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Gründerin der ersten Tafel: "So schlimm war es noch nie"


Gründerin der ersten Tafel
"Es trifft nun erstmals Menschen aus der Mittelschicht"

InterviewVon Lisa Becke

03.09.2022Lesedauer: 6 Min.
Interview
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Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

Zum journalistischen Leitbild von t-online.
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Ausgabestelle in Berlin (Archiv): "Ich schaue dem Herbst und Winter mit Grausen entgegen", sagt Sabine Werth. (Quelle: imago-images-bilder)

Wer nicht über die Runden kommt, kann sich dort Essen abholen: Nun kommen erstmals Menschen aus der Mittelschicht zu den Tafeln, sagt Sabine Werth.

Es spüren viele, aber manche ganz besonders hart: Die Preise, unter anderem für Lebensmittel, ziehen deutlich an – Milchprodukte beispielsweise sind um bis zu 50 Prozent teurer geworden. Im August legten die Verbraucherpreise im Vergleich zum vorigen Jahr um 7,9 Prozent zu, teilte das Statistische Bundesamt in dieser Woche mit.

Was bedeutet das? Besondere Einblicke haben unter anderem die Tafeln, die überschüssige Lebensmittel einsammeln und in Ausgabestellen im ganzen Land an Bedürftige verteilen. So schlimm wie jetzt sei es noch nie gewesen, sagt Sabine Werth, die vor rund 30 Jahren die erste Tafel bundesweit gründete, die Berliner Tafel.

Im Gespräch mit t-online berichtet sie von Menschen, die sagen: "Ich wollte nie hierher, aber jetzt geht es nicht mehr anders." Davon, wie es ist, einem hungrigen Bedürftigen sagen zu müssen: "Es gibt nichts mehr." Und warum sie nun, nach Enttäuschung über die ersten beiden Entlastungspakete der Bundesregierung, doch etwas Hoffnung hat.

t-online: Frau Werth, man könnte die Tafeln als Seismografen sehen, die verdeutlichen, wo es in der Gesellschaft gerade Erschütterungen und soziale Verwerfungen gibt. Wem es gerade besonders schlecht geht. Stimmt das Bild?

Sabine Werth: Es gibt einen Unterschied: Ein Seismograf zeichnet eine Erschütterung unmittelbar auf. Das ist bei uns etwas anders. Die Menschen kommen nicht gleich zu Beginn, wenn sich ihre Situation verschlechtert, zu einer Ausgabestelle.

Wann dann?

Es ist oft ihr letzter Ausweg. Sie kommen, wenn ihre Situation bereits so schlimm ist, dass es nicht mehr anders geht. An der Stelle merken wir dann aber durchaus, wem es gerade schlecht geht – wer so nicht über die Runden kommt.

Wen trifft es derzeit am härtesten?

Ich kenne die Situation in Berlin am besten. Zu Beginn des Jahres hatten wir hier noch etwa 40.000 Menschen, die zu unseren insgesamt 47 Ausgabestellen gekommen sind und sich Lebensmittel abgeholt haben. Durch die Inflation und den Ukraine-Krieg sind es jetzt 76.000 Menschen pro Monat. Das heißt, die Zahl hat sich fast verdoppelt.

Auch andernorts ist das so: Bundesweit vermeldet rund ein Drittel der Tafeln einen Anstieg der Kundinnen und Kunden um das Doppelte, die anderen zwei Drittel um bis zu 50 Prozent. Wann hat der Anstieg begonnen?

Das war in den Wochen nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine. Der Anstieg begann eigentlich mit den ukrainischen Flüchtlingen, die auch Lebensmittel von uns bekommen. Diese machen bei uns geschätzt rund die Hälfte des Zuwachses aus.

Und die andere Hälfte?

Das sind Menschen, die neu zu uns kommen. Menschen aus der Mittelschicht. Die sagen: Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu einer Ausgabestelle kommen muss. Ich wollte nie hierher, aber jetzt geht es nicht mehr anders. Das ist ein neues Phänomen. Es trifft nun erstmals in der Breite Menschen aus der Mittelschicht.

Woran liegt das?

Das hat mit den steigenden Preisen zu tun.

Also sind vor allem Menschen betroffen, die arbeiten, aber sich trotzdem die Lebensmittel nicht mehr leisten können?

Aus meiner Erfahrung sind es oft Menschen, die im Moment keine Arbeit haben. Menschen in Jobs können oft gar nicht zu unseren Ausgabestellen kommen, da diese meist vormittags oder am frühen Mittag geöffnet sind.

Diejenigen, die jetzt zu uns kommen, haben oftmals während der Pandemie ihre Jobs verloren oder mussten ihre Geschäfte aufgeben. Sie mussten damals nicht direkt zu den Tafeln kommen, weil sie beispielsweise etwas angespart hatten und auf ein Polster zurückgreifen konnten. Aber seitdem die Preise so massiv gestiegen sind, gerade auch für Lebensmittel, geht das nicht mehr.

Wie bewerten Sie das?

