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Donald Trump und Kim Jong Un: Zwei pubertierende Großmäuler und ihre historische Chance

MEINUNGNordkorea-Diplomatie  

Zwei pubertierende Großmäuler und ihre historische Chance

Eine Kolumne von Gerhard Spörl

23.04.2018, 07:54 Uhr
Donald Trump und Kim Jong Un: Zwei pubertierende Großmäuler und ihre historische Chance. Archivaufnahmen auf einem TV-Bildschirm in Seoul, Südkorea von US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un: Ihnen bietet sich eine historische Chance auf einen Friedensvertrag. (Quelle: dpa)

Archivaufnahmen auf einem TV-Bildschirm in Seoul, Südkorea von US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un: Ihnen bietet sich eine historische Chance auf einen Friedensvertrag. (Quelle: dpa)

Was treibt Kim Jong Un? Er lechzt nach Anerkennung aus Amerika, will womöglich wirklich der Wirtschaft Priorität geben und lässt deshalb über sein Nukleararsenal mit sich reden. Vielleicht aber will er dazu auch noch Nordkorea aus der Abhängigkeit von China lösen. 

Eigentlich wollte ich diesmal über Fußball schreiben. Am Samstag war ich im Stadion, als der BVB gegen Bayer Leverkusen 4:0 gewann. Die Wand sang und schrie ihr Glück in den Sonnenuntergang. Die Wand, das sind 20.000 Fans, die mit ihren Gesängen und Trommeln und Choreografien eine einzigartige Stimmung verbreiten. Dortmund spielte so, wie ich Dortmund liebe, und Leverkusen spielte so, wie Dortmund in dieser Saison auch oft spielt: nett anzusehen, technisch sauber, aber kraftlos.

Dann aber überschlugen sich die Ereignisse rund um Nordkorea, genauer gesagt: Die Kaskade an guten Absichten und hehren Worten, die aus dem Munde Kim Jong Uns purzeln, nahm zu und nicht ab. Also müssen wir uns doch mit anderem als Fußball befassen.

In einem Tweet lässt Donald Trump uns wissen, dass in Nordkorea Krieg herrscht. Die gute Nachricht ist: Er weiß es jetzt auch. Der Krieg begann im Jahr 1950, als ich geboren wurde. Kim Il Sung, der Großvater des nunmehrigen großen Vorsitzenden, wollte ganz Korea unter kommunistische Herrschaft zwingen. Drei Jahre später endete der Krieg, da kam ich in den Kindergarten. Da es keinen Friedensvertrag gibt, dauern die Feindseligkeiten formell an.

Ohne Friedensvertrag kein Friede

Aus heutiger Sicht ist interessant, wie damals die Großmächte hineingezogen wurden. Weder die Sowjetunion (unter Stalin) noch China (unter Mao) oder Amerika (unter Truman) nährten oder förderten den Krieg. Amerika griff erst im Auftrag der Vereinten Nationen ein, als der Norden den Süden überrannte. Mao schickte Soldaten und Stalin Ausbilder, als der Süden dann mit Amerika den Norden überrannte. Am Ende waren schrecklich viele Menschen tot und nichts gewonnen. Es blieb, wie es war. Die Grenze des geteilten Korea verläuft wie eh und je am 38. Breitengrad. Ohne Friedensvertrag kein Friede.

Noch keiner. Das wird sich vermutlich ändern, wenn sich Trump und Kim Ende Mai oder Anfang Juni treffen. Ein Friedensvertrag ist das Minimum, so überfällig wie symbolkräftig. Das Maximum wäre, findet sich Nordkorea wirklich dazu bereit, seine Nuklearwaffen preiszugeben und legt von nun an die Priorität auf den wirtschaftlichen Aufbau. Richtig wäre es ja, die Nordkoreaner hätten etwas davon, ein paar kapitalistisch orientierte Inseln gibt es schon. Bei allem Irrsinn macht Kim einiges anders als Vater und Großvater. Der Paradigmenwechsel aber käme einer Revolution gleich und würde in Asien viel verändern.

Kim irritiert mit Schalmeiengesängen

Gestern noch stieß Kim pubertäre Drohungen aus, die Trump mit pubertären Drohungen beantwortete. Heute tiriliert Kim, bricht in Schalmeiengesänge aus und verblüfft uns mit Absichtserklärungen, die Amerika fast ungläubig vernimmt und wir auch. Er will mit den Atomtests aufhören. Das Testgelände im Norden soll abgebaut werden, um die Ernsthaftigkeit zu untermauern. Es gibt eine neue strategische Linie, so verkündet es das Staatsfernsehen, das die Tiraden gegen Trump und Amerika eingestellt hat.

