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Indien: Multiresistente Keime – Pharma-Firmen verseuchen Gewässer

Medikamente für Europa  

Multiresistente Keime verseuchen indische Gewässer

05.08.2018, 07:52 Uhr | dpa, pdi

Indien: Multiresistente Keime – Pharma-Firmen verseuchen Gewässer. Im Musi-Fluss im südindischen Ort Edulabad bildet sich Schaum im Wasser: In der nahe gelegenen Metropole Hyderabad werden Antibiotika und andere Medikamente für den Export unter anderem nach Europa hergestellt. (Quelle: dpa)

Im Musi-Fluss im südindischen Ort Edulabad bildet sich Schaum im Wasser: In der nahe gelegenen Metropole Hyderabad werden Antibiotika und andere Medikamente für den Export unter anderem nach Europa hergestellt. (Quelle: dpa)

In Indiens Pharma-Hochburg ist das Wasser so verseucht, dass ein Fluss schäumt und tausende Fische sterben. Die Medikamente sind fürs Ausland bestimmt. Aktivisten bitten um Hilfe.

Wie in einer Badewanne schäumt das Wasser des Musi-Flusses. Es riecht modrig, stinkt nach Chemie. Er habe das Wasser schon einmal mit einem Streichholz angezündet, erzählt der Umweltaktivist Anil Dayakar. Anderswo würde das unglaublich klingen. Nicht aber hier in Indien, wo es Seen gibt, die immer mal wieder in Flammen aufgehen.

Sauberes Wasser geht dem Land aus, was laut einem Bericht des staatlichen Think Tanks Niti Aayog jährlich 200.000 Menschen das Leben kostet. Demnach werden die Wasservorräte bis zum Jahr 2030 voraussichtlich nur noch die Hälfte des Bedarfs decken. Dürren sind ein Grund, vor allem aber ist die Wasserqualität das Problem. Etwa 70 Prozent des Wassers in Indien sind dem Bericht zufolge kontaminiert.

Kostengünstig Antibiotika und andere Medikamente

Hyderabad, die südindische Metropole, durch die der Musi fließt, ist Indiens Pharma-Hochburg. Hier werden kostengünstig Antibiotika und andere Medikamente für den Weltmarkt hergestellt - ein großer Teil davon geht nach Europa. Durch ungeklärte Abwässer gelangen giftige Chemikalien und Metalle in das Wasser, wie mehrere Studien zeigen. Von dort finden sie ihren Weg in die Erde, in Tiere und in die Körper der Menschen.

Deshalb hat Dayakar zusammen mit anderen Aktivisten Anfang Juli einen Brief an die EU-Kommission geschrieben, den Dutzende Vertreter von indischen Organisationen sowie Dorfvorsteher und Mediziner unterschrieben haben. "Im Namen unserer indischen Mitbürger schreiben wir, um Sie aufzufordern, Maßnahmen zu ergreifen und sich mit der schwerwiegenden Umwelt- und Gesundheitskrise zu befassen, die sich in Indien in Zusammenhang mit der Produktion von Arzneimitteln für globale Märkte, darunter die Europäische Union, entfaltet", heißt es darin.

Die EU-Kommission habe den Brief erhalten und befasse sich mit dem Problem, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Derzeit arbeitet die Kommission an einem Strategiepapier zur Umweltverschmutzung durch pharmazeutische Stoffe. Ausländische Inspektoren - auch aus Deutschland - kommen zwar zur Qualitätskontrolle in die indischen Fabriken. Für Untersuchungen nach Umweltkriterien fehlt ihnen bislang aber die rechtliche Handhabe.

700.000 Tote pro Jahr

Der Infektiologe Christoph Lübbert vom Universitätsklinikum Leipzig war vergangenes Jahr in Hyderabad und nahm Proben in verschiedenen Wasserquellen. An vielen Orten stellte er hohe Mengen an Antibiotika und an Antimykotika - antimikrobiellen Pilzmedikamenten - fest. 95 Prozent der Proben von 28 Orten enthielten multiresistente Erreger.

Diese entstehen durch den übermäßigen Gebrauch von Antibiotika und stellen nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation weltweit eine der größten Bedrohungen für die Gesundheit dar. Multiresistente Erreger sind kaum noch behandelbar, Menschen sterben an Infektionen, die eigentlich relativ harmlos wären. Derzeit sind es weltweit geschätzte 700.000 Tote pro Jahr.

In Indien sterben Schätzungen zufolge jedes Jahr 60 000 Neugeborene an Infektionen mit multiresistenten Erregern. Ebenso wie die Antibiotika werden auch diese Keime exportiert: Lübbert zufolge sind mehr als 70 Prozent aller Indien-Besucher nach der Rückkehr Träger multiresistenter Bakterien - auch wenn das nicht immer mit einer Erkrankung einhergeht.

"Heute trinkt niemand mehr das Wasser"

Verbindliche Regeln für die Entsorgung von Nebenprodukten der Antibiotika-Produktion gibt es in Indien nicht. Die Unternehmen beteuern, ihre Fabriken arbeiteten umweltverträglich. Die Regierung des Bundesstaates Telangana, dessen Hauptstadt Hyderabad ist, wirbt aber für die Stadt als Pharmastandort mit dem Slogan "Minimale Inspektion, maximale Förderung". Dayakar wirft der Umweltaufsichtsbehörde Korruption vor - und der Regierung, sie nehme für das große Geschäft mit den Medikamenten die schlimmen Folgen in Kauf.


"Bis vor 30 Jahren haben wir dieses Wasser noch getrunken. Man konnte eine Münze hineinwerfen und sie sinken sehen", erzählt der Reisbauer Venkatesha am Ufer des schäumenden Musi in Edulabad, 30 Kilometer flussabwärts von Hyderabad. "Heute trinkt niemand mehr das Wasser."

Die Fabriken hätten Mitte der neunziger Jahre angefangen, Abwässer in den Fluss zu kippen, erzählt Batte Sankar, der Chef des Dorfrats von Edulabad, der auch zu den Unterzeichnern des Briefes an die EU-Kommission gehört. Wenige Jahre später habe sich das gesundheitlich bemerkbar gemacht. Es habe viele Fälle von Krebserkrankungen, Nierenversagen und Fehlgeburten gegeben. Auch die Kühe seien betroffen. "Früher haben sie zehn Liter Milch pro Tag gegeben, heute nur noch einen oder zwei."

Hoffnung auf die EU

Inzwischen trinkt in der Tat niemand mehr das Musi-Wasser. Millionen Menschen in und um Hyderabad waschen sich aber immer noch mit belastetem Wasser und nutzen es, um ihre Reisfelder zu bewässern. Fischer angeln in Seen, in denen Hunderttausende Fische in den vergangenen Jahren gestorben sind.

Nach vielen Jahren fruchtloser Appelle an die Behörden legt Sankar seine Hoffnungen nun darin, dass die EU Druck ausübt und dafür sorgt, dass sich die Pharmafabriken an Umweltstandards halten müssen. "Luft, Wasser und Nahrung - die Grundbedürfnisse eines jeden Menschen - alles verseucht", erklärt Sankar. "Was wir einfordern, ist unser Recht auf Leben."

Verwendete Quellen:
  • dpa

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