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Was ist dran an der "Pandemie der Ungeimpften"?

dpa, David Hutzler

Aktualisiert am 20.11.2021Lesedauer: 4 Min.
Gegner der Corona-Maßnahmen: In den meisten Ländern gelten nun weitreichende 2G-Regelungen. (Symbolbild)
Gegner der Corona-Maßnahmen: In den meisten Ländern gelten nun weitreichende 2G-Regelungen. (Symbolbild) (Quelle: photonews.at/imago-images-bilder)
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Die Corona-Infektionszahlen steigen und steigen – und nach aktuellen Daten nicht mehr nur bei Ungeimpften. Woran liegt das? Und vor allem: Welche Folgen hat das auch für Menschen mit Impfschutz?

Die Corona-Zahlen explodieren, die Intensivstationen füllen sich mit Patienten – und der Großteil der Menschen, die dort landen, ist ungeimpft. Politiker und Mediziner sprachen daher zuletzt öfter von einer "Pandemie der Ungeimpften".


Corona-Impfstoffe im Vergleich: Wie wirksam sind sie?

In der EU zugelassen sind bislang vier Präparate: die Corona-Impfstoffe von Biontech /Pfizer, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson. Doch wie wirksam sind die Mittel im Vergleich?
Astrazeneca: Nach Herstellerangaben schützt der Impfstoff zu 76 Prozent vor einer Corona-Infektion mit Symptomen. Gegen schwere Covid-Erkrankungen sei der Impfstoff zu 100 Prozent wirksam, erklärte das Unternehmen.
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2G-Regeln wurden in einigen Ländern eingeführt. Damit haben vielerorts nur noch Geimpfte oder Genesene Zutritt zu Veranstaltungen oder Gastronomie. Doch trägt die Annahme überhaupt noch, dass ein Ausschluss Ungeimpfter aus einigen Bereichen ausreicht, um die Situation einzufangen?

"Intensivstationen sind der Flaschenhals"

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In einem sind sich viele Wissenschaftler, Intensivmediziner und auch das Robert Koch-Institut (RKI) einig: Die Corona-Impfung schützt effektiv vor schweren Verläufen oder Tod. "Viele schwere Erkrankungen und Todesfälle hätten verhindert werden können, wenn die Zielgruppen früher und vollständiger geimpft worden wären."

Das sagt etwa der Braunschweiger Epidemiologe Gérard Krause. Auch der Infektiologe Mathias Pletz vom Uniklinikum Jena betont: "Das Hauptproblem sind nach wie vor die schwer erkrankten Ungeimpften, denn der Flaschenhals, das sind die Intensivstationen."

Streeck: Auch Geimpfte sind Teil der Pandemie

Viele Experten machen aber auch klar: Wer geimpft ist, kann trotzdem zum Pandemiegeschehen beitragen. "Es ist in diesem Herbst und Winter trügerisch zu glauben, dass ein Geimpfter sich nicht infizieren kann und das Virus nicht an seine Großmutter weitergeben kann, die vielleicht noch keine Booster-Impfung bekommen hat."

Das sagt etwa der Bonner Virologe Hendrik Streeck. Auch wenn es am Anfang vielleicht so ausgesehen habe, aber der Begriff "Pandemie der Ungeimpften" sei nie richtig gewesen. Alle Menschen seien Teil dieser Pandemie.

Drosten: Keine "Pandemie der Ungeimpften"

Auch der Virologe Christian Drosten sagte jüngst der "Zeit", er finde es falsch, wenn derzeit von einer "Pandemie der Ungeimpften" gesprochen werde. "Wir haben eine Pandemie, zu der alle beitragen – auch die Geimpften, wenn auch etwas weniger", erklärte der Leiter der Virologie an der Berliner Charité. "Die Delta-Variante hat leider die Eigenschaft, sich trotz der Impfung zu verbreiten."

