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Hanau kÀmpft immer noch mit den Folgen des Anschlags

dpa, Christine Schultze

Aktualisiert am 19.02.2021Lesedauer: 4 Min.
Frankfurt: Ein Graffiti unter der FriedensbrĂŒcke erinnert an die neun Todesopfer.
Frankfurt: Ein Graffiti unter der FriedensbrĂŒcke erinnert an die neun Todesopfer. (Quelle: Michael Probst/ap-bilder)
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Der rassistisch motivierte Anschlag von Hanau mit neun Toten ist nun genau ein Jahr her. N

Ein Jahr ist es her, dass ein Deutscher in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven erschoss – und noch immer sind Entsetzen und Ratlosigkeit ĂŒber die Tat in der Stadt greifbar. An diesem Freitag werden BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier und Hessens MinisterprĂ€sident Volker Bouffier (CDU) das zu spĂŒren bekommen, wenn sie zusammen mit dem Hanauer OberbĂŒrgermeister Claus Kaminsky (SPD) und Angehörigen der Toten an der Gedenkfeier teilnehmen. Neben Trauer und Schmerz werden auch die drĂ€ngenden Fragen der Opferfamilien den Jahrestag bestimmen. Doch ob und welche Antworten die Politik darauf finden wird, ist offen.

Behörden sollen Warnsignale nicht ernst genommen haben

Vielfach hatten die Angehörigen in den vergangenen zwölf Monaten Konsequenzen aus der Tat gefordert – allen voran ein entschiedeneres Eintreten gegen Rechts. Den Behörden warfen sie vor, "Warnsignale" nicht ernst genug genommen zu haben, zuletzt etwa Ajla Kurtović, deren Bruder Hamza unter den neun Todesopfern des Anschlags war. Neben Pamphleten mit Verschwörungstheorien und rassistischen Ansichten, die der 43 Jahre alte TĂ€ter vor der Tat im Internet veröffentlicht hatte, gehört dazu auch ein von ihm verfasster, sehr wirrer Brief, der Monate zuvor beim Generalbundesanwalt eingegangen war.

Warum wurde dem nicht nachgegangen und warum durfte der TĂ€ter Waffen besitzen? Wie kann eine solche Tat kĂŒnftig verhindert werden? Diese Fragen treiben nicht nur die Familien um. SchĂ€rfer formuliert es die "Initiative 19. Februar Hanau", ein Zusammenschluss von Hanauer Angehörigen. In einem der Texte auf ihrer Homepage ist von einem "Versagen der Behörden vor, wĂ€hrend und nach der Tat", von "SchwerfĂ€lligkeit der Ämter bei der UnterstĂŒtzung und Hilfe" und von "unverzeihlichem Fehlverhalten der SicherheitskrĂ€fte in der Tatnacht" die Rede. Er zeigt, wie tief die Wunden und die Zerrissenheit in Hanau auch ein Jahr nach dem Anschlag noch sind.

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Das prĂ€gt auch die Arbeit von Helmut FĂŒnfsinn, Opferbeauftragter der hessischen Landesregierung und ehemaliger hessischer Generalstaatsanwalt. Seit Februar vergangenen Jahres kĂŒmmert er sich als persönlicher Ansprechpartner im Zusammenspiel mit dem Bundesopferbeauftragten Edgar Franke, dem Hanauer Opferbeauftragten Andreas JĂ€ger und anderen Beteiligten um Anliegen der Betroffenen und koordiniert Kontakte zu Ansprechpartnern. Eine Aufgabe, die viel FingerspitzengefĂŒhl erfordert, wie FĂŒnfsinn deutlich macht: "Es ist sicherlich nicht leicht – von der Landesregierung bin ich bewusst als staatliche Stelle eingesetzt worden – ein tiefes VertrauensverhĂ€ltnis zu schaffen."

Hoffnung auf AnnÀherung an ein normales Leben

Neben finanziellen Hilfen und UnterstĂŒtzung beim Umgang mit Behörden sorgen FĂŒnfsinn und seine Mitstreiter dafĂŒr, dass die Betroffenen auch psychosoziale UnterstĂŒtzung bei der Verarbeitung von Traumata und Trauer bekommen, beispielsweise ĂŒber die Hanauer Hilfe, eine Beratung fĂŒr Opfer und Zeugen von Straftaten. Ziel sei es letztlich, "so zu helfen, dass wieder eine AnnĂ€herung an ein normales Leben möglich sein wird", sagt FĂŒnfsinn, macht aber auch deutlich: "Das wird ein langer Prozess sein, aber ich hoffe sehr, dass dieser Prozess doch in grĂ¶ĂŸeren Teilen gelingen wird."

