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Mohammed Mursi am Ende: Die Tränen der Muslimbrüder in Ägypten


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Die Tränen der Muslimbrüder

spiegel-online, Aus Kairo berichtet Ulrike Putz

Aktualisiert am 04.07.2013Lesedauer: 3 Min.
Demonstration für Mursi: Schock für die Muslimbrüder
Demonstration für Mursi: Schock für die Muslimbrüder (Quelle: Reuters-bilder)
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In Kairos Stadtteil Nasr City harren die Muslimbrüder aus. Sie müssen zusehen, wie die Armee die Hauptstadt übernimmt. Sie sind entsetzt, dass ihr Präsident abgesetzt wird. Doch mit Mursis Sturz wollen sie sich nicht abfinden.

Kairo/Hamburg - Die Kolonne ist einen halben Kilometer lang: Beigefarbene LKWs, auf deren Ladeflächen sich Soldaten drängen. Panzerwagen mit offenen Luken, in denen Schützen an Maschinengewehren stehen. Jeeps, zu rollenden Gefängnissen umgebaute Transporter. Es sind Hunderte Soldaten, die um 19.30 Uhr durch Kairo rollen.

Die Makram-Straße, auf der die Infanterieeinheit fährt, führt direkt zur Raaba-al-Adawija-Moschee in Nasr City. Dort hatten sich Tausende Anhänger des zu diesem Zeitpunkt noch amtierenden Präsidenten Mohammed Mursi versammelt. Soldaten, die bereits unweit des Treffpunkts der Muslimbrüder Stellung bezogen hatten, drängten diejenigen zur Eile, die versuchten, die abgeriegelte Zone zu verlassen. "In den Seitenstraßen warten schon die Panzer, beeilt Euch."

Am Mittwochnachmittag hatten sich die beiden verfeindeten politischen Lager Ägyptens in einigen Kilometern Entfernung voneinander versammelt. Auf dem Tahrir-Platz im Stadtzentrum feiert eine riesige Menschenmenge ihrem Sieg entgegen. Seitdem die ägyptischen Streitkräfte Präsident Mursi am Montag ein 48-Stunden-Ultimatum für eine totale Kehrtwende gesetzt haben, weiß die Opposition am Nil, dass sie gewonnen hat.


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Die Muslimbrüder haben 85 Jahre Oppositionserfahrung

In Nasr City hingegen ist man noch lange nicht bereit, die sich abzeichnende, vernichtende Niederlage der Muslimbrüder hinzunehmen. Minuten bevor das Ultimatum am Nachmittag ausläuft, machen sich vor der Rabaa-Moschee Hunderte bereit, für ihren Präsidenten in den Kampf zu ziehen. Mit Knüppeln bewaffnet nehmen sie mit finsterer Miene letzte Anweisungen in Empfang. Das Wort "Schahid", Märtyrer, ist in aller Munde.

Auch wenn sie trotzigen Optimismus an den Tag legen: Mursis Leute wissen, dass der Tag böse enden könnte. Was ihre Gegner dabei nicht einzukalkulieren scheinen, ist, dass die Muslimbrüder eine schier unendliche Leidensfähigkeit haben. Knast, Folter, Untergrund: Die Brüder haben 85 Jahre Erfahrung darin, der Staatsmacht zu widerstehen.

Doch erst einmal lassen die Generäle die Frist verstreichen. Nach ein, zwei Stunden haben auch die ganz hochmotivierten Milizionäre ihre Knüppel zur Seite und die Stirn in Sorgenfalten gelegt und trinken im Schatten Tee. Der Besitzer eines Blumenladens hat seinen alten Fernseher rausgestellt.

Die Stimmung ist angespannt, aber nicht mehr so aggressiv wie noch Stunden zuvor. Trotzdem artet ein Streit um die Fernbedienung aus. Warum den Brüdersender "Ägypten 25" gucken, wettert ein Mann. "Da sehen wir uns doch nur selbst."

Tatsächlich sendet der Kanal eine Live-Übertragung der Demo - die Islamisten sind bis zum bitteren Ende gnadenlos selbstbezogen. Nur wer ein Smartphone hat, weiß, was wirklich los ist: Mursi und die Führer der Bruderschaft sind mit Ausreisesperren belegt, die Armee rückt aus den Kasernen aus. Journalisten twittern Bilder, die zeigen, wie Soldaten die Nilbrücken besetzt haben. "Tu das Telefon weg", wispert ein Mann, der die Reaktion der Umstehenden fürchtet.

Dann reißt ein Ruf die Männer aus dem Schatten: Die Armeehubschrauber kreisen wieder. Die Armee hat sich auf die Seite der Millionen Mursi-Gegner geschlagen. Was Mursis Anhängern nach dieser Nacht bleibt, ist ungewiss. Schon wird von einem drohenden Schauprozess gesprochen.

Das Militär schaltet TV-Sender der Muslimbrüder ab

Doch um die Muslimbrüder wieder in den Untergrund zu treiben, in dem sie Jahrzehnte überlebt haben, bräuchte es Mittel, die eine Demokratie sich nicht erlauben sollte.

Zwei Stunden nachdem Ägyptens Sonne über Mursis Anhängern und Gegnern untergegangen ist, werden die Fernsehkanäle für die Ansprache des Armeechefs gleichgeschaltet. Abdel Fattah al-Sisi erklärt Mursi für abgesetzt und erläutert das weitere Prozedere: Der Oberste Richter des Verfassungsgerichts wird das Land bis auf weiteres führen. Das Gericht soll nun ein neues Wahlgesetz erarbeiten. Einen genauen Zeitplan bleibt der Verteidigungsminister schuldig.

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Was Sisi auch nicht sagt, ist, dass er damit ein Experiment beendet, in das mehr als die Hälfte der Ägypter vor nur einem Jahr ihre Hoffnungen gelegt hatte. Und er hat auch keine Antwort auf die Frage, die im ohrenbetäubenden Freudentaumel auf dem Tahrir-Platz untergeht: Gab es eigentlich jemals einen Militärputsch mit Happy End?

Direkt nach der Übertragung von Sisis Ansprache wurden die islamischen TV-Sender Ägyptens abgeschaltet, auch der Bildschirm von "Ägypten 25" ist fortan schwarz. Ein sehr schlechter Auftakt für die von Sisi angekündigte "nationale Versöhnung".

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