Für unsere Ausgabestellen ist es erst einmal egal, welche Menschen zu uns kommen, wo sie herkommen, was sie zuvor gemacht haben. Aber gesellschaftlich ist das natürlich ein Problem. Ich glaube, dass die Stimmung im Herbst brenzlig werden könnte. Das sind viele Menschen, die extrem frustriert sind und sich im Stich gelassen fühlen.

Haben Sie ein Beispiel? Wer sind diese Menschen?

Man muss sich vergegenwärtigen, ab welchen Verdiensten man bereits zur Mittelschicht zählt. Das sind beispielsweise die Krankenschwester und die Busfahrerin. Während der Pandemie haben viele Leute im Pflegebereich ihren Job gekündigt – weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Auch das sind Menschen, die jetzt zu uns kommen.

Sie haben die erste Tafel in ganz Deutschland gegründet, 1993 war das. Wenn Sie zurückblicken: Wie schlimm ist die Krise jetzt?

Das kann ich klar beantworten: So schlimm war es noch nie. In meinen 30 Jahren habe ich so etwas noch nicht erlebt. Es gab punktuell schon immer mal Zuwächse von Personen, die zu unseren Ausgabestellen kamen. Aber jetzt hat das ein anderes Ausmaß erreicht. Hinzu kommt ein weiterer Faktor.

Nämlich?

Die Menge an Lebensmitteln, die wir gespendet bekommen und dann verteilen können, nimmt gleichzeitig ab – nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland. Das ist verheerend.

Woran liegt das?

Unter anderem am Trend der Lebensmittelrettung und den Foodsharern. Diese Bewegung ist eine tolle Sache – einerseits. Aber das sind vor allem Firmen, bei denen auch wir unsere Lebensmittel abholen. Damit bekommen wir die nicht mehr. Foodsharer bedienen natürlich eine andere Klientel. Wir retten Lebensmittel, um Bedürftige zu unterstützen. Denen fehlt es am Ende.


Quotation Mark

"Das macht alle total krank"


Sabine Werth, Berliner Tafel


Wie ist das, einem hungrigen Bedürftigen zu sagen, es gibt nichts mehr?

Das macht alle total krank. Die Ehrenamtlichen verzweifeln, weil sie den vielen Menschen, die in der Schlange stehen, oftmals nur sehr wenig oder überhaupt nichts mehr geben können. Für die Betroffenen, die darauf angewiesen sind, ist das natürlich viel schlimmer. Wenn ich da zwei Stunden anstehe und am Ende eine Kartoffel, einen Apfel und eine Banane bekomme, bin ich frustriert. Das zeigt sich auch in der Stimmung in den Ausgabestellen.

Was tun Sie dagegen?

Wir akquirieren schon wie verrückt, aber das wird nicht reichen. Am Ende ist es ja sogar begrüßenswert, wenn wir keine Lebensmittelverschwendung mehr haben. Die Idee der Tafeln war schon immer: Wir retten das, was übrigbleibt, und verteilen es an Bedürftige.

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Da habe ich von Beginn an gesagt: Wenn es eines Tages nichts mehr gibt, können wir auch nichts mehr verteilen. Dass es jetzt so schnell gehen könnte, damit habe ich nicht gerechnet. Und es ist natürlich ein Unterschied, ob ich so etwas sage, oder es wirklich erlebe. Letzteres macht auf jeden Fall keinen Spaß.

Was erwarten Sie in der kommenden Zeit?

Ich schaue dem Herbst und Winter mit Grausen entgegen. Für die Tafeln sehe ich einen deutlichen Anstieg der Kundinnen und Kunden. Bis jetzt merken die meisten Menschen ja erst die höheren Preise für Lebensmittel. Die Energie kommt erst noch, das wird sich erst Anfang nächsten Jahres bemerkbar machen.

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Werden Sie das alles auffangen können?

Wir wollen das gar nicht alles "auffangen". Wenn es Unmut gibt, müssen die Menschen das zeigen. Die Tafeln unterstützen die Menschen, aber wir versorgen sie nicht. Das können und wollen wir nicht leisten. Das ist die Aufgabe der Politik.

Die hat Entlastungspakete geschnürt, ein drittes soll auf den Weg gebracht werden.

Für die Vergangenheit kann ich da nur sagen: Das war schwer enttäuschend.

Warum?

Es wurde mit der Gießkanne über alle gegossen – und die, die es wirklich betrifft, haben gar nichts davon. Beispielsweise bekommt jeder, der Einkommenssteuer bezahlt, 300 Euro mehr. Das ist doch albern. Nötig wäre gezielte Hilfe für die, die es wirklich brauchen. Die Regierung denkt für meine Begriffe pausenlos nicht weit genug.

Also erwarten Sie sich auch vom dritten Paket nichts?

Da habe ich nun tatsächlich etwas Hoffnung. Von dem, was ich aus den Medien vernehme, gibt es die Chance, dass die Politik nun etwas mehr kapiert hat und bestimmte Bevölkerungsgruppen mehr in den Fokus rücken. Beispielsweise die Rentnerinnen und Rentner. Zeit wird’s.

Frau Werth, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch am 29.08.2022 in Berlin
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