Interview
Unsere Interview-Regel

Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"Wir sehen eine schweigende Kapitulation vor dem Virus"

Von Christiane Braunsdorf

Aktualisiert am 27.01.2022Lesedauer: 6 Min.
Soziales Verhalten: Weiterhin gilt es, andere und sich selbst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu sch√ľtzen. (Symbolbild)
Soziales Verhalten: Weiterhin gilt es, andere und sich selbst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu sch√ľtzen. (Symbolbild) (Quelle: franckreporter/getty-images-bilder)
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Schleichend √§ndert die Regierung ihren Kurs im Umgang mit dem Coronavirus. Wohin f√ľhrt das? Und warum wird dieser Strategiewechsel nicht klar benannt? Ein Experte gibt seine Einsch√§tzung ab.

Heute vor zwei Jahren wurde der erste Corona-Fall in Deutschland nachgewiesen. Vieles, was seitdem als ultimatives Mittel zur Viruseindämmung galt, wird unter der sehr viel ansteckenderen Omikron-Variante weitgehend aufgegeben. t-online fragte den Immunologen Andreas Radbruch nach seiner Einschätzung: Hat uns Corona doch besiegt?


Omikron-Symptome: Das sind die ersten Anzeichen

M√ľdigkeit: Omikron-Infizierte berichten auch √ľber Ersch√∂pfung und starke M√ľdigkeit.
Halskratzen: Zu den häufigsten Omikron-Symptomen gehören auch Halsschmerzen.
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t-online: Herr Radbruch, die Kontaktnachverfolgung wird weitgehend aufgegeben. PCR-Tests gibt es nur noch f√ľr die vulnerablen Gruppen. Was sehen wir hier gerade? Das ist ein Strategiewechsel, oder?

Andreas Radbruch: Letztlich sehen wir eine schweigende Kapitulation vor dem Virus, einen R√ľckzug. Wenn wir uns ansehen, dass wir vor einem Jahr noch mit Strategiepapieren konfrontiert wurden, in denen es um Grenzwerte f√ľr Inzidenzen von 10, 35 oder 50 ging, sind wir heute bei Inzidenzen von √ľber 1.000. Offenbar hat ein interner Strategiewechsel stattgefunden, der aber so nicht kommuniziert wird. Wie so oft wird das, um was es wirklich geht, gar nicht mitgeteilt.

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Es wird nicht gesagt, dass es letztlich immer um die Ungeimpften geht?

Ja, sie sind der Dreh- und Angelpunkt. Alles, was wir den Impfwilligen zumuten, ist zum Schutz derjenigen, die die Impfung verweigern oder nicht geimpft werden können.

Andreas Radbruch
Andreas Radbruch (Quelle: Gero Breloer)


Dr. Andreas Radbruch ist Immunologe und Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin.

Rein wissenschaftlich: Wie haltbar ist es, dass der Bundestag sich √ľber die RKI-Empfehlung hinwegsetzt, dass Genesene drei Monate als gesch√ľtzt gelten, und die Frist auf sechs Monate hochsetzt?

Die K√ľrzung des "Genesenenstatus" auf drei Monate war ein Paradebeispiel katastrophaler Kommunikation: Das eigentliche Ziel wurde nicht klar kommuniziert, es geht um die Senkung der Omikron-Last. Nat√ľrlich bleiben die Genesenen weiter "genesen". Aber sie als "nicht mehr immun" einzustufen, geht gar nicht.

Rein wissenschaftlich ist es so: Wir wissen, dass Genesene eine sehr lange Immunit√§t bekommen. Man kann das im Knochenmark nachweisen. Dort sitzen die Zellen, die die Antik√∂rper produzieren, die vor einem schweren Krankheitsverlauf sch√ľtzen, auch wenn das Virus l√§ngst verschwunden ist. Und die sind bei SARS-CoV-2 ‚Äď nach amerikanischen Studien aus dem Sommer letzten Jahres, ver√∂ffentlicht in der renommierten Zeitschrift "Nature" ‚Äď nach sechs Monaten nachweisbar und in gleicher Zahl auch nach elf Monaten. Ein untr√ľgliches Zeichen von langanhaltendem Schutz vor schwerer Erkrankung durch Antik√∂rper.

