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Sanktionen in der Schweiz sorgen für Hektik bei Oligarchen

Von rtr
25.03.2022Lesedauer: 4 Min.
Gebäude der Credit Suisse in Genf: Die Bank lässt Mitarbeiter auch nachts und an Feiertagen an den russischen Sanktionen arbeiten.
Gebäude der Credit Suisse in Genf: Die Bank lässt Mitarbeiter auch nachts und an Feiertagen an den russischen Sanktionen arbeiten. (Quelle: IP3press/imago-images-bilder)
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Die Schweiz ist ein beliebtes Ziel für reiche Russen. Ein beträchtlicher Teil russischer Vermögen liegt auf Konten in dem Land. Nun versprechen die Institute, hart durchzugreifen – doch Experten zweifeln.

Jahrelang waren superreiche Russen für die Schweizer Banken ein einträgliches Geschäft. Doch die Sanktionen gegen die Profiteure des Systems Putin haben auch an den Bankenmeilen in Zürich und Genf Hektik ausgelöst. Versuchten einige Institute für ihre Kunden zu Beginn noch Schlupflöcher zu finden, fassen die meisten von ihnen Vermögende mit russischen Verbindungen inzwischen nur noch mit spitzen Fingern an, wie mehrere Brancheninsider und Experten der Nachrichtenagentur Reuters sagten.

Der finanzielle Schaden sei verkraftbar, viel schwerer wiege der Schaden für die Reputation: Mit der Forderung, die Vermögen der Kriegsverursacher einzufrieren, rief der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kürzlich die Rolle des Landes als Hort von schmutzigem Geld in Erinnerung, ein Bild, das die Schweiz eigentlich vergessen machen wollte.

Bankenverband schätzt russische Vermögen auf 200 Milliarden Franken

Das Land steht bei vermögenden Russen hoch im Kurs, sie schätzen die Diskretion, die hohe Lebensqualität und das geschäftsfreundliche Umfeld. Auf 150 bis 200 Milliarden Franken (umgerechnet 160 bis 215 Milliarden Dollar) schätzt der Schweizer Bankenverband die Vermögen von im Ausland lebenden Russen in der Schweiz. Damit liegt ein beträchtlicher Teil der russischen Vermögen auf Schweizer Konten: Boston Consulting Group zufolge beliefen sich die investierbaren Vermögen der superreichen Russen Ende 2020 auf insgesamt rund 500 Milliarden Dollar.

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Ein Vermögensverwalter, der vor allem Russen betreut, geht davon aus, dass im Zuge der Krise rund die Hälfte des russischen Geldes aus der Schweiz abfließen könnte. Als einen möglichen neuen Hafen nennen mehrere Experten Dubai.

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Beliebteste Destination für russische Privatjets

In den Tagen nach Kriegsbeginn war die Schweiz eine der beliebtesten Destinationen für russische Privatjets. 13 der Maschinen, die von Moskauer Startbahnen abhoben, steuerten der Branchenanalysefirma Wingx zufolge Genf an, neun Zürich. "Als Putin in der Ukraine einmarschierte, sind mehrere Oligarchen in die Schweiz geflogen und sind dann zu den Banken nach Zürich gefahren", sagt ein Kenner. "Sie diskutierten Lösungen, wie man noch Vermögen verschieben konnte."

Bisher versuchte die Schweiz, es sich mit Russland und seinen Reichen nicht zu verscherzen. Nach der Annexion der Krim verzichtete das neutrale Land auf Sanktionen gegen Russland und ergriff lediglich Maßnahmen, um die Umgehung der EU-Einschränkungen zu verhindern. Nach Beginn der Ukraine-Invasion habe die Regierung mehrere Tage gezögert und erst auf Druck der eigenen Bevölkerung und des Auslands den Kurs geändert, erklärt ein Sanktionsexperte. Inzwischen vollzieht das Land die Maßnahmen der EU schrittweise nach. Fast sechs Milliarden Franken an Vermögen hat die Schweiz bereits gesperrt.

"Die Spirale dreht sich weiter"

Die Banken hielten sich an die Schweizer Vorgaben oder gingen sogar darüber hinaus, sagt der Experte. "Denn die Spirale dreht sich weiter, jeden Tag verschärft der Westen die Sanktionen." Die Banken wollten dabei keinen Reputationsschaden riskieren. Das bedeutet viel Arbeit für die Compliance-Abteilungen: "Viele Oligarchen halten das Hauptvermögen nicht unter eigenem Namen, sondern verschachtelt und über Stiftungen, Treuhänder oder Strohmänner", erklärt Steuerexperte Thomas Koblenzer.

