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COP 28 | Klimakonferenz im Ölparadies: Geht's noch?


Sind wir eigentlich noch ganz bei Trost?


Aktualisiert am 05.12.2023Lesedauer: 3 Min.
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Der Bock als Gärtner: Sultan al-Dschaber ist COP28-Präsident. (Quelle: IMAGO/Beata Zawrzel)

Eine Klimakonferenz im Land des Öls? Um von dort dem Durst und Hunger nach fossilen Brennstoffen den Garaus zu machen? Das ist Realsatire, findet unser Kolumnist.

Das größte Glück beim Lesen? Wenn sich ein Buch, von dem man sich gar nichts versprochen hatte, am Ende als grandios erweist. Vor vielen, vielen Jahren ging mir das so mit dem Erstlingsroman eines bis heute weithin unbekannten Autors namens Paul Torday.

Torday beschreibt mit bezauberndem englischen Humor, wie ein fanatischer Angler und Wissenschaftler den britischen Premier (erkennbar eine Persiflage auf Tony Blair) dazu bringt, schottische Lachse auf Kosten des dortigen angelverrückten Scheichs im Jemen anzusiedeln. Fast hätte es in der Fiktion sogar geklappt, doch dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

"Lachsfischen im Jemen" ist später erfolgreich verfilmt worden und wurde zum Welterfolg. Was haben wir uns alle im Kino die Bäuche gehalten vor Lachen. Lachsfischen im Jemen – da ist, schon wegen des rasanten Klimawandels, das berühmte Ananaszüchten in Alaska von Franz Josef Strauß wahrscheinlicher.

Haha, sehr lustig, diese Briten.

Die Wirklichkeit aber hat diese absurde Satire (Lachse brauchen zum Laichen, also zum Überleben, sauerstoffreiche Süßwasserflüsse) längst abgehängt. Nach dem fiktiv-surrealen Lachsfischen im Jemen kam es zu Fußball in Katar (in Form einer ernstgemeinten WM) und Skifahren in Peking (in Form von Olympischen Winterspielen ohne ein Fitzelchen echten Schnees). Getoppt wird das Ganze von einer Fußball-WM 2034 in Saudi-Arabien.


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Der Ölprinz als oberster Klimaschützer

Dazwischen nun, damit uns nicht langweilig wird, hat man die COP28, die große Welt-Klimakonferenz, nach Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten gelegt. Ein Land, das seinen märchenhaften Reichtum auf dem Stoff gebaut hat, den die Klimaschützer aus dem Rennen nehmen wollen bei unserem Hunger nach Energie, nach Mobilität und nach Wärme. Und um die Sache vollends ins Absurde zu führen, leitet eine Art Ölscheich, Sultan Ahmed al-Dschaber, Chef der staatlichen Ölfördergesellschaft, die Versammlung.

Wenn das ein Konzept ist: Vielleicht, wenn er hoffentlich bald wieder ganz gesund ist, könnte ja der Papst zusammen mit Alice Schwarzer die nächste Ausgabe der großen Pornomesse "Venus" in Berlin eröffnen? Ach was, warum verlegen wir sie nicht gleich nach Teheran? Und was spricht eigentlich dagegen, den Deutschen Fleischkongress in die jährliche "Veggie World Berlin" zu integrieren? Warum denn immer so konfrontativ? Man kann doch auch mal den Ausgleich suchen.

Der Kanzler und (ursprünglich geplant) drei Minister nebst elf Staatssekretären sind allein aus Deutschland mit Langstreckenfliegern die gut 4.600 Kilometer nach Dubai geflogen, mit Tross und Presse 250 Menschen insgesamt. Anderthalb Wochen halten sich nun insgesamt 70.000 Delegierte und Berichterstatter, Staats- und Regierungschefs und Minister in vollklimatisierten Gebäuden auf: Hotels, Kongresszentren und heruntergekühlten Limousinen als Shuttles.

Wasser zur Erfrischung aus der Entsalzungsanlage

Doch wenn da jemand doch noch ein bisschen schwitzt zwischen Shuttle und Halle – kein Problem. Das Wasser zum Duschen und Händewaschen der globalen Klimaschützer der COP28 kommt restlos und unbeschränkt aus riesigen, ökologisch fragwürdigen Meerwasserentsalzungsanlagen.

Pro Kopf verblasen die Vereinigten Arabischen Emirate knapp 22 Tonnen CO2 jedes Jahr, das ist Platz zwei der Größtverblaser weltweit, nach der Nummer eins: Katar. Dort, wo Fußball auf sattgrünem Rasen gespielt wurde. Und vor der Nummer drei: Saudi-Arabien. Wo bald Fußball auf sattgrünem Rasen gespielt wird.

Zum Vergleich: In Deutschland sind es immer noch viel zu hohe neun Tonnen. Der weltweite Durchschnitt liegt bei knapp fünf Tonnen.

Wie der Nachhall eines alten Sponti-Spruchs

Ist da draußen jemand, der angesichts dieser grotesken Klimakonferenz verstehen kann, warum ich an einen alten Sponti-Pazifisten-Spruch denken muss: "Fighting for peace is like fucking for virginity." Oder warum ich zur COP28 eigentlich nur noch einen ganz kurzen Kommentar abgeben möchte, vielmehr eine Frage:

Haben wir sie eigentlich noch alle?

Lustig wie "Lachsfischen im Jemen" ist diese perverse Veranstaltung jedenfalls nicht. Sondern eine Verhöhnung unserer vulnerablen Welt. Eine Schande, deretwegen man sich nur noch besinnungslos betrinken möchte, um sie zu vergessen. Darüber hat besagter Paul Torday übrigens mit "Bordeaux" einen gleichfalls faszinierenden wie verstörenden Roman geschrieben.

Verwendete Quellen
  • Statista, eigene Überlegungen
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