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Dämmung: Wie Deutschlands Sanierungsstau den Ukraine-Krieg befeuert


Dämmen gegen Putin
Deshalb reicht es nicht, die Heizung runterzudrehen


Aktualisiert am 18.03.2022Lesedauer: 6 Min.
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Energie sparen durch Wärmedämmung: In Deutschland wird durch mangelnde Dämmung viel Wärme verschwendet – und dadurch oft große Mengen Gas.Vergrößern des Bildes
Energie sparen durch Wärmedämmung: In Deutschland wird durch mangelnde Dämmung viel Wärme verschwendet – und dadurch oft große Mengen Gas. (Quelle: McPHOTO/imago-images-bilder)

Mit einem Dreh am Thermostat soll die Bevölkerung ihren Gasverbrauch drücken – gegen den Kreml und für das Klima. Doch viele Gebäude sind unsanierte Energiefresser. Ihr Hunger nach Gas muss anders gestillt werden.

In sechs Wochen ist Schluss, zumindest offiziell: Am 30. April endet die Heizperiode in Deutschland. Doch bis es so weit ist, fließt weiter massenweise russisches Erdgas durch die Thermen privater Haushalte. Für die Bunderegierung ist das eine Zwickmühle.

Stoppt sie die Gasimporte aus Russland, könnten die Preise explodieren – eine warme Wohnung würde zum Luxusgut, falls es für Geringverdiener keine Hilfe vom Staat gibt. Bleiben die Pipelines offen, füllt jede Erdgas-Lieferung die russische Kriegskasse.

Als kurzfristiger Weg aus der Klemme gilt nun sparsames Heizen in Eigenregie. Das grundlegende Problem löst das jedoch nicht.

Der wichtigste Wärmelieferant bleibt Erdgas

In Deutschland fließen mehr als zwei Drittel des gesamten Energieverbrauchs privater Haushalte nur zu einem Zweck: für eine angenehme Raumtemperatur. Der Rest wird für warmes Wasser gebraucht. Die häufigste Energiequelle ist dabei noch immer Erdgas. Mehr als die Hälfte der Gebäude in der Bundesrepublik wird mit Gas geheizt.

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Mit ihrem Wunsch nach warmen Füßen verfeuert die Bevölkerung annähernd so viel Erdgas wie die gesamte Schwerindustrie des Landes. Der Aufruf einiger Politiker, angesichts der aktuellen Lage die Heizung runterzudrehen, um die Nachfrage nach russischem Gas zu senken, ist nicht sinnlos.

Schließlich senkt jedes Grad weniger den Energieverbrauch um 6 Prozent. Doch nicht die Verbraucher sind schuld an dem exzessiven Erdgasverbrauch der Deutschen, sondern die Politik: Die vergangenen Regierungen haben es verschlafen, die Gebäudesanierung im Land voranzutreiben.

Keine heimische Bikiniparty im Dezember und kein fröstelnder 80-Jähriger lässt die Nummern auf dem Gaszähler so konsequent in die Höhe schnellen wie ein schlecht isoliertes Gebäude. Was das eigene Heizverhalten vor allem beeinflusst, ist die Immobilie, in der man wohnt.

Denn wer in einem Gebäude lebt, das vor 1995 gebaut wurde, muss die Heizung deutlich früher und stärker aufdrehen, um die durchschnittliche Raumtemperatur von 22 Grad zu erreichen. Gleichzeitig muss die Heizung in schlecht isolierten Gebäuden auch im Frühjahr deutlich länger laufen als etwa bei sanierten oder gar Niedrigenergiehäusern. Das zeigen Daten von einigen Energieunternehmen.

Der Elefant im Raum sind Wohngebäude

Bisher war der Gebäudesektor der größte Bremsblock für den deutschen Klimaschutz – rund ein Drittel aller klimaschädlichen Treibhausgase fallen auf Immobilien zurück. Doch nun mutieren die Gebäude auch noch zur geopolitischen Fußfessel.

