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Wie russische Staatsmedien ĂĽber den Krieg berichten

dpa, Hannah Wagner

Aktualisiert am 24.05.2022Lesedauer: 3 Min.
Talkshow im russischen Staatsfernsehen: Ein ehemaliger Oberst hat sich erstaunlich kritisch geäußert. (Quelle: t-online)
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Russlands Staatsfernsehen ist eines der wichtigsten Sprachrohre des Kremls. Zwar informieren sich viele kritische Russen auch anderswo ĂĽber den Krieg in der Ukraine. Doch was sehen die, die von morgens bis abends TV gucken?

Wer als kremltreuer Russe in diesen Tagen das Staatsfernsehen einschaltet, für den ist die Welt durchaus in Ordnung. Am Sonntag zum Beispiel zeigt Rossija-1 in den 11.00-Uhr-Nachrichten die Kapitulation der letzten ukrainischen Kämpfer aus dem Stahlwerk in Mariupol. Zu sehen sind Männer mit langen Bärten, blassen Gesichtern und Hakenkreuz-Tattoos. Sie hätten die Stadt völlig vermint, behauptet die Nachrichtensprecherin. Zur Beruhigung fügt sie aber gleich hinzu, damit sei es nun vorbei. "Asowstal ist komplett von den ukrainischen Nationalisten gesäubert."


Ukraine-Krieg: Die Schlacht um Mariupol – eine Chronik

Russland hat nach fast zwei Monaten erbitterter Kämpfe den Fall der ukrainischen Hafenstadt Mariupol verkündet. Die strategisch wichtige Stadt in der Südukraine liegt direkt am Asowschen Meer – und wurde seit den ersten Tagen des Krieges erbittert verteidigt.
Tausende Menschen fliehen aus Mariupol. Immer wieder werden die FlĂĽchtlinge auch auf dem Weg angegriffen.
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Die angebliche Befreiung der Ukraine von "Faschisten" und "Nazis" ist Moskaus wichtigste Rechtfertigung für den Angriffskrieg gegen das Nachbarland, der nun schon mehr als drei Monate dauert. Dass sich in Mariupol auch Kämpfer des Asow-Regiments ergaben, denen eine teilweise rechtsextremes Gedankengut vorgeworfen wird, ist für Russlands Staatsfernsehen geradezu ein Geschenk. Man kann einen ganzen Tag vor dem Bildschirm verbringen, ohne irgendwelche abweichenden Meinungen zu sehen oder zu hören.

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Krieg wird von Mehrheit der Russen unterstĂĽtzt

Dass es sich bei den Asow-Mitgliedern nur um einen Bruchteil der kämpfenden Frauen und Männer handelt, wird von den kremltreuen Medien nicht erwähnt. Dass für Tod und Leid von Zivilisten oft russische und prorussische Militärs verantwortlich sind, auch nicht. Und dass Mariupol nach der wochenlangen Belagerung international zum Symbol für die Brutalität des russischen Angriffskriegs wurde, erst recht nicht.

Umfragen zufolge wird der Krieg von der Mehrheit der rund 146 Millionen Russen unterstützt. All diese Menschen als hilflose Opfer von Staatspropaganda zu betrachten, wäre zu einfach. Kritische russischsprachige Nachrichtenkanäle gibt es weiterhin – auch wenn sie oft nur noch über Umwege wie alternative Internetverbindungen zu erreichen sind. Zugleich ist das Internet gerade in der Provinz aber oft schlecht oder gar nicht existent. Wer auf Kritik nicht zugreifen kann oder will, sieht nur das, was der Kreml ihm sagen will.

An diesem Nachmittag ist das etwa folgendes: Das Gebiet Cherson – wo die Bevölkerung immer wieder gegen die russischen Besatzer protestierte – sei nun "gesäubert". Ein Reporter zeigt, wie prorussische Kämpfer an den Waffen trainiert werden. "Die Jungs sind Prachtkerle", sagt ein Ausbilder. Einen Panzer, den wohl ukrainische Soldaten zurückließen, bezeichnet der Reporter als "Trophäe". Sogar eine Feldsauna sei eingerichtet worden, erzählt er und stapft dazu mit dem Mikro in der Hand durch ein Waldstück.

Redakteurin sorgt fĂĽr Aufsehen

Zwischen den Nachrichten gibt es eine Musiksendung. Es wird gesungen, getanzt, gelacht. Der Krieg – oder vielmehr die "militärische Spezial-Operation", wie das hier nur heißt – scheint weit weg. Kritik am Vorgehen der Streitkräfte ist tabu. Wer es trotzdem wagt, riskiert nach einem neuen Gesetz bis zu 15 Jahre Haft. Umso mehr Aufsehen erregen Aktionen wie die der bis dahin linientreuen Redakteurin Marina Owsjannikowa, die während der Hauptnachrichtensendung des ersten Kanals mit einem Anti-Kriegs-Plakat ins Bild sprang.

"No war": Die russische Redakteurin Marina Owsjannikowa setzte während einer Live-Sendung ein Zeichen.
"No war": Die russische Redakteurin Marina Owsjannikowa setzte während einer Live-Sendung ein Zeichen. (Quelle: MiS/imago-images-bilder)

An diesem Tag bleiben solche Zwischenfälle aus. Im abendlichen Wochenrückblick werden Bilder aus dem besonders umkämpften Osten der Ukraine gezeigt. Dass die eigene Armee Experten zufolge seit Wochen hohe Verluste erleidet und den Widerstand der Ukrainer komplett unterschätzt hat, sehen die Zuschauer von Rossija-1 nicht. "Wir erfüllen alle Aufgaben – bis zum Sieg", hören sie stattdessen von einem Soldaten im Gebiet Luhansk. Dann sehen sie Aufnahmen von russischen Nationalgardisten, die in eroberten Gebieten Sportkurse für Kinder anbieten, von geretteten Haustieren und von Menschen, die Russland-Fähnchen schwenken.

Zum Tagesabschluss steht die Talkshow von Wladimir Solowjow an – Kritiker bezeichnen ihn als einen der wichtigsten Propagandisten des Kremls. Wieder geht es um Mariupol. Solowjow äfft zuerst den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nach, dann macht er sich über die letzten Verteidiger der Stadt am Asowschen Meer lustig. Nicht mal den Heldentod habe Kremlchef Wladimir Putin ihnen gegönnt, spottet er. "Sie haben sich in Gefangenschaft begeben. Einfach die Pfötchen nach oben gestreckt und sich ergeben."

Unter Solowjows acht Gästen ist an diesem Abend auch die Chefredakteurin des ebenfalls staatlichen Senders RT, Margarita Simonjan. Sie nennt die Ukrainer "Feiglinge" ohne Moral. "Schaut, wie sie sich ergeben haben – in grünen Unterhöschen", ruft sie zu Aufnahmen fast nackter Männer, die sich auf offener Straße vor ihren Gegnern ausziehen und durchsuchen lassen müssen. "Sie haben sich ergeben, weil sie Nazis sind", sagt Simonjan zufrieden. "Und Nazis ergeben sich immer."

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Von Patrick Diekmann
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