long-Covid-Erkrankungen bei ihnen kommt. Selbst wenn wir bislang noch keine Zahlen über die Häufigkeit haben: Schon ein oder auch ein halbes Prozent Betroffener wäre zu hoch. Im Blick behalten sollte man zudem die pädiatrischen Kliniken und ihre Auslastung, falls im Zuge der vierten Welle viele Kinder erkranken sollten.

Es gibt Forderungen, die Lage nicht mehr nach der Inzidenz, sondern nach der Auslastung der Intensivbetten zu beurteilen. Was halten Sie davon?

Die Auslastung der Intensivbetten als Kriterium für die Verschärfung von Maßnahmen heranzuziehen, ist nicht zielführend. Wenn wir wirklich eine Zunahme der Belegung auf den Intensivstationen sehen, ist es eigentlich schon zu spät. Aufgrund des exponentiellen Wachstums droht dann schnell eine Überlastung. Wichtiger wäre, die Belegung der Krankenhausbetten mit Covid-Patienten zu überwachen, weil ja schwere Fälle dann auch schnell auf die Intensivstation verlegt werden müssen.

Jens Spahn sagte neulich in Bezug auf die Inzidenzwerte, 200 sei das neue 50. Was meint er denn damit?

Das muss so verstanden werden, dass Maßnahmen zur Viruseindämmung nicht mehr bei 50 Infizierten pro 100.000 Einwohner über sieben Tage getroffen werden, sondern erst bei 200. Beides sind willkürliche Zahlen.

Aber schon bei einer 50er-Inzidenz waren ja die Gesundheitsämter teilweise schon überfordert ...

Ja, die 50er-Marke wurde ja eingeführt, um eine Kontaktnachverfolgung der Gesundheitsämter zu gewährleisten und selbst bei diesem Richtwert waren die Ämter schon überfordert. Wir erinnern uns: Die Anweisung in Quarantäne zu gehen, weil man Kontaktperson eines Infizierten war, kam häufig erst Tage nach dem Test. Damit konnten diese Menschen möglicherweise andere infizieren. Nun soll eine Kontaktnachverfolgung von 200 Infizierten möglich sein. Ich habe dafür plädiert, die Zeit der noch niedrigen Inzidenzen zu nutzen, die Gesundheitsämter digital besser auszurüsten.

Schnelltest auf Corona: Auch für Geimpfte könnte er beibehalten werden. (Quelle: dpa/picture alliance / ANE / Eurokinissi | Giannis Panagopoulos)Schnelltest auf Corona: Auch für Geimpfte könnte er beibehalten werden. (Quelle: picture alliance / ANE / Eurokinissi | Giannis Panagopoulos/dpa)

Ist es sinnvoll, auch Geimpfte zu testen?

Ja, die Impfung schützt zu 90 Prozent vor einem schweren Krankheitsverlauf, aber nur zu 60 bis 80 Prozent vor einer Infektion. Damit können Geimpfte auch Virusüberträger sein. Das heißt auch: Je mehr Durchseuchung zugelassen wird, desto mehr werden auch geimpfte Personen und damit Risikogruppen betroffen sein. 

Was gilt für Ungeimpfte – Kommt es wegen ihnen eventuell zu einem neuen Lockdown?

Für Ungeimpfte kommt im Herbst die vierte Welle, daran ist nicht zu zweifeln. Delta wird da zuschlagen. Ich denke aber, einen erneuten Lockdown wird es im Herbst nicht geben, das wäre auch rechtlich schwer durchzusetzen angesichts der Impfquoten zum Beispiel. Die Maßnahmenakzeptanz in der Bevölkerung ist auch ausgereizt.

Was kann getan werden, um möglichst viele zu schützen?

Die Maßnahmen wie Maskenpflicht in geschlossenen Räumen oder im ÖPNV und die Schnelltest-Strategie sollten unbedingt erhalten bleiben. Wir müssen uns klarmachen: Nicht die Impfungen haben die dritte Welle gestoppt, sondern die breite Verfügbarkeit von Schnelltests. Diese Infrastruktur sollte beibehalten werden, um sie im Herbst wieder reaktivieren zu können. In den Schulen wurden etwa die Hälfte der Infektionen bei Kindern mittels Schnelltests erkannt, so kann verhindert werden, dass Klassenzimmer zu Superspreading-Events werden.

Schulen sind der Knackpunkt im Herbst. Für Kinder bis zwölf Jahren ist bislang keine Impfung zugelassen und für Ältere wird sie von der Ständigen Impfkommission nicht empfohlen. Damit könnten die Kinder aber vermehrt zu Virusüberträgern werden...

Wir müssen uns klarmachen: Infizierte Kinder können das Virus dann auch wieder in die Risikogruppen tragen, die vielleicht noch keine gute Immunantwort auf die Impfung gebildet haben. Dann sehen wir vermehrt Impfdurchbrüche.

Wie können die Schüler geschützt werden?

Wir müssen Luftfilteranlagen in die Schulen bringen, denn wir wollen ja wieder Präsenzunterricht stattfinden lassen. Wenn wir die Kinder nicht impfen und sie sonst nicht schützen können, läuft dies auf eine Durchseuchung der Generation hinaus. Denn klar ist: In geschlossenen Räumen ist eine Virusübertragung mit der Delta-Variante hochwahrscheinlich. Das gilt zum Beispiel auch in Haushalten.

Was halten Sie von einer Impfpflicht für Lehrer oder Erzieher?

Man sollte schon Sorge tragen, dass die Kontaktpersonen von Kindern wie Eltern, Lehrer oder Erzieher geimpft sind. Eine mögliche Impfpflicht für diese Bevölkerungsgruppe wie auch für das Gesundheitspersonal ist eine politische Entscheidung. Aus epidemiologischer Sicht wäre sie sinnvoll, um die Gruppen zu schützen, die bislang nicht geimpft werden können und auch die Menschen – etwa in Altenheimen oder Krankenhäusern –, die keinen ausreichenden Impfschutz aufbauen konnten.  

Herr Scholz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Verwendete Quellen:
  • Interview mit Markus Scholz 
  • Eigene Recherche

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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