Was passiert da? Zu Neujahr habe ich in einer Kolumne geschrieben, es werde keinen Atomkrieg zwischen Nordkorea und Amerika geben, eher werde Trump nach Pjöngjang reisen und sich mit "dem kleinen Raketenmann" wunderbar verstehen. Damals dachte ich, China lässt sich von Kim nicht länger auf der Nase herumtanzen, sondern nimmt ihn an die Kandare. Es war die Zeit der ständigen Raketentests samt Potenzgehabe. China war nicht amüsiert, China signalisierte: genug ist genug.

Neu ist ein anderer Gedanke: Vielleicht hat auch Nordkorea genug davon, eine Kolonie der Chinesen zu sein, wirtschaftlich abhängig und diplomatisch isoliert vom Rest der Welt. Vielleicht will Kim sich aus der Fixierung lösen. China ist auf dem Weg zur Weltmacht. Weltmächte sind so gut wie nie populär, am wenigsten bei den Nachbarländern. Deshalb haben sich zum Beispiel Vietnam und Myanmar aus der wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit gelöst. Wie macht man das? Indem man diplomatische Beziehungen zu Amerika aufnimmt und zu Investitionen im Land einlädt.

Was kann Kim gewinnen? Einen Friedensvertrag und die Aufhebung zumindest einiger wichtiger Wirtschaftssanktionen. Die Theorie der Nordkorea-Fachleute, von denen es nicht allzu viele gibt, ging immer so: Kim erhebt sein Land zur Atommacht, um damit die Aufmerksamkeit Amerikas zu erringen. Ich habe es nie so recht verstanden, aber jetzt wird Sinn daraus: Nordkorea ist Atommacht mit Langstrecken-, Mittelstrecken- und Kurzstreckenraketen. Was Kim hat, darüber kann er verhandeln, um anderes zu erreichen. Nur worüber will er tatsächlich verhandeln?

China würde einen Vasallen verlieren

Trump beunruhigen die Langstreckenbomber, die, mit nuklearen Sprengköpfen bestückt, amerikanisches Festland erreichen können, wobei niemand mit Sicherheit weiß, ob Nordkorea jetzt schon so weit ist, dass es Sprengköpfe verkleinern und montieren kann. Südkorea beunruhigen die Kurzstreckenraketen, aber darüber können Moon Jae In, der südkoreanische Staatspräsident, und Kim am Freitag reden, wenn sie sich erstmals treffen; das ist der Anfang historischer Begegnungen. Japan wiederum beunruhigen die Mittelstreckenraketen. Mehr noch, Ministerpräsident Shinzo Abe missfällt grundsätzlich der Ausbruch von Freundlichkeiten zwischen den beiden Koreas und mit Amerika. Japans Antwort auf die Bedrohung aus Nordkorea oder China lautet immer nur: Amerika, Amerika, Amerika. Und Amerika ist unter Trump der Albtraum für einen militärisch abhängigen Verbündeten wie Japan.

Kim Jong Un mit Chinas Präsident Xi Jinping beim Überraschungsbesuch in Peking: Die jahrzehntelange Partnerschaft scheint zu bröckeln (Quelle: dpa)Kim Jong Un mit Chinas Präsident Xi Jinping beim Überraschungsbesuch in Peking: Die jahrzehntelange Partnerschaft scheint zu bröckeln (Quelle: dpa)

Was gewinnt Amerika? Falsche Frage. Was ist drin für Trump? Ihm könnte zufallen, was keinem Präsidenten zufiel: diplomatische Beziehungen bei nuklearer Abrüstung. Ein Friedensvertrag sage und schreibe 55 Jahre nach Kriegsende. Dadurch eröffnen sich Wirtschaftsbeziehungen mit Nordkorea. Und China verliert einen Vasallen.

Mehr geht kaum und keiner hat es erwartet. Donald Trump kann Geschichte schreiben. Mr. Bombastic wird dafür pausenlos bombastische Wortungetüme aufhäufen. Und wir könnten es ihm noch nicht einmal verdenken.

Die historische Chance für zwei pubertierende Großmäuler

Was hat die Welt davon? Sie verliert die Angst vor einem Atomkrieg zwischen zwei Ländern mit Irrlichtern an den Schaltknöpfen. Ihr wird erneut vor Augen geführt, dass sich das 21. Jahrhundert in Asien abspielen wird – in der Konkurrenz zwischen Amerika und China. Und Amerika sollte man nie abschreiben, nicht einmal unter Donald Trump.

Ich will nicht sagen, dass es so kommt. Immerhin wird ein Prozess eingeleitet, in dem die Interessen abgesteckt werden und sich die Ernsthaftigkeit der hehren Absichten überprüfen lässt. Nie kommt es am Ende ganz so heraus wie anfangs erhofft. Aber plötzlich erscheint vieles möglich zu sein, was wir eben noch für undenkbar hielten. Hoffen wir, dass die beiden pubertierenden Großmäuler ihre historischen Chancen nicht verspielen.
 

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