Als besonders schwierig fĂŒr die Hinterbliebenen schĂ€tzt der ehemalige Generalstaatsanwalt ein, dass es nach diesem beispiellosen rassistischen Terroranschlag aller Voraussicht nach kein Strafverfahren geben wird, da sich der TĂ€ter selbst richtete. Denn auch wenn die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft noch nicht abgeschlossen sind: Bisher sollen sich nach Medienberichten keine Hinweise auf Mitwisser oder Helfer ergeben haben.

"NatĂŒrlich ist es ganz, ganz schwierig zu ertragen, dass hier der TĂ€ter nicht mehr einer gerechten staatlichen Strafe zugefĂŒhrt wird und dass nicht vielleicht doch noch die eine oder andere Frage beantwortet werden kann", sagt FĂŒnfsinn. Es sei auch nachvollziehbar, dass Menschen, denen "das Liebste genommen wurde", in dieser Situation auch weitere Schuldige suchen.

Polizeinotruf sei in Tatnacht ĂŒberlastet gewesen

Zuletzt dĂŒrfte die Mitteilung von Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU), der Hanauer Polizeinotruf sei in der Tatnacht ĂŒberlastet gewesen, den Unmut der Angehörigen geschĂŒrt haben. Brisant ist dieses EingestĂ€ndnis deshalb, weil eines der Opfer, der 22 Jahre alte Vili Viorel Păun, den TĂ€ter nach den ersten SchĂŒssen mit seinem Auto verfolgt haben soll, um ihn zu stoppen – und dabei mehrfach vergeblich den Notruf gewĂ€hlt haben soll. Kurz darauf war er vom TĂ€ter in seinem Auto erschossen worden. Auch wenn Beuth nun, ein Jahr nach der Tat, technische GrĂŒnde fĂŒr den Engpass verantwortlich macht und auf das dennoch schnelle Handeln der EinsatzkrĂ€fte hinweist, bleibt die Frage, ob die Polizei Păun nicht hĂ€tte aufhalten können, wĂ€re er bei dem Notruf durchgekommen.

Hessens Innenminister Peter Beuth: Der Polizeinotruf von Hanau sei in der Tatnacht ĂŒberlastet gewesen.
Hessens Innenminister Peter Beuth: Der Polizeinotruf von Hanau sei in der Tatnacht ĂŒberlastet gewesen.

Auf der anderen Seite habe es auch Dinge gegeben, die nach der Tat und bei der Aufarbeitung richtig gelaufen seien, sagt FĂŒnfsinn. So sei es – neben dem schnellen Eintreffen der Polizei am Tatort – wichtig gewesen, dass der Generalbundesanwalt noch in der Tatnacht das Verfahren ĂŒbernommen habe.

Auch beim Engagement gegen Rechtsextremismus sieht FĂŒnfsinn Fortschritte – und verweist etwa auf einen neuen Fonds fĂŒr Projekte gegen Extremismus, auf das Hessische Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus sowie auf das Aktionsprogramm "Hessen gegen Hetze" – "also man kann nicht sagen, dass Hessen nichts tut", sagt FĂŒnfsinn. Ob sich der Alltagsrassismus, "den man nicht leugnen kann", dadurch beeindrucken lasse, stehe auf einem anderen Blatt.

Allein 50 Hassmails in der Tatnacht

So hĂ€tten die Behörden alleine in der Tatnacht vom 19. zum 20. Februar 2020 ĂŒber 50 Hassmails wahrgenommen. Über die bei der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft angesiedelte Zentralstelle zur BekĂ€mpfung der InternetkriminalitĂ€t seien die Verfasser verfolgt und auch teils bereits verurteilt worden, sagt FĂŒnfsinn. "Will sagen: Wir tun schon was. Es mag sein, dass die Angehörigen das als viel zu wenig erachten, aber man kann nicht sagen, dass der Staat wegschaut." Zugleich Ă€ußert der hessische Opferbeauftragte die Hoffnung, dass auch durch die Arbeit in der ExtremismusprĂ€vention solche Taten kĂŒnftig verhindert werden können – "sicher ist man allerdings leider nie."

Erst vergangenen Donnerstag hatte der Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent mit Blick auf den Hanauer Anschlag deutlich gemacht, dass aus seiner Sicht die gesamte Gesellschaft im Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus gefordert ist – und erst ganz am Anfang eines langen Lernprozesses stehe.

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