Wenn Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) oder Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) davon sprechen, wie abhängig Deutschland vom russischen Erdgas ist, bezieht sich das zu einem großen Teil auch auf die Wohnzimmer der Bundesrepublik. Kaum ein Politiker möchte riskieren, dass die Wähler frieren müssen – und blockiert auch in der mittlerweile vierten Kriegswoche ein mögliches Importembargo für Gas.

Denn zu groß ist die Sorge um den sozialen Frieden. Was würde es mit der Gesellschaft machen, wenn explodierende Gaspreise in ärmeren Haushalten zu kalten Heizkörpern führen?

Doch auch ohne Embargo werden die steigenden Kosten bereits für viele zur Belastung. So weit hätte es allerdings nicht kommen müssen.

Alte Bausubstanz und Sanierungsstau

Mehr als die Hälfte aller Wohngebäude in der Bundesrepublik sind älter als 50 Jahre, viele stammen aus der Nachkriegszeit. Wären sie energieeffizient saniert, müsste ihr Alter kein Nachteil sein.

Denn: Sanierte Gebäude verbrauchen laut der Deutschen Energieagentur bis zu 80 Prozent weniger als unsanierte Immobilien. Entsprechend nachgerüstet, könnten somit auch Altbauten recht sparsam und sauber sein. Doch die Betonung liegt auf "könnten".

Laut der BDI-Initiative "Energieeffiziente Gebäude" sind noch immer knapp zwei Drittel der Fassaden in Deutschland ungedämmt. Die Anlagentechnik ist sogar bei 70 Prozent der Gebäude veraltet.

Auch Neuvermietung oder Verkäufe scheinen daran wenig zu ändern: Ein Drittel aller Miet- und Eigentumswohnungen sowie 40 Prozent aller Ein- und Zweifamilienhäuser, die zwischen 2017 und 2020 auf Immobilienportalen angeboten wurden, erreichten nicht einmal einen mittleren Standard bei der Energieeffizienz, so eine Analyse des Kölner Immobilieninstituts F+B.

Im Zuge des Krieges schwört die Bundesregierung öffentlich den russischen Importen ab – auch wenn das Gas munter weiter nach Deutschland fließt – und versucht, mit dem Bau neuer Flüssiggasterminals langfristig Alternativen zu etablieren.

Dass man die Abhängigkeit von Russland aber nicht nur mit neuen Gaslieferanten, sondern auch mit Modernisierungen im eigenen Land deutlich verringern könnte, ist dagegen kaum ein Thema im öffentlichen Diskurs.

"Das ist ein Handlungsfeld, das bei vielen noch nicht angekommen ist", betonte Wirtschaftswissenschaftlerin Veronika Grimm zuletzt im Politikpodcast Lage der Nation. "Wir brauchen aktuell eigentlich eine massive Beschleunigung bei Energieeffizienzmaßnahmen", so die Expertin mit Blick auf Deutschlands Abhängigkeit vom russischen Erdgas.

Verschleppte Wende im Gebäudesektor

Aufholbedarf gibt es zur Genüge: Seit Jahren stagniert die Sanierungsrate in Deutschland bei knapp 1 Prozent. Das Ziel der Bundesregierung von 2008, den Wärmebedarf von Gebäuden bis 2020 um 20 Prozent zu senken, ist vor allem auch daran gescheitert.

Experten sind sich einig, dass die Quote mindestens verdoppelt werden müsste, um die Klimaziele zu erreichen. Davon würde nicht nur das Klima profitieren – auch in der Energiepolitik könnte Deutschland so souveräner werden.

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Energetische Sanierungen mit vierfachem Mehrwert

Dieses Ziel ist nicht unerreichbar: Klimafreundliche Sanierungen und der Austausch von Gasthermen gegen Wärmepumpen könnten europaweit schon bis 2030 ein Viertel aller russischen Erdgasimporte überflüssig machen. Das zeigt eine neue Studie der Denkfabrik Cambridge Econometrics im Auftrag der European Climate Foundation.

