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Integration der Deutsch-Türken: die "merkwürdige" dritte Generation

"Merkwürdige" 3. Generation  

Wie fundamentalistisch sind Deutschlands Türken?

17.06.2016, 11:31 Uhr | t-online.de

Integration der Deutsch-Türken: die "merkwürdige" dritte Generation. Türkische Fußballfans schauen in Frankfurt ihrer Mannschaft zu. (Quelle: dpa)

Türkische Fußballfans schauen in Frankfurt ihrer Mannschaft zu. (Quelle: dpa)

Wie stark neigen unsere türkisch-stämmigen Mitbürger zum islamischen Fundamentalismus? Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster hat die Frage im Rahmen einer Studie über Türkeistämmige erforscht - mit überraschenden Ergebnissen (hier geht's zur Studie). 

Die Zustimmung zu fundamentalistischen Aussagen lässt unter Jüngeren immer stärker nach, hat Pollack herausgefunden - und doch gibt es ein Paradox. t-online.de sprach mit Pollack über die neue Religiosität der dritten Generation und was wirklich dahinter steckt. Emnid hatte in seinem Auftrag zwischen November und Februar rund 1200 Zuwanderer aus der Türkei und ihre Nachkommen ab 16 Jahren befragt. 

Herr Professor Pollack, ganz platt gefragt: Ist der Islam ein Integrationshindernis?

Der Islam ist auf der einen Seite eine Ressource für die Integration. Doch er kann auch ein Hindernis sein und zwar aus folgendem Grund: Muslime finden sich in der deutschen Mehrheitsgesellschaft oft nicht so hoch geachtet und respektiert. Deswegen inszenieren sie den Islam als eine Form der Selbstbehauptung. Die eigene Herkunftsprägung wird dann gegenüber der Mehrheitsgesellschaft sehr stark herausgestellt. 

Ganz generell: Wie fundamentalistisch sind die Deutsch-Türken?

Wir haben insgesamt vier Fragen gestellt, um dieses relativ komplizierte Konstrukt zu erfassen. Die erste Frage war, ob man der Meinung ist, dass man zurückkehren sollte zu den Gesellschaftsverhältnissen der Zeit Mohammeds. Wenn man versucht, Fundamentalismus zu definieren, ist das ein ganz wesentliches Merkmal. Das bejaht ungefähr ein Drittel.

Und die anderen drei Fragen? 

Zweitens gehört dazu, dass das, was man als Fundament ansieht, absolut gesetzt wird. Ist man also der Meinung, es gibt nur eine wahre Religion und würde man bereit sein, die religiösen Gebote über die Gesetze des Staates zu stellen? 47 bis 50 Prozent, also knapp die Hälfte sagen dazu ja. Schließlich gehört zum Fundamentalismus nicht nur der Anspruch auf Exklusivität, sondern auch, dass man sagt: Das ist die Lösung für alle Probleme, eigentlich müssten alle Muslime sein. Die abgefragte Aussage lautete: Nur der Islam ist in der Lage die Probleme unserer Zeit zu lösen. Das halte ich für ein strenges Kriterium von Fundamentalismus. 

Wie viele stimmen allen vier Aussagen zu? 

Wenn man alle Aussagen zusammen nimmt, hat man einen Anteil von 13 Prozent der Türkeistämmigen, die allen vier Aussagen zustimmt. Man könnte sagen, hier handelt es sich um eine Art verhärtete fundamentalistische Einstellung. 

Sie haben aber auch festgestellt, dass sich die Antworten zwischen den Generationen stark unterscheiden. 

Ja. Fundamenatlismus ist stärker ein Phänomen der ersten Generation, also derjenigen, die in der Türkei groß geworden und als Erwachsene nach Deutschland gekommen sind. Diese hängen stärker fundamentalistischen Einstellungen an, als die Angehörigen der zweiten und dritten Generation, die in Deutschland geboren sind.

Die Neigung lässt also nach?

Ja, sie lässt nach und man kann auch fragen, von welchen Bedingungen es abhängt, dass sie nachlässt.

Dann frage ich mal: Von welchen Bedingungen hängt es ab? 

Auf der einen Seite spielt eine große Rolle, ob man in die Gesellschaft integriert ist, Deutsch spricht und Kontakte zu Deutschen hat, ob man gebildet ist. Es spielt eine negative Rolle, wenn man im Wesentlichen nur Kontakte zu Muslimen hat. Bewegt man sich also in einem weitgehend abgetrennten Milieu, verstärkt das fundamentalistische Einstellungen. Ganz wichtig ist, ob man sich selbst anerkannt fühlt. Wenn das nicht der Fall ist, nimmt die Neigung zu fundamentalistischen Einstellungen zu.

Ein besonders interessantes Ergebnis Ihrer Studie ist die Erkenntnis, dass die Jugendlichen der zweiten und dritten Generation den vier genannten Kernaussagen wesentlich seltener zustimmen. Dennoch bezeichnen sich 62 Prozent als sehr religiös. Wie passt das zusammen?

