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Wie gut schützt Biontech? Das Virus hat sein Genom geändert – nicht sein Verhalten

Omikron breitet sich aus  

So schnell lässt der Impfschutz nach

Von Melanie Rannow und Sandra Simonsen

10.12.2021, 14:25 Uhr
Wie gut schützt Biontech? Das Virus hat sein Genom geändert – nicht sein Verhalten. 3D-Darstellung des Coronavirus: Mit dem Aufkommen der neuen Varianten sinkt offenbar die Schutzwirkung der gängigen Impfstoffe. (Quelle: imago images)

3D-Darstellung des Coronavirus: Mit dem Aufkommen der neuen Varianten sinkt offenbar die Schutzwirkung der gängigen Impfstoffe. (Quelle: imago images)

Mittlerweile ist klar, dass erst die Booster-Impfung ausreichend Schutz gegen eine Infektion bietet. Doch das gilt womöglich nur für die Delta-Variante, nicht aber für Omikron. Was bedeutet das?

Inzwischen rollt neben der vierten Corona-Welle auch die Booster-Welle in Deutschland: Mindestens 16,6 Millionen Menschen, also 20 Prozent der Gesamtbevölkerung, haben bereits eine Auffrischungsimpfung erhalten (Stand 9. Dezember 2021). Und die Nachfrage steigt.

Empfohlen wird der Booster mittlerweile allen Geimpften – und inzwischen ist auch klar, dass die zunächst vorgeschriebenen sechs Monate nicht zwingend eingehalten werden müssen. Angesichts der sich ausbreitenden neuen Omikron-Variante könnte nun ohnehin eine ganz neue Herangehensweise nötig werden.

Biontech-Chef Uğur Şahin sagte in einem Interview mit dem Spiegel: "Wenn sich Omikron, wie es aussieht, weiter ausbreitet, wäre es wissenschaftlich sinnvoll, bereits nach drei Monaten einen Booster anzubieten", so Şahin. Eine Doppelimpfung biete gegen Omikron keinen ausreichenden Schutz.

Wann das Risiko einer Infektion mit Delta nach vollständiger Impfung steigt

Eine Untersuchung aus Israel hat bereits vor der Ausbreitung von Omikron ergeben, dass die Schutzwirkung nach der Zweitimpfung mit Biontech/Pfizer offenbar früher schwindet als gedacht – zumindest bei einigen Geimpften. Das Risiko einer Corona-Infektion steigt demnach bereits ab 90 Tagen nach Erhalt der zweiten Dosis allmählich an. Das bestätigen die Forscher im englischsprachigen Fachblatt "The BMJ".

Für ihre Analyse wurden Daten von mehr als 80.000 Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren ausgewertet. Mindestens drei Wochen nach ihrer Zweitimpfung mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer wurde bei ihnen ein PCR-Test durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass der Anteil der Impfdurchbrüche mit positivem Ergebnis mit der Zeit zunahm.

21 bis 89 Tage nach der Zweitdosis wurden 1,3 Prozent der Teilnehmer positiv getestet, 90 bis 119 Tage nach der zweiten Dosis waren es schon 2,4 Prozent. In den darauffolgenden Zeiträumen stieg der Anteil auf 4,6 Prozent (120 bis 149 Tage), 10,3 Prozent (150 bis 179 Tage) und 15,5 Prozent (mehr als 180 Tage).

Das Infektionsrisiko war damit im Vergleich zu den ersten 90 Tagen nach der Zweitimpfung über alle Altersgruppen hinweg nach 90 bis 119 Tagen auf mehr als das Doppelte angestiegen. In den späteren Zeiträumen stieg es sogar bis auf fast das Dreifache an.

Wichtig: Die Werte gelten nur für den Impfstoff von Biontech. Es ist jedoch laut "Ärzteblatt" anzunehmen, dass sie für den mRNA-Impfstoff von Moderna und die vektorbasierten Impfstoffe ähnlich sind.

Dritte Welle in Israel vor allem durch Impfdurchbrüche

Diese Zahlen zeigen, wie es trotz einer hohen Impfquote zu der erneuten Erkrankungswelle in Israel kommen konnte. Das Land war im Dezember 2020 eines der ersten Länder, das seine Bevölkerung gegen Covid-19 impfte und schien lange vor weiteren Corona-Wellen geschützt.

Doch im Juli 2021 stiegen die Infektionszahlen wieder rasch an. Getragen wurde die dritte Welle vor allem durch zahlreiche Impfdurchbrüche. Denn nach einer vollständigen Impfung – so zeigt es die Studie – kann die Schutzwirkung schneller sinken als gedacht. Die Studienautoren kamen zu dem relativ vorsichtigen Schluss, "dass eine dritte Impfstoffdosis in Betracht gezogen werden sollte".

Früheres Boostern könnte sinnvoll sein

Einen Zeitpunkt für den Booster nannten sie aber nicht, zumal die Studie nur die Ansteckung mit dem Virus untersucht habe, nicht aber Auswirkungen auf schwere Verläufe und Sterblichkeit. Dass eine Auffrischungsimpfung den Schutz vor Covid-19 deutlich erhöht, gilt aber als bewiesen.

So konnten ebenfalls Wissenschaftler aus Israel erste Effekte der Booster sieben bis zwölf Tage nach der Drittimpfung feststellen. Dann zeigten sich wieder mehr neutralisierende Antikörper im Blut der Probanden. Doch diese Antikörper können nur bedingt Auskunft über den Immunschutz geben. Es ist daher noch offen, wann der Impfschutz nach der Booster-Impfung wieder sein Maximum erreicht.