Neben Klima und Energiepolitik dürften auch Mieter und Eigentümer von solchen Modernisierungsmaßnahmen profitieren: Der Wert einer energetisch renovierten Immobilie steigt, die Mieten werden tendenziell günstiger.

Während viele Haushalte aktuell unter hohen Heizkosten ächzen, könnte sich die durchschnittliche Heizkostenrechnung von heute bis zum Jahr 2050 sogar halbieren, zeigt die Studie der Denkfabrik. Dafür müssten sich die Deutschen aber auch von den hierzulande weiterhin sehr beliebten Gasthermen verabschieden.

Wärmepumpen statt Heizen mit Gas

Nicht nur die lähmende Abhängigkeit vom russischen Gas sollte dabei ein Motivator sein, auch der schleppende Fortschritt beim Klimaschutz ist eine Mahnung.

2021 hat Deutschland sein Klimaziel verpasst – das zweite Mal in Folge, wie das Wirtschafts- und Klimaministerium am Dienstag bekannt gab. Hauptschuldige: Die Gebäude in der Bundesrepublik.

Der Chef des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, forderte daraufhin, die Sanierungsquote hochzufahren, den Einbau neuer Gasheizungen zu hemmen und stattdessen schnellstmöglich auf Wärmepumpen umzustellen.

Die Grünen versuchen bereits seit Jahresbeginn, das Thema auf die Agenda zu bringen. Damals kündigte Wirtschafts- und Klimaminister Habeck eine entsprechende Modernisierungsoffensive für den Bereich der Gebäudewärme an. Demnach soll jede neu eingebaute Heizung ab 2025 mindestens zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien laufen.

Bis 2030 solle die Hälfte der gesamten Wärmeerzeugung in Deutschland klimaneutral funktionieren. Und schon in acht Jahren sollen sechs Millionen Wärmepumpen Häuser und Wohnungen heizen. Zum Vergleich: In den vergangenen 20 Jahren wurden gerade einmal eine Million Wärmepumpen verbaut.

Sanierungswelle: Jetzt erst recht?

Frühestens für Ostern wurde ein entsprechendes Gesetzespaket versprochen. Doch der Ausbruch des Ukraine-Krieges scheint die Handlungsgeschwindigkeit im Wirtschafts- und Klimaministerium erhöht zu haben.

Am zehnten Kriegstag sickerte aus dem Bundesministerium der Plan einer "Ad-hoc-Projektgruppe Gasreduktion" an die Presse durch. Laut Informationen der Zeitung "Welt am Sonntag" soll das Konzept unter anderem den Gasverbrauch im Gebäudesektor in den Fokus nehmen.

Die enthaltenen Vorhaben scheinen sich zwar auf die Ankündigungen zu beschränken, die Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck bereits im Januar bei seiner Antrittsevaluation verkündet hatte. Doch der Entwurf tauchte mehr als einen Monat früher auf als erwartet. Es könnte ein Zeichen sein, dass es angesichts des Krieges mit der Sanierungswelle nun besonders schnell losgehen könnte.

Nach Angaben der "Welt am Sonntag" hätte der Entwurf nach Wunsch des Bundeswirtschafts- und Klimaministeriums längst offiziell – und ohne Umweg über die Medien – bekannt werden sollen. Als ursprüngliches Veröffentlichungsdatum habe der Freitag nach Kriegsbeginn gegolten.

Aber: Das Bundeskanzleramt und auch das Bundesbauministerium seien eingeschritten. Dort habe es Vorbehalte gegen das Papier gegeben.

Nicht überall scheint man die Rolle des deutschen Sanierungsstaus wohl so direkt mit den aktuellen Ereignissen in der Ukraine verbinden zu wollen wie im Hause Robert Habecks. Also ging die Vorlage für die Wärmewende von dort unter der Hand an eine Zeitungsredaktion. Das zeigt: In der Ampel ist man sich bei diesem Thema nicht einig, doch der Druck steigt – auch intern.

Verwendete Quellen
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