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Ausweisung russischer Diplomaten: Die Beweislage im Fall Sergej Skripal

Vergifteter Ex-Spion  

Das ist die Beweislage im Fall Sergei Skripal

27.03.2018, 21:49 Uhr
Ausweisung russischer Diplomaten: Die Beweislage im Fall Sergej Skripal. Einsatzkräfte am Tatort im britischen Salisbury: Alle EU-Staaten sind der Ansicht, dass die Indizien auf Russland als Drahtzieher des Giftanschlags deuten – welche der Indizien sind öffentlich verfügbar? (Quelle: Reuters/Henry Nicholls)

Einsatzkräfte am Tatort im britischen Salisbury: Alle EU-Staaten sind der Ansicht, dass die Indizien auf Russland als Drahtzieher des Giftanschlags deuten – welche der Indizien sind öffentlich verfügbar? (Quelle: Henry Nicholls/Reuters)

Nach dem Giftanschlag auf den Ex-Agenten Sergej Skripal haben westliche Staaten russische Diplomaten ausgewiesen. Welche Indizien sprechen für Russland als Urheber des Anschlags?

Mit der Massenausweisung russischer Diplomaten haben die USA und ihre Verbündeten ihre Reaktion auf den Giftanschlag auf einen Ex-Spion in Großbritannien noch einmal verschärft. Großbritannien, die USA, Deutschland, Frankreich und zahlreiche weitere Staaten machen Russland für den Giftanschlag auf den russischen Ex-Spion Sergei Skripal verantwortlich. Beweise dafür liegen der Öffentlichkeit nicht vor – trotzdem sprechen zahlreiche öffentlich verfügbare Indizien für eine Verwicklung Russlands in den Anschlag. Der Stand der Dinge.

Das verwendete Gift

Großbritannien zufolge wurden Sergej Skripal und seine Tochter mit dem militärischen Nervengift "Nowitschok" vergiftet, das in der Sowjetunion entwickelt wurde. Vermutlich sei es unwissentlich von Julia Skripal selbst ins Land gebracht worden – bei einem Zwischenstopp in Moskau soll es in ihrem Koffer deponiert worden sein, berichten britische Medien unter Berufung auf Geheimdienstkreise. 

Inspektoren der Organisation für das Verbot chemischer Waffen: Die UN-Experten sollen das eingesetzte Nervengift untersuchen. (Quelle: Reuters/Peter Nicholls)Inspektoren der Organisation für das Verbot chemischer Waffen: Die UN-Experten sollen das eingesetzte Nervengift untersuchen. (Quelle: Peter Nicholls/Reuters)

Derzeit sind Chemiewaffenexperten der Vereinten Nationen in Großbritannien, um Proben des Gifts zu untersuchen. Unter anderem werden den Vergifteten dafür Blutproben entnommen. Auch am Tatort sind die Spezialisten im Einsatz. Ergebnisse werden frühestens in zwei Wochen erwartet.

Die Entwicklung des Kampfstoffs

Großbritanniens Regierung gibt an, über Informationen zu verfügen, dass Russland in den vergangenen zehn Jahren sein Chemiewaffenprogramm vorangetrieben habe. Wahrscheinlich sei es dabei um Mordanschläge gegangen, sagt Premierministerin Theresa May.

Das russische Außenministerium hat nicht nur harsch zurückgewiesen, für den Anschlag verantwortlich zu sein. Es bestreitet auch, dass jemals ein Stoff namens Nowitschok in Russland oder der Sowjetunion entwickelt wurde. Das widerspricht Aussagen des russischen Senators Igor Morosow, Moskau habe Nowitschok entwickelt, später aber alle Bestände zerstört.

Und es ist nachweislich falsch. Drei an der Entwicklung beteiligte Forscher haben bereits über die Forschungen in den 1970er- und 1980er-Jahren ausgepackt.

Gasmasken im Militärmuseum im russischen Schichany: In der Kleinstadt wurde der Nervenkampfstoff "Novitschok" entwickelt. (Quelle: imago images)Gasmasken im Militärmuseum im russischen Schichany: In der Kleinstadt wurde der Nervenkampfstoff "Novitschok" entwickelt. (Quelle: imago images)

