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Bundesbeauftragter: Experten vermuten jährlich 100.000 Missbrauchsfälle gegen Kinder in Deutschland


Schutz vor Missbrauch
Regierungsbeauftragter zieht verheerende Bilanz

InterviewVon Dietmar Seher

01.03.2019Lesedauer: 5 Min.
Interview
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Wohnwagenanhänger in Lügde: Auf dem Campingplatz wurden mindestens 31 Kinder missbraucht.Vergrößern des Bildes
Wohnwagenanhänger in Lügde: Auf dem Campingplatz wurden mindestens 31 Kinder missbraucht. (Quelle: Friso Gentsch/dpa-bilder)

Über Jahre hinweg wurden auf einem Campingplatz in Lügde Kinder missbraucht. Und

Experten gehen von jährlich 100.000 Straftaten des sexuellen Missbrauchs bei Minderjährigen aus, sagt Johannes-Wilhelm Rörig – die meisten bleiben unentdeckt. Der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs sieht nach dem Auffliegen des massenhaften Missbrauchs im westfälischen Lügde dringenden Handlungsbedarf.

Im Interview mit t-online.de verlangt er mehr Personal bei Polizei und Jugendämtern, Schwerpunktgerichte für Jugendschutzverfahren und eine Meldepflicht für Internet-Anbieter, wenn sie auf Verdachtsfälle von Kinderpornografie im Netz stoßen.

t-online.de: Herr Rörig, Sie haben 2018 gesagt: "Wir müssen davon ausgehen, dass sich der Missbrauch Tausender Kinder unerkannt fortsetzt". Ihre Prognose hat jetzt eine schlimme Bestätigung gefunden. In Lügde wurden nach den Ermittlungen mindestens 31 Opfer missbraucht, mit mehr als 1.000 Taten. Wie tief reicht sexueller Missbrauch von Kindern in unsere Gesellschaft?

Johannes-Wilhelm Rörig: Der sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen gehört leider zum Grundrisiko einer Kindheit in Deutschland. Daran hat sich in den letzten neun Jahren, nachdem sich der ehemalige Runde Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ intensiv mit Handlungsdefiziten beschäftigt hat, noch nichts geändert. Es ist kein erkennbarer Rückgang sexueller Gewalt gegen Minderjährige zu verzeichnen. In der Polizeilichen Kriminalstatistik tauchen fast konstant in jedem Jahr 12.000 Ermittlungsverfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs auf. Hinzu kommen Ermittlungen wegen des Missbrauchs von Jugendlichen und Schutzbefohlenen, zusammen sind das 13.500 Fälle. Das ist eine außerordentlich hohe Zahl.

Wie groß ist das Dunkelfeld?

Experten aus Forschung und Praxis sagen: Wir müssen diese Zahl mit 7 bis 10 multiplizieren, um den tatsächlichen Umfang zu erfassen. Das sind dann um die 100.000 Fälle, die jährlich stattfinden.

Johannes-Wilhelm Rörig, 59, Volljurist, ehemaliger Richter und viele Jahre Mitarbeiter im Bundesfamilienministerium, ist bereits seit 2011 Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Das Amt gibt es erst seit 2010.

Eltern von missbrauchten Kindern in Lügde beschweren sich, ihre Meldungen und Anzeigen hätten wenig Resonanz bei der Polizei gefunden. Ist die Zurückhaltung dort bei diesem Delikt ein polizeitypisches Verhalten – vielleicht auch, weil die Beweisführung schwierig ist und zu viel Zeit kostet?

Ich kann derzeit nicht genau erkennen, ob es persönliche Defizite sind, die zu den Fehlern in Lügde geführt haben, oder strukturelle Mängel, oder beides. Oft ist es aber so, dass Beamte nicht ausreichend qualifiziert und fortgebildet sind im speziellen Feld der sexuellen Gewalt gegen Minderjährige. Vielleicht fehlt ihnen auch die Sensibilität für die schwerwiegenden Folgen, die sich für Missbrauchsopfer ergeben. Wir brauchen deshalb Kompetenzzentren bei den Polizeibehörden der Länder. Die strukturellen Defizite, die hier erkennbar sind, müssen ganz dringend untersucht und in allen Bundesländern müssen Konsequenzen gezogen werden. Zur bestmöglichen Kooperation und ressortübergreifenden Koordination sollten Missbrauchsbeauftragte in allen Bundesländern eingerichtet werden.

Gibt es Defizite bei der Befragung der Opfer?

Zum Beispiel. Für die Vernehmung von kindlichen Opferzeugen sind spezielle psychologische Kenntnisse nötig, um verwertbare Informationen zu erhalten. Aber die Ermittler müssen auch Indizien, die sie mitgeteilt bekommen, richtig deuten und bewerten können.

Gilt das auch für die Richter, die sich mit den Taten befassen?