Auswirkungen der Omikron-Variante auf den Impfschutz

Auch, wenn die Omikron-Variante bisher nur vereinzelt Fälle in Deutschland ausgelöst hat, erklärte der Pharmazie-Professor Thorsten Lehr am 9. Dezember in einem Interview mit der ARD, dass die deutlich ansteckendere Variante bereits bis Jahresende zur vorherrschenden Mutante in Deutschland werden könnte. 

In Südafrika treibt Omikron bereits die Infektionszahlen in die Höhe. Im nationalen Epizentrum des Infektionsgeschehens – dem Großraum um Johannesburg und Pretoria (Gauteng-Provinz) – seien die Fallzahlen im Wochenvergleich um 400 Prozent gestiegen, teilte am Freitag Gesundheitsminister Joe Phaahla mit. Tests zeigten, dass hinter rund 70 Prozent der Fälle die Omikron-Variante steckte. 

Angesichts der raschen Ausbreitung dieser Variante fordert auch der Virologe Christian Drosten jetzt schnelle Auffrischungsimpfungen. "Jeder, der kann, soll sich jetzt sofort boostern lassen", sagt er in der ARD. Es gebe ein großes Problem mit der Impfquote, gerade bei den über 60-Jährigen gebe es eine große Impflücke.

Drosten wies darauf hin, dass die Immunität der Geimpften bei Omikron zwar deutlich schwächer als bei anderen Varianten reagiert. Trotzdem seien die Krankheitsverläufe bei Geimpften oder Genesenen nach Beobachtungen aus Südafrika weniger gefährlich als bei Ungeimpften.

Wie ansteckend Omikron ist, zeigen auch neue Fälle aus Südafrika: Wie der "Tagesspiegel" berichtet, hat sich eine Gruppe von sieben Deutschen zwischen 25 und 39 Jahren in Südafrika mit Omikron infiziert – obwohl sie alle bereits geboostert waren. "Durchbruchsinfektionen sehen wir gerade sehr viele. Was wir nicht wussten ist, dass auch eine Booster-Impfung mit Biontech/Pfizer das nicht verhindert", erklärte Wolfgang Preiser gegenüber dem Tagesspiegel. Er ist Mitglied des Forschungskonsortiums, das die neue Variante entdeckt hatte.

Durchbruchsinfektionen: Warum die Impfung trotzdem schützt

Diese Infektionen sind die ersten berichteten Durchbruchsinfektionen mit der Omikron-Variante bei Personen, die bereits ihre Auffrischungsimpfungen erhalten haben. "Das darf man natürlich nicht falsch verstehen, dass die Impfung nicht helfe. Im Gegenteil: Das zeigt nur, dass auch die bestmögliche Impfung offensichtlich nicht ausreicht, um eine Infektion zu verhindern – was wir ja schon geahnt haben", erklärt Preiser weiter. Positiv zu bewerten ist zudem, dass alle Infizierten nur milde Symptome wie Hals- und Kopfschmerzen, Müdigkeit oder trockenen Husten bekommen haben. 

Das bestätigen auch Wissenschaftler aus Südafrika. So scheinen sich nach Ansicht der Wissenschaftlerin Glenda Gray sowie ihrer Kollegin Michelle Groome vom Nationalen Institut für übertragbare Krankheiten NICD erste Beobachtungen von eher milden Krankheitsverläufen und kürzeren Krankenhausaufenthalten zu bestätigen.

Impfungen schützen wohl vor schweren Omikron-Erkrankungen

Forschungen des südafrikanischen Professors Alex Sigal zeigten zudem, dass Omikron zwar den Impfschutz reduziert, der aber je nach Zahl der entwickelten Antikörper eine Wirksamkeit von bis zu 70 Prozent habe. "Wir sehen keinen Grund zu glauben, dass Impfungen nicht vor schweren Omikron-Erkrankungen schützt", sagte er.

Sigal gilt mit seinem Team vom Afrikanischen Gesundheits-Forschungsinstitut AHRI als weltweit erster Wissenschaftler, der das Virus künstlich gezüchtet hat. Dabei stand die Forschung nach dem Schutz durch Antikörper im Vordergrund. "Das Virus nutzt die gleichen Rezeptoren wie die anderen Varianten", sagte er. Zwar habe es seine DNA geändert, aber kaum sein Verhalten.

Auch Krankenhausmanager bestätigten aufgrund ihrer Beobachtungen diese Erkenntnisse, wiesen aber auch darauf hin, dass es für wissenschaftlich fundierte Schlüsse noch zu früh sei. Das Land befindet sich in einer von der Omikron-Variante getriebenen vierten Infektionswellen und hat gerade Booster-Impfungen erlaubt. Laut der Afrikanischen Union haben mittlerweile elf Länder auf Europas Nachbarkontinent Omikron-Infizierungen nachgewiesen.

Aber: Auch Biontech-Chef Şahin rechnet damit, dass auch der Booster irgendwann seine Wirkung verliert. Daher werde eine vierte Impfung in relativ kurzem Zeitabstand nötig. "Die vierte Impfung könnte aber auch ein an eine Omikron-Variante angepasster Impfstoff sein". Biontech und Moderna arbeiten bereits an der Anpassung ihrer Vakzine. Biontech geht davon aus, ein angepasstes Vakzin bis Ende März auf den Markt bringen zu können. 

Verwendete Quellen:

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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