  • Wil Mirsajanow enthüllte bereits 1992 Details zum Chemiewaffenprogramm der Sowjetunion. Im aktuellen Fall beschuldigt er gegenüber zahlreichen Medien explizit Russland. Dass der Kreml alles abstreite, wundere ihn nicht. Das täten alle Kriminellen, sagt er.
  • Wladimir Ugljow hat gegenüber "Spiegel Online" sehr detailliert über die Entwicklung des Gifts gesprochen. Als Mirsajanow 1992 auspackte und in russischer Untersuchungshaft landete, setzte er sich für ihn ein. Das Gift sei bereits vor 20 Jahren einmal für einen Mord eingesetzt worden – und habe aus seinem Labor in Schichany an der Wolga gestammt.
  • Leonid Rink wird derzeit in vom Kreml kontrollierten Medien als Kronzeuge dafür angeführt, dass Russland nicht für den Anschlag verantwortlich sei. Seine Aussagen haben zwei Haken: Zum einen bestätigte er im Interview mit der Nachrichtenagentur Ria Nowosti, dass es das Programm gegeben hat – entgegen der offiziellen Version des Kreml. Er habe seine Doktorarbeit darüber geschrieben. Das Interview wurde daraufhin nachträglich geändert. Zum anderen schmuggelte und verkaufte Rink laut Gerichtsunterlagen Nowitschok aus dem Labor in Schichany. Darüber berichteten Reuters und die russische Zeitung "Nowaja Gaseta". Ugljow bezichtigt Rink der Lüge. Man schreibe ihm offenbar vor, was er zu sagen habe.

Der Präzedenzfall

Vor mehr als zehn Jahren vergifteten und ermordeten zwei russische Attentäter mutmaßlich den ehemaligen KGB-Agenten Alexander Litwinenko in London. Sowohl Scotland Yard als auch eine mehrjährige richterliche Untersuchung kamen zu diesem Schluss. Wladimir Putin habe den Anschlag höchstwahrscheinlich persönlich gebilligt. Die mutmaßlichen Auftragsmörder Andrei Lugowoi und Dmitri Kowtun wurden nie nach Großbritannien ausgeliefert und halten sich weiterhin unbehelligt in Russland auf – Lugowoi ist mittlerweile sogar Abgeordneter im russischen Parlament.

Politik der Vergeltung

Wenige Monate vor der Vergiftung Litwinenkos im Jahr 2006 beschloss das russische Parlament ein Gesetz, das es Staatsorganen ausdrücklich gestattet, Terroristen im Ausland zu "liquidieren". Außerdem drohte der heutige Staatschef Wladimir Putin Verrätern in einem Fernsehinterview 2010 öffentlich mit dem Tod. Das war wenige Monate nach dem Agentenaustausch, der dem nun attackierten Sergei Skripal zur Freiheit verhalf.

Britische Ermittlungsbehörden haben nun beschlossen, weitere mysteriöse Todesfälle neu aufzurollen. Insgesamt gehen Ermittler und Geheimdienste neben den Fällen Skripal und Litwinenko von 14 weiteren Fällen aus, in die russische Dienste involviert sein könnten. 

Die Motivlage

Experten halten es für wahrscheinlich, dass Russland mit dem spektakulären Mord eine Botschaft an mögliche Überläufer senden wollte. Die "Inszenierung des Mordes" sei dafür das wichtigste Indiz, sagte zum Beispiel der Historiker Mark Galeotti im Gespräch mit t-online.de. Er forscht seit Jahrzehnten zu organisierter Kriminalität und dem Sicherheitsapparat in Russland. "Nervengift ist nicht der effizienteste Weg zu töten", sagt Galeotti. Hier solle eine Botschaft gesendet werden. Dieser Lesart schließt sich auch das britische Außenministerium an.

Hinzu kommt die innenpolitische Instrumentalisierung des Falls: Der Kreml stellt die Vorwürfe derzeit als "antirussische Kampagne" des Westens dar. Nach der Wiederwahl von Präsident Putin ließ sein Wahlkampfchef verlauten: "Danke, Großbritannien, für die Hilfe! Von dieser hohen Wahlbeteiligung haben wir nicht zu träumen gewagt!" Ein Propagandaerfolg für den Staatschef.

Fehlende plausible Alternativen

Die 28 Regierungen aller EU-Staaten haben sich angesichts der Indizien der Ansicht angeschlossen, dass es keine plausible Alternative zu Russland als Drahtzieher gibt. Auf Anfrage von t-online.de hieß es nun aus dem Auswärtigen Amt erneut, die britische Regierung habe ihren internationalen Partnern detailliert dargelegt, warum die Verantwortung für den Giftanschlag mit hoher Wahrscheinlichkeit in Russland zu suchen sei. Alle Fakten und Indizien wiesen nach Russland.

Auch für Galeotti gibt es kaum einen Zweifel an der Täterschaft des russischen Staates. Kriminelle oder konkurrierende Fraktionen innerhalb der Sicherheitsdienste "würden das nicht ohne die Zustimmung des Kreml tun". Es handele sich also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen vom russischen Staat angeordneten Mord. "Wenn Russland für den Mord verantwortlich ist, dann hat Putin ihn angeordnet."

Verwendete Quellen:

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