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Klimaschutz ganz konkret: "Rind- und Lammfleisch müssen teurer werden"

INTERVIEWKlimaschutz ganz konkret  

"Rind- und Lammfleisch müssen teurer werden"

Von Tim Kummert, Rebekka Wiese

28.05.2019, 15:40 Uhr
Klimaschutz ganz konkret: "Rind- und Lammfleisch müssen teurer werden". Kunden im Supermarkt: Ein Forscher glaubt, dass wegen des Wahlerfolgs der Grünen künftig Fleisch teurer werden müsste. (Quelle: imago images)

Kunden im Supermarkt: Ein Forscher glaubt, dass wegen des Wahlerfolgs der Grünen künftig Fleisch teurer werden müsste. (Quelle: imago images)

Mit ökologischen Themen wurden die Grünen bei der Europawahl zweitstärkste Kraft in Deutschland. Ein Forscher erklärt, was sich nun beim Klimaschutz im Land konkret ändern könnte.

Die Grünen sind der klare Gewinner der Europawahl: 20,5 Prozent erreichte die Partei und wurde damit zweitstärkste Kraft in Deutschland. Es ist ein Rekordergebnis für die Partei.

Lukas Fesenfeld erforscht an der ETH Zürich die Machbarkeit von Politik, wie sie die Grünen vorhaben. Er hat Politikwissenschaft, Ökonomie und internationales Recht studiert.

Im Interview mit t-online.de erklärt er, welche Maßnahmen er angesichts der gestiegenen Relevanz der Klimapolitik empfiehlt, warum der Kohleausstieg früher kommen könnte – und weshalb eine Plastiksteuer nicht so wichtig ist, wie viele glauben.

t-online.de: Herr Fesenfeld, die Grünen haben bei der Europawahl ein Rekordergebnis erzielt. Sind plötzlich 'grüne Themen' in der Bevölkerung beliebt?

Fesenfeld: Das Wahlergebnis ist ein klares Signal an die Politik, da kommt jetzt richtig Bewegung rein. Klimapolitik ist deutlich wichtiger geworden, das liegt nicht nur an den "Fridays for Future"-Demos, sondern beispielsweise auch an persönlichen Erfahrungen, die die Menschen machen – wie im letzten Sommer, als Deutschland eine unglaubliche Hitze erlebte.

Lukas Fesenfeld: Der Forscher arbeitet in Zürich und untersucht die Machbarkeit von guter Energiepolitik. (Quelle: Privat/t-online.de)Lukas Fesenfeld: Der Forscher arbeitet in Zürich und untersucht die Machbarkeit von guter Energiepolitik. (Quelle: Privat/t-online.de)

Was für konkrete Maßnahmen werden aus dem Wahlergebnis folgen?

Erst einmal betrifft das Wahlergebnis das europäische Parlament – und wir müssen jetzt mal abwarten, was auf der Bundesebene in Deutschland stattfindet. Aber ja, es tut sich etwas: In den letzten Monaten wurde beispielsweise über die Einführung einer CO2-Steuer diskutiert.

Aber die ist doch längst wieder vom Tisch. Oder sieht das nach dem Wahlergebnis der Grünen wieder anders aus?

Die CO2-Steuer könnte kommen – natürlich muss man erstmal abwarten, aber ich halte das durchaus für realistisch. Natürlich sollten wir die Wahl des Europaparlaments nicht überbewerten, aber sie gibt den Grünen und ihren Ideen auch in Deutschland Auftrieb. 

In den klimapolitischen Debatten ging es in letzter Zeit vor allem um den Kohleausstieg. Der soll bis 2038 stattfinden, hat die Bundesregierung inzwischen beschlossen. Reicht das?

Aus klimapolitischer Perspektive ist das natürlich zu spät. Und Umfragen in den betroffenen Regionen wie dem Rheinland zeigen: Die Bereitschaft zu einem früheren Kohleausstieg wäre da. Ich gehe davon aus, dass der Kohleausstieg früher als 2038 kommen wird, und erachte trotz großer Herausforderungen einen Ausstieg bis zum Jahr 2025 als realistisch machbar.

Abgesehen vom Kohleausstieg: Was muss Deutschland tun, um klimapolitisch noch die Kurve zu kriegen?

Die Politik muss neue Technologien fördern, natürlich auch E-Mobilität. Es muss mehr in die Bahn investiert werden – auch auf europäischer Ebene. Wer für 20 Euro nach Prag fliegen kann, der nimmt nicht die Bahn. Das muss sich ändern, die Zugtickets müssen günstiger werden. Auch klimafreundliche Proteinquellen sollten vom Start gefördert werden, um den sehr hohen Klima-Fußabdruck unserer Ernährung zu verringern.

Neben der Klimapolitik ist ein weiteres großes umweltpolitisches Thema momentan natürlich auch Plastik. Hier lässt sich viel machen, weil das Problem so sichtbar ist – alle kennen die Bilder von Tieren, die in Plastik ersticken. Allerdings muss man aufpassen, dass hier nicht bloße Symptompolitik betrieben wird, sondern das Problem an der Wurzel gepackt wird, beispielsweise durch eine Erhöhung der Preise fossiler Rohstoffe in der Produktion von Plastik.

Und sonst?

Ein weiterer Schritt muss sein, klimaschädliche Produkte vom Markt zu nehmen – oder sie zu verteuern. Es wird immer wieder vergessen, dass fast dreißig Prozent der Emissionen auf unsere Ernährung zurückzuführen sind. Man müsste also auch Maßnahmen im Ernährungssektor treffen: Klimaschädliche Produkte wie Rind- und Lammfleisch müssen teurer und nicht nachhaltige Ernährungsweisen weniger attraktiv gestaltet werden. Und auch in Kantinen könnte man einiges machen – das muss ja kein Veggie-Day sein, man könnte einfach mehr klimafreundliche Produkte anbieten und hervorheben, wie lecker klimafreundliches Essen schmecken kann.

Und Sie glauben, dafür wäre die Bereitschaft in der Bevölkerung da?

Wir haben dazu Umfragen gemacht – und die zeigen ganz klar: Die Bereitschaft für solche Maßnahmen ist da. Ein wichtiger Faktor im Ernährungssektor sind auch die Alternativen zu Fleischprodukten: Immer mehr Menschen merken, dass die auch gut schmecken. Wir können schon jetzt nachweisen, dass es eine gesellschaftliche Akzeptanz für solche Einschnitte gibt. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass das auch in der Politik ankommt. Denn dann erst gerät das große Ganze in Bewegung.

Erwarten Sie diese Reaktion schon von der derzeitigen Bundesregierung – oder setzen Sie da auf die nächsten Wahlen?

Je schneller jetzt gehandelt wird, desto besser – doch aktuell passiert da noch zu wenig. Die Zeit läuft uns davon. In der Regierung hat der Paradigmenwandel noch längst nicht stattgefunden. Dafür müssten die Grünen schon mitregieren.
 


Denen würden Sie dann zutrauen, die klimapolitische Wende in Deutschland zu stemmen?

Eines ist klar: Eine einzelne Partei kann das Problem bestimmt nicht lösen. Aber die Grünen bringen die nötige Expertise mit, sie setzen sich seit Langem glaubwürdig für die Umwelt ein. Ich traue den Vertretern zu, die klimapolitische Wende richtig anzugehen.

Verwendete Quellen:

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