Sie sind ungef√§hr so zahlreich wie Zellen, die Antik√∂rper gegen Tetanus produzieren. Eine stabile Immunit√§t: Das Virus kann im K√∂rper keinen gro√üen Schaden mehr anrichten, es wird im Blut abgefangen. Inzwischen ist das durch die gleiche Arbeitsgruppe √ľbrigens auch f√ľr Geimpfte nachgewiesen.

Aber was steckt dann hinter der RKI-Aussage, Genesene m√ľssen sich jetzt nach drei Monaten nachimpfen lassen?

Wie so oft geht es hier um die Ungeimpften. Es ist der Versuch, die allgemeine Viruslast in der Bevölkerung zu senken, auch in der Omikron-Welle. Denn wir wissen ja auch: Genesene können sich trotzdem relativ leicht mit der Omikron-Variante anstecken, sich infizieren, und dann vermutlich das Virus auch weitergeben.

Durch die Impfung Genesener wird diese Wahrscheinlichkeit signifikant niedriger, zumindest f√ľr eine gewisse Zeit. Man muss es klar sagen: Die Infektion und die Impfstoffe sch√ľtzen nach einiger Zeit nicht mehr sehr gut vor Ansteckung, aber sie verhindern √ľber lange Zeitr√§ume eine schwere Erkrankung.

mRNA-Impfstoffe: Sie sch√ľtzen weiter zuverl√§ssig vor schweren Krankheitsverl√§ufen.
mRNA-Impfstoffe: Sie sch√ľtzen weiter zuverl√§ssig vor schweren Krankheitsverl√§ufen. (Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Dinendra Haria/dpa-bilder)

Das heißt aber nicht, dass die Impfungen nichts taugen?

Nein, auf keinen Fall. Die Frage ist, was man durch die Impfung erreichen will. Einen dauerhaften Schutz vor Infektion werden wir wohl nicht f√ľr alle erreichen, aber wir verhindern eine √úberlastung des Gesundheitssystems und insbesondere Todesf√§lle. Schutz vor Infektion und Schutz vor schweren Krankheitsverl√§ufen sind eben nicht dasselbe. Warum √ľbrigens der Schutz der Schleimh√§ute der Atemwege nicht so langfristig ist, ist eine ungekl√§rte Frage der Wissenschaft, daran arbeiten wir und auch andere.

Also auch unter Omikron sind unsere Impfstoffe wirksam, was die Vermeidung von schweren Krankheitsverläufen angeht?

Ja. Die Impfstoffe stimulieren unser Immunsystem, und die Reaktion ist ein echtes Feuerwerk. Unsere Abwehr schickt Antikörper ins Rennen, die die Viren binden und verklumpen. Fresszellen schalten sie dann aus.

Andere Zellen des Immunsystems t√∂ten gezielt die Zellen ab, in denen sich das Virus gerade vermehrt. Und dann gibt es noch die Antik√∂rper, die verhindern, dass die Viren sich √ľberhaupt an unsere Zellen binden k√∂nnen.

Diese konzertierte Immunreaktion sch√ľtzt uns vor einer schweren Erkrankung. Aber nur die Antik√∂rper, die verhindern, dass das Virus an unsere Zellen binden kann, sch√ľtzen uns vor einer Infektion als solcher. Und dazu m√ľssen sie aus dem Blut in die Schleimh√§ute der Atemwege transportiert werden, und das k√∂nnen nur bestimmte Antik√∂rper.

Nun verwundert es, dass Daten aus Israel zeigen, dass die vierte Impfung eigentlich nicht sehr wirksam ist. Der Staat empfiehlt sie dennoch.

Was hinter der Empfehlung steht, kann ich nicht beurteilen. Fest steht: Die vierte Impfung erh√∂ht die Zahl der Antik√∂rper nur gering, etwa um das F√ľnffache. Und dieser Anstieg verschwindet dann schnell wieder. Und das wissen wir als Immunologen seit vielen Jahren aus der Erfahrung mit vielen Impfstoffen: Das Immunsystem passt sich der dauernden Boosterei an und reagiert am Ende gar nicht mehr.

Wenn man immer wieder mit dem gleichen Impfstoff in der gleichen Dosis nachimpft, wird bald nichts mehr passieren. Die neuen Impfstoffe sind prima, da passiert schon beim vierten Mal nicht mehr viel, und ich sage mal voraus: Beim f√ľnften Mal passiert nichts mehr. Das hei√üt, dass unser immunologisches Ged√§chtnis schon nach dreimaliger Impfung mit den mRNA Impfstoffen "ges√§ttigt" ist. Prima!