Die Delta-Variante hat viele Annahmen über die Impfung über den Haufen geworfen. Im Frühjahr 2021 habe man gesehen, dass es durch die Impfung einen Schutz vor dem schweren Verlauf gab, erklärt Streeck. Und auch, dass es einen Schutz vor einer Infektion gab. Erst später seien dann weitere Daten hinzugekommen.

"Daher wurde da nicht falsch kommuniziert, sondern das Wissen hat sich mit der Zeit einfach verändert." Drosten machte zudem klar, dass sich die Delta-Variante trotz Impfung verbreiten könne. Der Verbreitungsschutz lasse bei der Delta-Variante schon zwei bis drei Monate nach der Impfung nach.

Anteil Geimpfter an Corona-Fällen steigt

Zugleich ist der Anteil vollständig Geimpfter an den Corona-Fällen mit Symptomen in den letzten Wochen deutlich gestiegen, wie aus dem Wochenbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) hervorgeht. Bei den Menschen ab 60 Jahren, also der Altersgruppe, die relativ früh mit dem Impfen an der Reihe war, lag der Anteil in den vergangenen Wochen (11.10. bis 7.11.) sogar bei über 60 Prozent.

Die Zahl kann aber leicht zu Missverständnissen führen, denn es gibt in dieser Altersgruppe überhaupt nur noch wenige Ungeimpfte. So sind laut RKI nur rund 13 Prozent der Menschen ab 60 nicht vollständig geimpft.

Geimpfte mit viel niedrigerem Infektionsrisiko

Dass Geimpfte zwar erkranken können, sie aber dennoch ein sehr viel niedrigeres Risiko haben, zeigt auch der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, in einem Tweet in zwei Grafiken.

Ungeimpfte Menschen ab 60 Jahren haben demnach eine drei- bis viermal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Covid-Infektion mit Symptomen als Geimpfte in diesem Alter. Das Risiko für Ungeimpfte dieses Alters in eine Klinik zu kommen, ist sogar siebenmal höher.

"Keine Impfdurchbrüche, wo niemand geimpft ist"

Sehr eindrücklich erklärt die Epidemiologin Berit Lange vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung die derzeitige Entwicklung. Sie löste in der "Braunschweiger Zeitung" das vermeintliche Paradox der steigenden Zahl von Impfdurchbrüchen angesichts einer steigenden Impfquote so auf: "Keine Impfdurchbrüche gibt es nur dort, wo niemand geimpft ist", sagt sie.

"Wenn umgekehrt 100 Prozent der Menschen geimpft wären, dann müssten auch 100 Prozent der Corona-Fälle auf den Intensivstationen Impfdurchbrüche sein. Das Entscheidende ist: Es wären dann absolut viel weniger Fälle als jetzt."

Experten raten zu schnellen Booster-Impfungen

Angesichts der insgesamt steigenden Infektionszahlen mahnen Experten besonders für ältere Menschen rasche Auffrischungsimpfungen und das Schließen von Impflücken an, um die vierte Welle zu brechen.

Auch die Wiedereinführung von Kontaktbeschränkungen könnte aus Sicht mehrerer Experten dazu beitragen, die Welle zu brechen. "Wir werden nicht darum herumkommen, dass wir in gewisser Weise wieder Kontaktbeschränkungen haben werden und dass man Großveranstaltungen in dieser Form vielleicht nicht mehr durchführen kann – oder wenn, dann nur unter strengen Auflagen", sagt etwa Streeck.

Drosten betonte: "Mangels Alternativen wird man wegen der Ungeimpften wieder in kontakteinschränkende Maßnahmen gehen müssen." Ob das rechtlich haltbar ist, wisse er nicht. Übrig bleibe dann ein 2G-Modell, also ein Lockdown für Ungeimpfte. "Ob das noch im November die Inzidenz senkt – ich habe da meine Zweifel."

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Laura Stresing, Cem Özer, Sandra Simonsen
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