Ein bedeutender Teil der Vermögen stammt zwar gar nicht von Sanktionierten. Aber auch bei den übrigen Kunden sind die Geldhäuser auf der Hut. "Im Prinzip ist jeder Russe, jede Person mit russischem Pass in Großbritannien, der EU und der Schweiz halb sanktioniert", erklärte UBS-Chef Ralph Hamers kürzlich.

Ein Privatbanker erklärte, in seinem Institut werde jeder Stein umgedreht, um sicherzustellen, dass niemand durch die Maschen schlüpfe. Die Credit Suisse beantragte kürzlich eine amtliche Bewilligung, um 20 Compliance-Mitarbeiter auch nachts und an Feiertagen an der Umsetzung der Russland-Sanktionen arbeiten zu lassen. Auch viele andere Schweizer Institute wie Julius Bär oder Vontobel haben russische Kunden.

Institut der UBS-Bank (Archivbild): Kunden informieren sich Ende Februar über die Lage am Aktienmarkt.
Institut der UBS-Bank (Archivbild): Kunden informieren sich Ende Februar über die Lage am Aktienmarkt. (Quelle: Geisser/imago-images-bilder)

Geldtransfers nach Asien?

Dieser Eifer war aber nicht bei allen Banken schon immer so groß, auch in anderen europäischen Ländern nicht. Mit dem Beginn des Krieges hätten Überweisungen über eine aufwendige und praktisch händische Alternative zum Zahlungssystem Swift stark angezogen, erklärt Steuerexperte Koblenzer. "Ich gehe davon aus, dass vermögende Russen auf diesem Weg Geld von europäischen Banken etwa auf asiatische Banken transferiert oder zu transferieren versucht haben, um Cash-Bestände in Sicherheit zu bringen." Inzwischen hätten einige asiatischen Banken mit Blick auf die Sanktionen oder eine mögliche Umgehung der Sanktionen diese Zuflüsse gestoppt.

Das Zeitfenster zwischen der Einführung der EU-Sanktionen und dem Nachvollzug der Schweiz versuchten reiche Russen und ihre Finanzberater zu nutzen, um einen Teil ihres Vermögens ins Trockene zu bringen. Das beobachtete etwa Thomas Borer, der früher den Oligarchen Viktor Vekselberg beriet. "Kurz vor der Einführung der Sanktionen in der Schweiz hatte ich Anfragen von Banken, wie sie mit russischen Kunden umgehen sollten."

Die Banken hätten überlegt, wie sie ihren Kunden helfen könnten, Assets zu verkaufen. Er habe den Banken abgeraten, bei solchen Transfers mitzuwirken, so Borer. Mehr als ein paar Uhren an der Bahnhofstraße zu kaufen oder ein Bild in einer Galerie sei wohl kaum mehr möglich – selbst wenn die Kreditkarte noch funktioniere, erklärte der frühere Schweizer Botschafter in Berlin.

Blick über Dubai: Die Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten könnte neues Ziel für Sanktionierte werden, glauben Experten.
Blick über Dubai: Die Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten könnte neues Ziel für Sanktionierte werden, glauben Experten. (Quelle: Aviation-Stock/imago-images-bilder)

Korruptionsexperten kritisieren Zögerlichkeit Schweizer Banken

Der Korruptionsexperte Mark Pieth hält die Schweizer Behörden für zu zögerlich. Er kenne mindestens einen Fall, in dem ein russischer Oligarch eine Woche Zeit gehabt habe, seine Firmenbeteiligungen zu verkaufen, bevor er auf die Schweizer Sanktionsliste gesetzt wurde. "Entweder ist es eine Form von Inkompetenz oder man wollte diese russischen Interessen ziehen lassen", so Pieth. Dieses Verhalten erwecke den Eindruck, dass die Schweiz Gelegenheiten, ein Geschäft zu machen, bis zum Letzten ausreize.

Diejenigen, die den Russen helfen würden, ihren Reichtum aus dem Land zu schaffen, würden letztendlich den Preis dafür zahlen, so Pieth. "Viele dieser Leute, Treuhänder und Anwälte sind sich nicht darüber im Klaren, dass sie irgendwann irgendwo vor Gericht gestellt werden", sagte er und riet ihnen: "Denken Sie zweimal nach, bevor Sie nach Rimini in den Urlaub fahren, denn Sie könnten in einem Auslieferungsgefängnis landen."

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Von Lisa Becke, Carl Lando Derouaux
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