Was w√ľrde ein Omikron-Impfstoff bringen?

Man kann einem Virus nicht hinterherimpfen. Fest steht: Omikron wird nicht die letzte Variante sein, mit der wir es zu tun haben und wir sollten besser abwarten, wie es im kommenden Winter aussieht. Eine Impfung mit einem auf Omikron modifizierten Impfstoff macht dann keinen Sinn, wenn die Omikron-Welle eigentlich vorbei ist. Eher in den Ländern, denen die Omikron-Welle noch bevorsteht.

Nun warnen ja Ihre Kollegen immer wieder vor neuen, gef√§hrlicheren Varianten. Lauterbach trifft Vorkehrungen f√ľr noch verheerendere Viren. Christian Drosten warnt vor einer Paarung der Delta- und der Omikron-Variante. Was ist Ihre Einsch√§tzung?

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Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum diese plakativen Katastrophen-Szenarien jetzt ausgepackt werden. Alles m√∂glich, aber man kann das alles auch optimistischer sehen. Die Impfungen bieten eine gute Grundimmunit√§t. Sie sch√ľtzen nicht so langfristig vor Infektion. Aber sie verhindern sehr gut einen schweren Krankheitsverlauf bei Infektionen mit den bisher bekannten Varianten.

Wir nennen das eine "breite" Immunit√§t, die uns auch vor vielen Varianten sch√ľtzen sollte, die es noch gar nicht gibt. Nat√ľrlich ist es immer m√∂glich, dass eine Variante auftaucht, die einen speziellen Trick gefunden hat, diese breite Immunit√§t auszuhebeln. Dann m√ľsste man mit einem angepassten Impfstoff impfen. Solche Impfstoffe lassen sich ja sehr schnell entwickeln, zu Beginn der Welle, √§hnlich wie das bei der Grippeimpfung seit Langem praktiziert wird.

Nun sind aber 16 Millionen Deutsche immer noch ungeimpft. Sind Sie f√ľr die allgemeine Impfpflicht?

Ich war lange daf√ľr, aber habe inzwischen meine Meinung ge√§ndert. Ich denke, es w√§re wichtig, wie diese Verpflichtung ausgestaltet ist. Spielt der Immunstatus eine Rolle, das Alter, wie viele Impfungen und welche Impfstoffe sind zugelassen?

Wer bestimmt das, wie wird wissenschaftliche Expertise eingebunden, ist das Ziel eine regionale, nationale oder europ√§ische L√∂sung? Wie ist es mit der Flexibilit√§t der Impfprotokolle und Kombinationsimpfungen? Sind die Impfintervalle lang genug, um dem Immunsystem genug Zeit zu geben, eine breite Immunit√§t durch Affinit√§tsreifung zu entwickeln. Werden Personen ausgenommen, von denen man wei√ü, dass sie nicht auf die Impfung reagieren, zum Beispiel Patienten mit Organtransplantaten, deren Immunsystem unterdr√ľckt werden muss?

Das sind alles noch ungel√∂ste Fragen. Hier haben mich einige der handelnden Akteure im letzten Jahr nicht √ľberzeugt. Zu inkompetent, zu dogmatisch, wissenschaftlich nicht solide informiert. Deshalb w√§re ich jetzt gegen eine allgemeine Impfpflicht.

Eine Impfpflicht dann vielleicht doch nur f√ľr die √Ąlteren?

Eine Impfpflicht f√ľr die √ľber 60-J√§hrigen w√§re vielleicht ein Mittelweg. Denn um die etwa drei Millionen Menschen dieser Altersgruppe, die noch nicht geimpft sind, geht es im Kern. Eine Dreifach-Impfung mit mRNA- Impfstoffen oder Kombinationsimpfungen mit anderen Impfstoffen zum Erreichen einer "breiten" Immunit√§t w√§re ein gro√üer Schritt, um die schweren Erkrankungen und Todesf√§lle in dieser empfindlichen Altersgruppe entscheidend zu senken.

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Herr Radbruch, wir danken Ihnen f√ľr dieses Gespr√§ch!

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte √Ąrzte. Die Inhalte von t-online k√∂nnen und d√ľrfen nicht verwendet werden, um eigenst√§ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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