Diese Jugendlichen vertreten keinen so verhärteten, dogmatischen Islam, sondern eher einen reflektierteren und liberaleren. Interessant ist beispielsweise, dass sie nicht so häufig in die Moschee gehen, dass sie nicht so häufig beten. Zugleich verstehen sie sich aber sehr wohl als Muslime - und zwar in einem höheren Anteil, als die Angehörigen der ersten Generation. Das hat wohl sehr viel damit zu tun, dass sie den Islam als ein Medium benutzen, um sich in der Mehrheitsgesellschaft - aber auch gegenüber den eigenen Eltern und anderen Muslimen - als islamisch und traditionell darzustellen. Ihre religiöse Zugehörigkeit zeigen sie vor - und zwar stärker, als sie sie durch ihre religiöse Praxis untermauern können.

Ist das echte Religiosität oder eher ein Stilmittel?

Ich würde sagen: beides. An vielen Stellen ist das sicher echte Religiosität, Herkunftsprägung, Tradition und Gewohnheit. Man ist im Islam groß geworden und liebt ihn. Es ist zudem Solidarität gegenüber den Eltern. Aber es ist eben auch ein Unterscheidungsmerkmal: Man kann sich von der Mehrheitsgesellschaft absetzen und seine Andersartigkeit hervorheben. 

Verstehe ich das richtig: Die Jugendlichen sind "sehr religiös", gehen aber seltener in die Moschee und halten sich beim Beten und Fasten zurück? 

Genauso ist es. Es gibt eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der religiösen Praxis und dem religiösen Selbstverständnis. Die Erklärung könnte lauten: Die Jüngeren sind stärker integriert, sie akzeptieren mehr die Werte der Mehrheitsgesellschaft und sind höher gebildet. Das hat die Konsequenz, dass sie sich faktisch nicht mehr so stark religiös engagieren. Aber sie gehören zur muslimischen Community und inszenieren gewissermaßen "ihren" Islam. Das ist aber keine Selbsttäuschung oder Fremdtäuschung. Sie versuchen vielmehr zu zeigen: Sie gehören zur muslimischen Gemeinde, auch wenn sie an vielen Stellen anderen Interessen nachgehen und die religiöse Praxis eine viel geringere Bedeutung hat.

Ist das somit ein persönlicherer Islam? Vielleicht sogar der Beginn eines Individualismus westlicher Prägung?

Nicht unbedingt. Wir haben auch danach gefragt, ob man persönlich zu Hause betet – also nicht nur im Rahmen des Pflichtgebets. Auch das tun die Jüngeren weniger als die ältere Generation. Insofern würde ich nicht von einer religiösen Individualisierung sprechen, sondern ich würde sagen, es ist ein Unterscheidungsmerkmal, bei dem man sagt: "Auch wenn ich das selbst nicht so praktiziere – ich bin ein Moslem, ich verstehe mich so und möchte auch so gesehen werden." Man will zeigen, dass man nicht nur der Traditionalist ist, sondern seine Religion bewusst betreibt, auch wenn man nicht so engagiert ist.

Das Islambild der Deutschen ist stark vom Terrorismus geprägt. Muslime dagegen setzen damit Frieden und Gerechtigkeit gleich. Woher kommen diese Unterschiede?

Natürlich gibt es in der Mehrheitsgesellschaft sehr viele Vorurteile. Da ist das Bild stark von den Medien geprägt, die über Anschläge weltweit berichten. Dann spielt ganz gewiss auch eine Rolle, dass sich viele Muslime unterschätzt und nicht respektiert fühlen. Der Islam ist dann jenes kulturelle Medium, mit dem man seine eigene Identität verortet, indem man ihn verteidigt. Man entwickelt ein idealisiertes Bild vom Islam und beharrt darauf, es gebe im Islam keine Gewalt, keine fundamentalistischen Tendenzen oder auch keine Benachteiligung der Frau. 

Was steckt hinter solchen Aussagen? 

Es ist in meinen Augen ein Stück Verdrängung und kulturelle Selbstbehauptung. Man fühlt sich missverstanden, angegriffen und verletzt durch die Haltung der Mehrheitsgesellschaft. Das trägt zu einer Verstärkung der Identifikation mit dem Islam bei, aber verhindert, dass man kritisch auf die fundamentalistischen Strömungen im Islam selbst schaut. Dabei wäre das notwendig, damit es wirklich zu einer Liberalisierung des Islam kommt. 

Mal vorausgesetzt, die Entwicklung würde so weitergehen: Wo sehen Sie uns in 20 Jahren? 

Das ist natürlich Spekulation, aber eines würde ich sagen: Wir haben in unserer Studie festgestellt, dass sich die Türkeistämmigen in Deutschland sehr wohl fühlen - das gilt für 90 Prozent. Auch das Gefühl der Anerkennung ist bei den Jüngeren höher, als bei den Älteren. Die sind wie gesagt auch stärker integriert, höher gebildet, sprechen besser Deutsch und haben auch mehr Kontakte zu Deutschen. Wenn sich diese Formen der Integration zukünftig verstärken, dann wird auch der Fundamentalismus zurückgehen und dann wird es wohl auch zu einer "inneren Säkularisierung" des Islam in Europa kommen. Aber es wird immer auch ein kleines Segment geben, das sich ausgegrenzt fühlt. Es sind vor allem die schlecht Integrierten, die sich radikalisieren. 

Die Fragen stellte Christian Kreutzer 

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