Ja. Wichtig wären Schwerpunktgerichte auch für Jugendschutzverfahren, wie wir sie zum Beispiel für Wirtschaftsstrafsachen haben. Durch eine solche Konzentration könnte der Rechtsstaat viel konsequenter gegen pädosexuelle Straftäter vorgehen.

1996 flog in Belgien der Fall Dutroux auf. Bis heute besteht der Verdacht, dass staatliche Stellen die Taten bis hin zum Mord an Kindern gedeckt haben. Haben Sie in Ihrer Amtszeit in Deutschland bisher irgendwann Hinweise gefunden, dass Behörden Missbrauchs-Täter in Schutz genommen haben?

Nein. Vergleichbare Verdachtsmomente sind mir für Deutschland nicht bekannt.

Inwieweit ist Personalmangel ein Problem?

Der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern ist tatsächlich bundesweit ein Riesen-Problem. Es fehlt oft eine ausreichende und qualifizierte Personalausstattung. Bei den Ermittlungsbehörden und auch bei den Jugendämtern. Und mit Blick auf den Fall Lügde möchte ich anmerken, dass ich nicht nachvollziehen kann, dass ein Anwärter damit betraut wurde, hochsensibles elektronisches Beweismaterial zu untersuchen.

Die Länderpolizeien untereinander haben das Instrument der MiStra. Das ist ein System für das gegenseitige Informieren über Strafverfahren. Wird das im Fall des sexuellen Missbrauchs von Kindern ausreichend genutzt?

Die Möglichkeiten der MiStra müssen viel stärker genutzt und besser bekannt gemacht werden. Es fehlt schon an praxistauglichen Formularen. Gerade zum Schutz von Minderjährigen ist es häufig unerlässlich – und ist im Übrigen auch in der MiStra geregelt - das zuständige Jugendamt zu informieren. Ich plädiere dafür, dass die Meldung bereits so früh wie möglich erfolgt, nach Eingang einer Anzeige zum Beispiel.


Die meisten Missbrauchsfälle finden innerhalb von Familien statt und kommen entsprechend selten ans Licht. Gibt es praktische Möglichkeiten, diese Tatorte besser zu durchleuchten, so Täter dingfest zu machen, die Opfer zu retten und gegebenenfalls zu therapieren?

Niemand gewinnt den Kampf gegen den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen allein. Da ist ein Zusammenspiel von vielen Akteuren erforderlich. Da gehört das familiäre und soziale Umfeld dazu, aber auch Einrichtungen wie Kitas oder Schulen, die Signale von Kindern wahrnehmen können. Ich plane gemeinsam mit der Bundesfamilienministerin eine Kampagne, die deutlich macht, wie sexueller Missbrauch zu erkennen ist, wie Täter aber auch Täterinnen vorgehen und an wen man sich bei Vermutung und Verdacht wenden kann. Eltern, Nachbarn, Fachkräfte, Trainer, alle müssen wissen, welche schwerwiegenden Folgen das für ein missbrauchtes Kind hat, wenn sie nicht einschreiten. Vor allem Schulen bieten die besten Möglichkeiten zur Vorbeugung. Dass ein Kind sein Verhalten ändert und bestimmte Signale sendet, merkt man dort am ehesten. Wenn die Lehrer kompetent reagieren und auf das Kind eingehen, besteht darüber eine Chance, familiären Missbrauch aufzuklären und möglichst frühzeitig dem Kind zu helfen.

Ein frühes Eingreifen ist nötig...

...ja, aber dennoch gut überlegt und im besten Fall mit fachlicher Unterstützung. Auch das kann in Schule gelingen. Dort müssen Kinder kompetente Ansprechpersonen finden, die Wege zur Hilfe eröffnen können. Wir haben hierzu mit den Bundesländern die Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ gestartet.


Missbrauch live auf dem Bildschirm nimmt drastisch zu. Eine wichtige zentrale Stelle bei der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt beschäftigt sich in Deutschland mit Kinderpornografie im Netz. Auch in den Ländern arbeiten solche Fachleute. Brauchen diese Stellen mehr Rechte, mehr Personal oder zunächst auch eine bessere technische Ausstattung?

Wir müssen unsere Ermittlungsinstrumente gegen sexuelle Gewalt in den digitalen Medien dringend schärfen, um den tausenden pädosexuellen Tätern, die dort unterwegs sind, das Handwerk zu legen. Wir brauchen dazu mehr Personal auf diesem Feld, eine Ausstattung mit modernster Technik – die Täter sind uns da oft voraus – und auch eine gesetzliche Pflicht der Internet Service Provider, einschlägig aufgefallene Seiten an eine zentrale Stelle zu melden. Unsere Polizeibehörden erhalten im Jahr circa 35.000 Meldungen aus den USA über sexuellen Missbrauch im Netz, die Bezüge zu Deutschland haben. Es ist nicht einzusehen, warum deutsche Internet Service-Provider Verdachtsfälle von so genannter Kinder- und Jugendpornografie sowie sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen nicht melden müssen.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
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